Woke ist tot, heißt es von allen Seiten, aber lassen wir diesen Containerbegriff noch einmal aufleben, um einen britischen Superstar in die Ecke zu treiben – der selbst als woke gilt. Der Sänger Harry Styles, 31 Jahre alt, hat nach drei Jahren Pause wieder eine erste Single veröffentlicht: „Aperture“ liefert Einblicke ins Leben eines Partylöwen, der nachts, betrunken, rührselig und sehnsüchtig wird. „Die Drinks gehen direkt in meine Knie“ singt er da, und weiter: „Wir gehören zusammen. Es scheint, als sei es nur Liebe.“

Harry Styles war im vergangenen Jahr viel feiern, in Berlin. Im legendären Techno-Club „Berghain“ wurde er mehrfach gesichtet. Tagsüber auch, da streifte er wie ein einsamer Tiger mit Matcha Latte und Kopfhörern durch die deutsche Hauptstadt. Natürlich wurde er erkannt – auch beim Berlin-Marathon, den er unter dem Pseudonym „Sted Sarandos“ inkognito zu laufen versuchte. Nach 02:59:13 Stunden kam Styles für einen Hobbysportler sensationell schnell ins Ziel.

Einige Instagram- und TikTok-Accounts haben ihre Inhalte nur noch damit bestückt, Harry Styles in Berlin zu porträtieren. Es galt als Sensation, die Berlinern schmeichelte: Ein Weltstar entscheidet sich ganz freiwillig dazu, in Berlin zu wohnen. Die Schimpftiraden auf die dysfunktionale Hauptstadt, in der so alles danebengeht, schienen vergessen. Mit den Fotos von Harry Styles in Berlin konnten sich alle wieder einreden, dass man hier immerhin cool ist.

Popstar Harry Styles ist doch noch mal größer als Berlin. Mit 132 Millionen verkauften Tonträgern und mehreren Grammy-Auszeichnungen ist er einer der erfolgreichsten Künstler der Gegenwart. Ein Erfolg, mit dem er die strategische Richtigkeit seiner Abkopplung von der Casting-Band „One Direction“, der er als Jugendlicher beitrat, unterstrich. Mit gefühlsduseligen Texten auf tanzbaren Beats sang er sich vor allem in die Herzen junger Frauen. Mit jedem Song himmelten sie Styles mehr an, hielten aber gleichzeitig Distanz, indem sie ihre Verehrung für Styles in selbstironischen Memes verhandelten. Die Fanforen, in denen Harry-Styles-Fans Anfang der 10er-Jahre wirkten, haben die heutige Internetkultur maßgeblich mitgeprägt.

Vor allem queere Menschen konnten sich mit Styles identifizieren. Ihnen gab er auch modisch regelmäßig Zucker. Harry Styles war der erste Mann, der das Cover der amerikanischen „Vogue“ zierte – in einem Spitzenkleid von Gucci.

Aber nun sind deutsche Fans enttäuscht. Styles neues Album „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“, von dem „Aperture“ die erste Single ist und das am 6. März erscheint, ist maßgeblich von Berlin inspiriert. Das verrät schon das Cover, das Styles als tätowierten Techno-Raver im Berghain zeigt. Aber Styles dachte gar nicht erst daran, die künstlerische Inspiration, die ihm die deutsche Hauptstadt lieferte, mit einem Konzert zu würdigen. Er wird keine Musik in Berlin spielen, obwohl die Musik nach Berlin klingt. Ist das nicht schon kulturelle Aneignung? Dieser woke Vorwurf, der sonst weiße Menschen mit Dreadlocks oder Indianer-Kostüm anprangert, dürfte Harry Styles in die Knie zwingen wie nächtliche Drinks im Berghain.

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