Mehr als 80 Jahre später scheint der Schrecken zu verblassen. Antisemitismus überall. Die AfD spricht von ‚Vogelschiss‘ und fordert eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. So beginnt der Journalist Thilo Mischke seine dreiteilige Dokumentation „German Guilt“, die derzeit in der ZDF-Mediathek abrufbar ist.

„Hat die Erinnerungskultur in uns selbst so versagt?“ Mischke trifft einen Nerv. In Teilen der deutschen Öffentlichkeit gewinnt ein Ton an Lautstärke, der an die 1950er- und 60er-Jahre erinnert: Es müsse doch mal gut sein. Deutschland müsse wieder stolz sein, um sich in einer kriselnden Welt zu behaupten. Doch was bedeutet das? Insbesondere wenn die Erinnerungen an den Nationalsozialismus zu verblassen drohen?

Geschichte muss persönlich sein

Die Dokumentation will diesem Verblassen und Verdrängen etwas entgegensetzen. Wer eine klassische „Hitler-Doku“ erwartet, wird überrascht. Mischke verfolgt die These, dass Geschichte erst dann wirklich greifbar wird, wenn sie persönlich wird. Deshalb reist er nicht zu Orten der NS-Verbrechen oder Schlachten, sondern sucht in Familiengeschichten nach Spuren der Vergangenheit, auch in seiner eigenen.

Er fragt weitere prominente Persönlichkeiten an, es ihm gleichzutun und familiäre Verstrickungen in die NS-Zeit zu erforschen. Viele sagen ab, was wenig überrascht, aber dennoch aufschlussreich ist. Zwei folgen dem Aufruf: die Journalistin Ronja von Rönne und die Schauspielerin Katja Riemann.

Die drei Protagonisten erzählen unterschiedliche Geschichten, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Sie drehen sich um Täter, Widerstand, Opfer und Institutionen. Gerade das macht den Reiz aus: Das Persönliche steht im Vordergrund, die Perspektiven bleiben individuell. So entsteht ein mosaikhaftes Bild der deutschen NS-Vergangenheit.

Offene Emotionen

Die Produktion verwebt private Erzählungen mit historischen Kontexten und öffnet den Blick auf größere gesellschaftliche Fragen: Wie werden Täterrollen innerhalb von Familien tradiert, verdrängt oder verklärt? Es geht nicht um Anekdoten, sondern um Mechanismen der Erinnerung – und deren Grenzen. Von Rönnes Großmutter etwa berichtet von ihrem Vater, der sich angeblich human gegenüber den Bauern auf Kreta verhalten habe. Die Enkelin erfährt bei einem Besuch vor Ort jedoch, dass die Wehrmachtssoldaten kaum ahnungslos gewesen sein konnten.

Der Zuschauer begleitet nicht nur drei Protagonisten auf ihrer Suche, sondern begegnet auch einigen Nebendarstellern, die das Bild deutscher Erinnerungsgeschichten erweitern: Da ist der Mann, der im „Lebensborn“ geboren wurde, einer Einrichtung, in der „arische“, uneheliche Kinder zur Welt gebracht werden konnten. Er berichtet von seinem Vater bei der SS, den die Familie lange als angeblichen Widerstandskämpfer in Erinnerung behalten wollte.

Was „German Guilt“ besonders macht, ist die Balance zwischen persönlicher Intimität und historischer Weite. Der Zuschauer erfährt viel über Mischke, von Rönne und Riemann – über ihre Unsicherheiten, ihre Scham, ihre Ratlosigkeit. Riemann etwa reagiert hochemotional, als sie erfährt, dass ihre Oma den Euthanasie-Programmen der Nazis zum Opfer fiel. Sie weint, wirkt fast überfordert und ringt um Worte, was für den Zuschauer schwer zu ertragen ist, jedoch erneut eine starke Nähe zu den Protagonisten und ihren Familiengeschichten schafft. Mischke selbst sagt in einem zentralen Moment, er empfinde keine Scham, sondern Verachtung – warum, verrät die Doku im Verlauf. Nur so viel: Auch seine Großmutter, überzeugte Sozialistin, verschwieg mehr, als sie zugeben wollte.

Am Ende steht kein bloßes Schuldgefühl, sondern die Aufforderung zur Verantwortung. Erinnerungskultur, das macht „German Guilt“ klar, ist keine abgeschlossene Angelegenheit, sondern eine fortwährende Aufgabe. Nicht bequem sein, sondern genau hinsehen, nachfragen, sich einlassen. Auf die eigene Familiengeschichte ebenso wie auf die deutsche Geschichte.

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