Es beginnt an einem Sandstrand, den schwebt die Kamera hoch bis zu einem blauen Swimming Pool, weiter über einen grünen Golfrasen, folgt dann hochhackigen Schuhen, die auf eine schwarze Limousine zugehen und einsteigen. Die Limousine fährt los, gefolgt von drei anderen schwarzen Limousinen, und hält schließlich auf einem Flugplatz vor einem Privatjet. Die High Heels-Trägerin steigt die überdachte Treppe hinauf und lässt sich in der Maschine nieder. Sie ist die einzige Passagierin. Das Flugzeug hebt ab. Auf ihm steht in großen Lettern „Trump“.
Wüsste man nicht von vornherein, in was für einer Art Film man sich in „Melania“ befindet, man könnte glauben, dies sei eine Luxus-Dokumentation über eines dieser Supermodels aus der Zeit, in der es noch Supermodels gab. Als Nächstes sieht man Melania im Trump Tower bei der Anprobe für die bevorstehenden Feierlichkeiten anlässlich der zweiten Amtseinführung ihres Mannes. „Ich möchte den Amerikanern mein Leben zeigen“, sagt sie mit ihrer das slawische „r“ noch leicht rollenden Stimme, und das bekommen wir dann 100 Minuten lang in diesem Kuriosum auch zu sehen, das nun weltweit in den Kinos angelaufen ist.
„Wow!“, ruft der Ex-Balmain-Designer Hervé Pierre, als sie das von ihm entworfene marineblaue Jackett zum ersten Mal anzieht. „Beautiful!“, setzt er hinterher und ist sofort einverstanden, als sie ein paar Änderungswünsche äußert. „Sie war ein Model, das merkt man“, vertraut er der Kamera an, „sie weiß, was sie will, und sie erteilt klare Anweisungen.“
Ein flüchtiger Blick auf die Frau hinter der lächelnden Maske
Im weiteren Verlauf wird Melania Trump sich immer wieder selbst beschreiben. Nach „Perfektion“ strebe sie. „Zeitlose Eleganz“ sei ihr Stil. Sie arbeite stets „hochkonzentriert“ und „mit scharfem Verstand“. Sie legt das Geständnis ab, dass sie „stets sehr hohe Ansprüche“ an sich gehabt habe. Und schließlich: „Meine kreative Vision ist immer glasklar.“ Es ist der unverkennbare, hohle Jargon der Mode- und Werbebranche, und sie mischt ihn mit einem Lob des Arbeitsethos‘, das ihre Mutter ihr beigebracht habe. Gute Models arbeiten hart und sind diszipliniert. Es ist ihre einzige Chance, sich nach oben zu arbeiten.
Ihre Mutter ist gestorben, auf den Tag genau ein Jahr vor Trumps neuer Amtseinführung. Und das ist die Gelegenheit, die „Melania“ am Schopf zu packen versucht, dieser fürchterlich disziplinierten Protagonistin eine menschliche Dimension zu verleihen. Sie besucht die New Yorker St. Patrick‘s Kathedrale, redet mit zwei Priestern, geht gedankenverloren zum Altar, zündet mehrere Gedenkkerzen an (warum eigentlich mehrere, wenn es einzig um ihre Mutter geht?) – und verlässt die Kirche wieder, ohne ein Anzeichen von Emotion gezeigt zu haben. Ist dies das Bild einer guten Tochter?
Wer genau hinschaut, kann trotzdem ein paar Mal einen flüchtigen Blick auf die Frau hinter der lächelnden Maske erhaschen. Dreimal, genauer gesagt. Das erste Mal fragt ihr Fahrer sie nach ihrem Lieblingssänger, sie antwortet „Michael Jackson“, und dann beginnt sie ein paar Zeilen aus „Billie Jean“ zu summen, darunter „Be careful what you do“ – was über dem gesamten Film stehen könnte. Das zweite Mal besucht sie mit ihrem Mann einen Ball, auf dem gerade die Schwulenhymne „YMCA“ gespielt wird, und sie wirft dazu urplötzlich die Hände in die Luft und wagt ein paar Tanzschritte. Das dritte Mal empfängt sie die Ehefrau einer der 7. Oktober-Geiseln, die irgendwann in Tränen ausbricht. Daraufhin steht Melania auf, geht ein paar Schritte und umarmt die Besucherin tröstend.
Das könnte allerdings, wie fast alles Andere, auch Inszenierung gewesen sein. Die Steifheit ihrer Inszenierung wird einem besonders in einem Zoom-Gespräch mit der französischen Präsidentengattin klar. Hier die perfekt gestylte Melania Trump, dort als Kontrast die strubbelige, lebhaft gestikulierende Brigitte Macron, die Melania das Kompliment macht, sie sei „sehr stark“. Davon würden wir in dem Film gern etwas sehen.
Trump muss sich mit der Rolle als Nebenfigur begnügen
Die Realität jenseits der Limousinen und Bälle und Anprobetermine hat nur einige ganz kurze Auftritte. Einmal, bei dem Amtsübergabefoto von Trump mit Biden, hört man einen Fotografen „Wird Amerika den nächsten Präsidenten überleben?“ rufen. Einmal nimmt eine Melania-Assistentin einen Anruf entgegen, in dem sich ein Reporter erkundigt, wie dieser Film denn finanziert worden sei. Man glaubt nicht recht zu hören. Will „Melania“ jetzt über die Deals reden, die ihn entstehen ließen, wird das nun ein Meta-Film – aber nein, die Assistentin wimmelt den Anruf schnell ab, über die Unterwürfigkeit des Jeff Bezos wird hier nicht gesprochen.
Donald Trump muss sich lange mit der Rolle einer Nebenfigur begnügen, bis er am Vereidigungstag doch in den Vordergrund tritt. Er ruft an, begrüßt sie mit „Hi, honey“, sie antwortet „Hi, Mr. President“.
Er ist ganz Kavalier, lässt sie auch ein paar Mal vor sich laufen und betont wiederholt, wie großartig sie doch sei. Doch dann gibt es die Szene, in der er hinter einem Rednerpult den Text seiner Antrittsansprache probt; sie sitzt am Rande auf einem Stuhl. Es geht um eine Formulierung, Trump bezeichnet sich als „Friedensbringer“ und als ….? Melania ruft von der Seite herein „… und als Vereiniger!“ Trump weist die Kamera an, das nicht zu filmen, denn: „Diese gute Idee hatte meine Frau!“
Ideengeber, das ist offenbar nicht die Funktion, für die sie vorgesehen ist. Und, wie zum Ausgleich für diese Einmischung, schwärmt sie ein paar Minuten später nach der Amtseinführung über ihren Prachtkerl von Gatten: „Sie haben ihn verleumdet, wollten ihn einsperren und ermorden. Aber hier steht er! Ich bin so stolz!“
Nach 100 Minuten, in denen man zuletzt noch erfahren hat, dass Melania nach 22 Stunden in Stöckelschuhen diese um 2 Uhr morgens dankbar auf den Boden warf, kann man sich die Frage nach dem Zweck dieses Werkes stellen. Zum einen ist er sicher eine Dankbarkeitsgeste: Das Mädchen aus Slowenien hat den amerikanischen Traum erlebt und ist First Lady geworden.
Zum anderen ist es ein Anspruch, ernst genommen zu werden: Ständig ist von Melanias großem Engagement für die benachteiligten Kinder dieser Welt die Rede. Und schließlich: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, der Begründung einer Dynastie Trump zuzusehen. „Melania“ wirkt phasenweise wie die Erhebung eines Anspruchs von Seiten der getreuen Ehefrau. Dafür kann man, wie Amazon MGM das tat, schon mal 75 Millionen Dollar ausgeben.
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