Es war die letzte Premiere von Fabian Hinrichs und René Pollesch: „ja nichts ist ok“ hieß es vor fast genau zwei Jahren. Der Schauspieler und der Regisseur jagten mit Stücken wie „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“, „Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia“ und „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ das Erbe von Bertolt Brecht durch Pop und Postmoderne – und veränderten vielleicht nicht die Welt, aber auf jeden Fall das Theater. Kurz nach „ja nichts ist ok“ starb Pollesch. Am Freitag zeigte Hinrichs jetzt mit „Irgendetwas ist passiert“ einen neuen Soloabend an der Volksbühne, den er mit seiner Frau Anne Hinrichs entwickelt hat.

„Irgendetwas ist passiert“ knüpft nahtlos an die letzten Arbeiten von Pollesch und Hinrichs an, auch wenn das Team nun Hinrichs und Hinrichs heißt. Paul und Claudia, die zwei Protagonisten, tauchten bereits in „ja nichts ist ok“ auf, wo sie mit Stefan, einem Unbekannten und einem sprechenden, weil smarten Kühlschrank in einer Vierer-Wohngemeinschaft lebten, die sich nach allen Regeln dessen verkrachten, was die Soziologie als Polarisierung beschreibt. Bereits damals hatte Hinrichs, bekannt unter anderem aus dem Franken-„Tatort“, eine neue Spielweise etabliert, bei der er selbst alle Figuren verkörpert und den Rollenwechsel als eigenes Bewegungselement ausstellt.

Auch knüpft der knapp 90 Minuten lange Abend an das unter Alltagssprachmüll begrabene Ohnmachts- und Verzweiflungsgefühl an, das spätestens seit „Geht es dir gut?“ – 2022 inmitten von Corona-Krise und Ukraine-Krieg entstanden – die virtuose Kritik neoliberaler Entfremdungsphänomene als Leitmotiv abgelöst hat. Dabei beginnt es scheinbar harmlos: beim Joggen. In Sportlerkluft (Kostüme von Tabea Braun) auf der Stelle tippelnd eskaliert die Paardynamik innerhalb von Minuten. Es geht um banale Verletzungen und Mikroaggressionen, die jedoch plötzlich das Leben mit dem Anderen (Claudia) oder das Leben überhaupt (Paul) nicht mehr fortsetzbar erscheinen lassen.

Wenn sich Paul und Claudia sich in der Person von Fabian Hinrichs wechselseitig „Fick dich!“ an den Kopf schmeißen, wirkt das wie eine ins Absurde und Schizoide gewendete Eheklamotte à la „Der Rosenkrieg“. Das alles spielt auf der Vorderbühne, ist nur die Exposition. Als sich der eiserne Vorhang hebt, kommt Nina von Mechows großartige Bühne zum Vorschein. Das Einfamilienhaus mit Giebeldach lässt sich wie in einem Bausatz auseinandernehmen und außerdem hoch- und runterfahren, sodass auf dem Weg zur roh verputzten Garage mit Mülltonne eine Wand mit Plakaten erscheint: René Pollesch, der „Melania“-Film, Iron Maiden, Friedrich Merz. Davor eine LED-Werbesäule.

Die Bühne bringt Räume zusammen, die sonst getrennt sind: das private Eigenheim in der Vorstadt mit dem öffentlichen Raum der urbanen Metropole. Oder ist das längst eins? Ist die Metropole provinzialisiert und umgekehrt? Was ist aus diesen Zonen des bürgerlichen Lebens geworden? Unorte? Entleerte Transitzonen einer Mobilmachung der Warenwelt, die sich im unablässigen Fluss der Werbebilder verdoppelt? Diese fantastische Bühne ist ein Denkraum über den Zustand der Polis im 21. Jahrhundert, über die Möglichkeit eines Rückzugs inmitten der Hochgeschwindigkeitszirkulation medialer Bilder, letztlich über das Verhältnis des Politischen und Privaten überhaupt.

Zwischen „Heute-Journal“ und „American Psycho“

Immer wieder lässt die Inszenierung das Private und Politische kollidieren. Beim Möhrenschälen für das Abendessen – Salat mit Eiweißbrot, wie immer, und Burrata wird nicht geteilt –, wird lauter Gefechtslärm eingespielt. Die Diskussion über eine neue Küchenarbeitsplatte führt bruchlos von der routinierten Empörung über die Gewalttaten im Nahen Osten und die deutsche Politik („Und der Merz fährt da auch noch hin!“) zur Urlaubsplanung („Und wo fahren wir eigentlich hin?“). Dann geht’s ins Schlafzimmer, um einen Porno zu schauen und lustlos zu masturbieren, später laufen das „Heute-Journal“ und „American Psycho“. Für die Schlafhygiene ist beides nicht zuträglich.

Wie in „ja nichts ist ok“ ist es vor allem Paul, dessen Reizschutzgrenze so niedrig liegt, dass er sich den katastrophischen Nachrichten und Bildern nicht entziehen kann. Als in einer Szene Aufnahmen von Krieg, Zerstörung und Flucht übergroß auf das Bühnenrund projiziert werden, steht Hinrichs wie Caspar David Friedrichs „Der Mönch am Meer“ vor diesem negativ Erhabenen, in dem die Naturkräfte von den Zerstörungskräften der Gesellschaft abgelöst sind. Das kann man als Anklage einer grausamen Welt verstehen und ist zugleich doch mehr, weil es das „grausige Wohlgefallen“, von dem Immanuel Kant beim Erhabenen spricht, mitschwingen lässt. Ein fataler Sog der Katastrophe.

Ob man sich die Augen verbindet und Wachs in die Ohren stopft oder sich den so nahen wie zugleich fernen Bildern des Krieges hingibt und statt dem guten nun das schlechte Gewissen pflegt, es scheint einfach kein richtiges Leben im Falschen zu geben. Am Ende liegen die beiden Protagonisten erschöpft im Schlafsack vor der Garage, im Hintergrund marschiert ein Soldat durch die Szenerie. Kurz zuvor hörte man Merz sagen, dass nun „wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen“ müssten. Und welche Sprache sprechen eigentlich Paul und Claudia? Die der romantischen Empfindsamkeit? Und der heimeligen Flucht in die vermeintliche Sicherheit des alltäglichen Lebens?

Man hat den Eindruck, dass dem Paar etwas Entscheidendes entgangen ist. Irgendetwas, das vor ihrer Nase passiert ist, während sie sich – ob Urlaube oder Kriege – dem Fernsten widmeten oder in Erinnerungen schwelgten. All das versprach ja, die eigene Lebensform unangetastet zu lassen. Eine Illusion, wie sich nachträglich nun zeigt. Mit Zitaten von Hannah Arendt, wie aus ihrem letzten Aufsatz über „200 Jahre Amerikanische Revolution“, wird ein Wendepunkt der Geschichte beschworen, der Epochen voneinander trennt. Die „Einübung auf Images“, die alles auf bloße Zeichen reduziert, wird als Irrweg verabschiedet. Nur was kommt nach dem Verlust der Illusionen? Irgendetwas Neues auf jeden Fall.

„Irgendetwas ist passiert“ ist großes Weltschmerztheater, eine Performance der Verzweiflung und der Ratlosigkeit. Doch es ist noch mehr: Weil das Stück nicht ausspart, wie sich auch die über Krisen, Kriege und sonstige Katastrophen, aber vor allem um sich selbst besorgten Mittelklassenmilieus in ihren immer offensichtlicher beschädigten Lebens- und Erfahrungsformen einzurichten versuchen, ist es nicht nur eine der Selbstvergewisserung dienende Anklage, sondern ein bemerkenswerter Versuch, sich über die eigene Lage rücksichtslos aufzuklären. Es ist zugleich ein weiterer umwerfender Soloabend von Fabian Hinrichs, der mühelos allein die große Bühne bespielt, und ein gelungenes Debüt für Anne Hinrichs, die eigentlich als Psychotherapeutin arbeitet. Irgendetwas ist geglückt an diesem Abend.

„Irgendetwas ist passiert“ läuft an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

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