Die Geschichte des Wolfs im neueren deutschen Kriminalfilm ist eigentlich ein Argument für die Freigabe von Abschüssen aller Art. Es gibt ganze Serien, die nach dem angeblich notorisch schafereißenden Karnivoren benannt sind. Und immer verheißt es – wie das gar nicht seltene Auftauchen seines finsteren Legendenbruders, des Raben – nichts Gutes, wenn er sein Unwesen treibt in einer Mord- und Totschlaggeschichte. Kaum hoppelt er, wie im neuen Berliner „Tatort“ eher unbeholfen durchs Bild, steht das Tor zu seinem ziemlich engen Märchen-, Mythen- und Metaphernreich sperrangelweit offen.

Dem armen Wolf, der da durch den eigentlich von Anfang an angekündigten raschen Abschied der Corinna Harfouch als Kommissarin Bonard aus dem Sonntagabendkrimi schnürt, wurden gleich noch ein paar zusätzliche Wackersteine in den eigentlich sehr schlanken Plotbauch gesteckt. Es gewittert über der Stadt. Abgesperrt wegen Wolfsbefall wird ein Gefahrengebiet rund um die offen der Verwahrlosung preisgegebene Abhörstation auf dem Teufelsberg (!).

Vielleicht nicht unbedingt nötig gewesen wäre, dass die Leiche des Obdachlosen, um dessen Ermordung es eher am Rande dieser mehrbödigen Mordfantasie geht, von einer ziemlichen Schreckschraube von Frau gefunden wird, die Odin heißt. Geradezu zwangsläufig hat sie ihre beiden gruseligen Hunde wie Odin seine Wölfe Geri und Freki getauft. Immerhin fliegen über dem Grunewald keine schwarzen Raben. Da ist man doch schon mal sehr froh.

Wie überhaupt über das, was Drehbuchautorin und Regisseurin Mira Thiel dann aus diesem Trümmerberg der Mythen an Geschichten erzählt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle die Warnung vor einer Produktenttäuschung aussprechen. Es wird im „Gefahrengebiet“ zwar gestorben (die Wölfin vom Anfang, das zur Beruhigung aller Nabu-Beitragszahler, ist am Ende doch sehr lebendig und ziemlich zutraulich). Ein richtiger Kriminalfall wird die sechste Ermittlung von Bonard und ihrem Kollegen Karow nie. Es ist eher eine Kriminalfantasie. Ein schwarzromantisches Nachdenktraumspiel vom Überleben in den Abgründen der Welt. In der Stadt und im Dickicht der Bäume.

Lauter logische Lücken

Man muss schon – aber in welchem Märchen, welchem Traumspiel muss man das nicht – über ein paar logische Lücken springen. Dass Bonard, die Kontrollierte, die Kühle, ein wenig neben der Spur ist, weil ihr Abschied bevorsteht, und eine ungewöhnliche Zickigkeit und Dusseligkeit an den Tag legt, hätten wir noch hingenommen. Dass sie aber, kaum hat sie im herrlichen Urwald am Teufelsberg die Survival-Professorin Dara Kimmerer getroffen, Karow Waffe und Telefon in die Hand drückt und sich gemeinsam mit Kimmerer ins Unterholz verdrückt, ist so unglaubwürdig, wie die Begriffsstutzigkeit von Rotkäppchen angesichts der falschen Großmutter.

Während Harfouch wie somnambul durch märchenhafte Wälder zieht, das Feuermachen erlernt, über den Sinn von Sinnsuchen philosophiert und des Morgens in einen eiskalten See hüpft, bricht aus dem latent bisexuellen Karow eine lang vermisste melancholische Lebenslust heraus. Was seinen Ausgang in einer psychologisch ebenfalls eher unglaubwürdigen Uber-Fahrt in die Dunkelheiten der Stadt nimmt.

Karow befördert einen Mann zu seinem Luxusbunker, der einen bemerkenswerten Oberlippenbart trägt und von ziemlich sinisterem Charakter ist. Woraus „Gefahrengebiet“ keine Sekunde ein Geheimnis macht. Noah Farrell ist von Beruf Archenbauer (jaja, subtile Namenswahl sieht anders aus, aber das hatten wir ja schon bei Frau Odin). Er sorgt dafür, dass es in Deutschland wenigstens ein paar Bunker für den Notfall gibt.

Allerdings natürlich nicht für alle, sondern für eine elitäre Verschwörergemeinschaft, in die nur jenen Zugang gewährt wird, die sonst ins All fliegen, beim vermeintlich größten Präsidenten aller Zeiten bis zur Unkenntlichkeit im Hintern stecken und über die Befreiung der Welt vom Übel der Demokratie und des imperfekten Menschen nachdenken.

Die dunkle und die schwule Seite von Karow ist fasziniert. Und während Bonard an der Seite der Überlebensprofessorin (Anne Ratte-Polle) in der traumschönen Mondnacht mit Stirnlampe und Dreizack Fische fängt und nachdenkt über Mensch und Natur und was sie verbindet, über den Sinn des Lebens und den ganzen Rest, legt sich Karow (Mark Waschke) in der kühlen Kellerarche zu Noah (Nils Kahnwald) und bekommt einen Grundkurs in latent faschistischer Prepperphilosophie.

Das sieht so rätselhaft und so in allen Farben der Dunkelheit schön aus, dass man im Sog gar nicht merkt, über was man alles gespült wird. Ein Sog, dessen faszinierende Kraft sich natürlich auch daraus speist, dass es sich bei „Gefahrengebiet“ um ganz prima Schauspielerfernsehen handelt. Am Ende wird es ganz still. Eine einsame Wölfin – auch dieses Klischee darf in einer Geschichte mit Canis lupus nicht fehlen – geht ab auf dem stillen Rollfeld des Flughafens Tegel. Einen würdigeren Abschied hatte der „Tatort“ nicht mehr seit Meret Becker als Nina Rubin in den Armen von Karow starb. Auf dem Rollfeld des BER.

„Tatort: Gefahrengebiet“ läuft am 1. Februar um 20:15 Uhr im Ersten und der ARD-Mediathek

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