Der einzige Strom, der in Berlin niemals versiegt, ist der der Hiobsbotschaften. Straßenbahnen heißen hier bezeichnenderweise Trams, offenbar eine Abkürzung für „Tägliches Ringen am Minimum“, „Tragische Restillusion allgemeiner Mobilität“ oder, in typisch Berlinerischem Fatalismus, „Theoretisch rollt alles Mögliche“. Die Dinger, die anderswo zum Fahren da sind, stehen jedenfalls seit Tagen still. Ist jetzt wieder die Vulkangruppe schuld, fragt man sich als hier gestrandetes Opfer widriger Lebensumstände, oder doch der tückische Eisregen? Egal. Mit den Elementen, egal ob linken oder meteorologischen, steht man in der Hauptstadt in diesem Winter auf Kriegsfuß.

Ist das überhaupt noch Berlin, sinniert man ratlos, auf abschüssiger Bahn zum Supermarkt schlitternd, wenn keiner mehr Transfer empfängt? Die sogenannte Verkehrsgesellschaft BVG – was in Wahrheit für „Bewegung vorübergehend gefährdet“ beziehungsweise „Bitte vorsichtig gehen“ steht – erklärt entschuldigend, die aktuelle Lage sei „in dieser Form beispiellos“. Der „intensive Eisregen“ habe „zu massiven Vereisungen geführt. Eine solche Kombination hat es in Berlin seit Jahrzehnten nicht gegeben.“

Dass Eisregen zu Vereisungen führt, ist ja auch ungefähr so logisch wie, dass man eine Baustelle eröffnet, um etwas zu reparieren. Auch eine solche Kombination hat es in Berlin seit Jahrzehnten nicht gegeben.

„Ich appelliere an das Abgeordnetenhaus“

Es wurde übrigens gerade ein ehrenamtlicher Baustellen-Beauftragter des Landes ernannt. Der 64-jährige Jörg Seegers, der sich seine Sporen natürlich als BVG-Baumanager verdient hat, soll vom 1. Februar an „Sperrungen besser aufeinander abstimmen“, wie es mit feinem Sinn für Humor heißt, sowie sogenannte „Schlafbaustellen“ ausfindig machen, auf denen, so die offizielle Verlautbarung, „seit längerer Zeit nicht mehr gearbeitet wird“. Zumindest in den Behörden scheint man heiter gestimmt.

Der Bürgermeister macht unterdessen seiner Verzweiflung eisig Luft: „Wir erleben in Berlin extreme Wetterbedingungen“, schreibt er auf X, „mit Eisregen und anhaltendem Frost. Ich appelliere an das Abgeordnetenhaus, den Einsatz von Tausalz in Berlin in Ausnahmen möglich zu machen.“ Die Lage ist so schlimm, dass Wegner sich wohl nicht mehr aus dem Homeoffice traut, um zur Tennishalle zu fahren.

Würden über den Insta-Feed nicht Bilder hereinwehen wie neulich aus Kamtschatka, wo die Bürger lustig aus dem 43. Stock eines eingeschneiten Plattenbaus in den turmhoch aufragenden Puderschnee springen, könnte man meinen, an der Spree herrschten Zustände wie in „The Day After Tomorrow“. Derweil debattieren die Abgeordneten im Roten Rathaus über den Einsatz von Streusalz wie über die Atombombe. Aus Angst vor Grundwasserverunreinigungen bestehen die Grünen darauf, das Glatteis konsequent homöopathisch zu behandeln. Zwischen Spandau und Köpenick dürfe höchstens das ein oder andere Körnchen fallengelassen werden, um ein Zeichen zu setzen. Um Stürze zu verhindern, wird eine moralisch gefestigte Haltung empfohlen. Das Ehegattensplitting wird ab sofort als Umweltsünde eingestuft.

Währenddessen begrüßt die Linkspartei ausufernde Rutschpartien als Fortschritt in sozialer Mobilität. Man müsse das Blitzeis als Chance begreifen, als basisdemokratischen Aggregatzustand und Beförderer flacher Hierarchien. Vor der Zentrale am Rosa-Luxemburg-Platz hängen schon Plakate wie „Eiskunstlauf für alle“. In der außerparlamentarischen Opposition überlegt die FDP, mit Beinbrüchen als Wirtschaftsfaktor in den Wahlkampf zu gehen. Im Kampf gegen die Fünf-Prozent-Hürde könnten die Orthopäden den Unterschied machen.

Auch die Gewerkschaft Verdi hat ihre Freude an der Berliner Schlitterpartie. Sie hat für Montag einen Warnstreik angekündigt, an dem auch die BVG-Anstellten teilnehmen sollen. Dann hätten zumindest die U-Bahn-Schienen, auf denen zurzeit die ganze Nacht die Züge rollen, damit die Spur frei bleibt, die Chance, wieder schön zuzufrieren.

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