Ganz angekommen ist er wohl nie auf der Welt. Immer blieb so ein Abstand, eine Fremdheit zwischen ihm und den Dingen, das Erstaunen darüber, wie sie sich zeigen, wie sie stolz tun, verführerisch, und sich dann doch entziehen. Sonderbarer Mann aus Aix. Einmal war ein Fotograf dabei, als er mühsam, mürrisch, missmutig durch die provenzalischen Weinberge stapfte, und man nicht sagen könnte, woran er schwerer schleppte, am Malerkrempel auf den Schultern oder an der beschädigten Ich-Hülle.

Da sitzt er also am Wegrand und blinzelt in die Sonne. Die Hosenbeine abgeschabt. Die Jackentaschen ausgebeult. Der Strohhut im Gras. Viel Licht auf dem kahlen Schädel. Und drin im Schädel nur Empörung: „Monsieur! Es sind nun schon acht Tage vergangen, seit ich Sie um zehn Tuben gebrannten Lack gebeten habe, und ich erhielt noch keine Antwort. Was geht denn da vor? Eine Antwort bitte, und zwar schleunigst! Hochachtungsvoll. Paul Cézanne.“

Wie oft ist man vor seinen Bildern gestanden. Vor seinen letzten und vor seinen ersten. Vor den Zeichnungen und vor den Aquarellen. Vor den „Stillleben“ und den seltsamen Porträts. Vor dem Südlicht über der „Montagne Sainte-Victoire“. Vor den „Badenden“, die irgendwo draußen im unverratenen Nirgendwo so tun, als genössen sie ihr freizügiges Leben. Vor den Bildern, die im Fenster des Pariser Händlers Ambroise Vollard einst die Leute erschreckt haben. Wie wortreich sind diese Bilder beredet worden. Wie wunderbar stumm sind sie geblieben. Wie unkorrumpierbar haben sie ihr Geheimnis bewahrt.

Noch einmal ist große Gelegenheit – im grandiosen Privatmuseum des ehemaligen Basler Kunsthändlers und -sammlers Ernst Beyeler. Gern hat er von einem Besuch beim greisen Picasso erzählt, der vor den Farbwolken einer Cézanne-Landschaft bekannt habe, er und Braque hätten ihrerseits jeden Quadratzentimeter dieser Malerei verschlungen, bis nichts mehr davon übrig geblieben sei: „Cézanne, c’était notre père.“

Es stimmt schon, die Vaterschaft ist nie bestritten worden. Und wenn einer den Titanensturz der Moderne heil überstanden hat, dann war es dieser kauzige Maler, der sich zwei Kartenspieler im Bistro nicht anders vorstellen wollte als zwei Freigänger aus der Nervenklinik. Und es lohnt sehr, noch einmal nachzudenken über die unverbrauchte Magie, über das Staunen, das keinen Deut erwachsener werden will.

Cézanne, der Revolutionär vor der Revolution. Ihn hat die Basler Ausstellung noch einmal im Sinn. Den Maler, der allein in der malerischen Erfahrung – ohne Theorie, ohne Lehre – jene Seh- und Erkenntnisemanzipation vorbereiten half, die die Farben und Formen von den Gegenstandsmatrizen abziehen und den Bildräumen ihre illusionistische Unschuld nehmen sollte. Es stimmt schon, Cézannes Moderne-Zurüstungen sind alles andere als nur Visionen gewesen. Aber es stimmt halt auch, dass die wahre Faszination dieses einzigartigen Werks im nie aufgegebenen Schwellenzustand liegt, in der Spannung zwischen dem, was es sich zugemutet und was es sich nicht getraut hat, im ungewinnbaren Kampf zwischen Bildintelligenz und Schönheitserzwingung. Den Zwang hat schon Rilke beobachtet. Cézanne zwinge seine Bildgegenstände, zwinge sie, schön zu sein, die ganze Welt zu bedeuten und alles Glück und alle Herrlichkeit, und wisse nicht, ob er sie dazu gebracht habe, es für ihn zu tun.

Sollte Erfinden das Programm gewesen sein, das den sogenannten Kunstfortschritt von der Mitte des 19. Jahrhunderts an begleitet und mehr noch beglaubigt hat, dann hat Cézanne nicht wirklich dazugehört. Denn erfunden hat er nichts. Hat keine neuen Bildwelten erschlossen und mit keinen neuen Techniken zu ihrer Erschließung experimentiert. Er hat Früchtestillleben gemalt, weil alle Maler immer Früchtestillleben gemalt haben, und er hat alle Sorgfalt darauf verwandt, dass ihm auch ohne Zentralperspektive kein Apfel vom Tisch rollt. Und wenn er kein Früchtestillleben gemalt hat, dann hat er sein Zeug gepackt und ist raus auf den Hügel Les Lauves oberhalb von Aix, wo er zwischen Oliven- und Feigenbäumen seinen Stammplatz hatte, um dem Bergrücken gegenüber, der Montagne Sainte-Victoire, wieder und wieder sein Farbgeheimnis abzulauschen und so lange zuzuwarten, bis sich die Landschaft ins Dunkelgrüne und die felsigen Gegenstandsteile ins Himmelblaue verwandelt haben. Lange saß er so da und packte seine Sachen erst wieder zusammen, wenn die Sonne, schon matt vom ewigen Strahlen, ihr Licht um das schroffe Kalksteingebirge in flirrende Farbwölkchen verteilt hatte. Und wenn er müde beim Malen wurde, dann hat er die schwierigen, kaum malbaren Gedanken gedacht: „Der Inhalt unserer Kunst liegt in dem, was unsere Augen denken.“

Nach über hundert Jahren sind solche gedankenschweren Sessions im Freiluftatelier gar nicht mehr vorstellbar. Gerade die Landschaften muten so schwerelos an, wie mit leichter Hand skizziert. Der Sommer, den es da zu sehen gibt, fühlt sich mediterran temperiert, südfranzösisch heiter an. Dass da mit den Augen gedacht wurde und das Augendenken nicht nur vergnüglich gewesen sein kann, sieht man den zarten Aquarellen kaum an. Was war es nur, was diesen Maler nie vom Denkzwang erlöst hat? Wie hat es sein können, dass ihm noch im sonnigsten Augenblick das Schönheitsziel nur mit Anstrengung erreichbar schien? Schönheit, das wird gerade hier vor Cézannes Landschaftsaquarellen sinnlich erfahrbar, meint nicht Feier des Naturschönen. Meint im Gegenteil errungene, erkämpfte Bildschönheit. Es wäre unsinnig, die Serie der „Montagne Sainte-Victoire“ als Hommage auf ein intaktes Paradies zu verstehen. Und bei jeder Wiederbegegnung mit dem Werk gehört er wieder zu den allemal bestürzenden Erfahrungen, dieser schmale Grat zwischen Anforderung und Überforderung, dieses ewige Ringen mit dem Engel.

Man darf das nicht mit Gewaltanwendung verwechseln. Die Brüche mit den Traditionen, zu denen sich die Künstler seiner Generation entschlossen haben, blieben Cézanne zutiefst fremd. Dass alles neu zu erfinden, neu zu begründen wäre, hat er sich draußen auf der Malbühne und drinnen im benachbarten Atelierhäuschen nicht vorstellen können. Dass Kunst nur wird, indem sie Kunst hinter sich lässt, ist kein Programm für einen, der sich von den alten Bildern nicht trennen kann. Es ist ja nicht falsch, wenn man den Sainte-Victoire-Aquarellen nachweist, dass sie einen historischen Augenblick vor dem Triumph der Abstraktion markieren. Tatsächlich erscheinen Cézannes Landschaften mehr und mehr nur noch Farbspiel, Koloratur zu sein. Doch die Gegenstandsvergessenheit folgt keinem Programm. Sie gleicht einem Traum an der Schnittstelle der alten und der neuen Zeit. Cézanne hat mit den Augen gedacht, aber kein Manifest verfasst.

Andere – wie die Impressionisten – haben den bürgerlichen Alltag gemalt, das Selbstbewusstsein des Modern Life, haben – wie Seurat – die Welt aus Farbtüpfelchen neu zusammengesetzt, haben – wie Matisse – elegante Linien um nackte Frauenkörper gelegt oder – wie die Kubisten – Körperglieder in geometrische Teile zerlegt – und alle hatten ihren Spaß daran, mit lauter Neugeburten ihr behäbiges Publikum zu verwirren. Cézanne sieht seinen „Badenden“ zu, und es ist, als hielte er dabei die Hand vor die Augen und schaute nur durch die Fingerritzen.

Nicht zuletzt vor dem wiederkehrenden „Badenden“-Motiv wird es nicht möglich sein, dies Werk auf seine bildnerische Intelligenz zu beschränken, es gänzlich zu identifizieren mit dem augendenkerischen, wahrnehmungskritischen Experiment, das die künstlerische Moderne an ihm so sehr geschätzt hat. Es finden sich eben auch Antriebe und unwillkürliche Strategien, die ihm geradeso bedeutsame Gestalt gegeben haben. Und es ist in der Basler Ausstellung eine Lehrstunde der besonders anschaulichen Art, wie das Werk von der Wiederkehr des Abgedrängten rhythmisiert wird, wie es von inwendigen, eingeschriebenen Bildern besetzt bleibt. Wie Cézanne malerisch an Gestade ausweicht, die er niemals besucht hat, zu Menschen, mit denen er nichts gemein hat. Gut versteckt hinter laubreichen Büschen: ein immer neu getriebener Protokollant des verlorenen arkadischen Selbstgenusses.

Was er protokolliert, ist vor allem dies: verklemmte Erotik, Befangenheit, die die Blicke senkt, skulpturale Posen, in denen die Figuren erstarren, Disproportionen und Gesichtslosigkeit, Scham, die unfähig macht zu Genuss und Glück. Auf den ersten Blick ist es wie Wiedereintritt ins Paradies. Aber die Rückkehrer, zittrige, verwackelte Figurenchiffren, können schwerlich verheimlichen, dass sie da nicht mehr hingehören.

Cézanne sollte eine entscheidende Erfahrung machen: So fest, so stabil, so verlässlich kann gar nichts sein, um das Bedrängende unter seiner Bildkontrolle zu halten. Das Bild ist frei. Und was an ihm Erinnerung, Bemühung, Wissen, Ahnung, Hoffnung ist, das alles sind seine Bausteine, die sich vor den Augen so türmen, als seien sie bislang nur nicht richtig gesehen worden, als beginne das Sehen überhaupt erst jetzt mit ihnen. Vielleicht war die Kunst niemals freier als in den Augen dieses Malers, der wohl nie ganz angekommen sein wollte auf der Welt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.