Es gibt ein Foto des Mörders. Seine Stirn verschwindet hinter einer blonden Haarwelle, er hat dunkle Augenbrauen, er trägt ein breites Grinsen im Gesicht – kneift man die Augen zu und legt den Kopf schief, erinnert der Mörder ein bisschen an den blonden Knaben auf den Kinderschokoladepackungen. Er ist nur unwesentlich älter als jener, ein Teenager. Und er hält ein Messer in der Hand. Kein Küchenutensil, sondern ein Gerät mit gezackter Klinge, das militärisch aussieht. Hinter ihm die Kriegsflagge der Konföderierten. Unter dem Foto steht in Druckbuchstaben: „Wenn du Rassenmischung betreibst, schreib deine Adresse in die Kommentare, damit ich dich töten kann.“ Verbreitet wurde das Bild auf einer Webseite, die „iFunny“ heißt. Ja, das Ganze sollte ein Witz sein.

Am 2. Januar 2018 geschah Folgendes: Ein 19-Jähriger namens Blaze Bernstein stieg zu Sam Woodward ins Auto, der damals 20 war. Die beiden fuhren zu einem Wald, stiegen aus. Sam Woodward stach 28 Mal auf Blaze Bernstein, einen schmalen, kleinen Jüngling, ein; 14 Wunden hatte Bernstein allein an der linken Seite seines Halses. Er versuchte, die Messerstiche mit bloßen Händen abzuwehren. Er hatte keine Chance. Als Woodward mit Blaze Bernstein fertig war, ließ er den blutenden Leichnam auf dem Waldboden liegen, stieg in seinen silberfarbenen Nissan und fuhr davon.

Das Motiv für den Mord: Blaze Bernstein war Jude, und er war schwul, und Sam Woodward hasste Juden und Schwule. Und Schwarze. Und Latinos. Und Linke. Er gehörte einer Gruppe von Nazis an, die sich „Atomwaffen Division“ nannte (keine Übersetzung, der Name war deutsch). Die Angehörigen der Atomwaffen Division trugen Aufnäher an den Jacken, die das Symbol für Radioaktivität zeigten: das gelbe Dreieck mit dem Kreis in der Mitte, der in drei Richtungen schwarze Strahlen aussendet. Sie trainierten in Camps in Texas, die sie „Hasslager“ nannten. Unter anderem trainierten sie dort den Umgang mit Messern.

Blaze Bernstein und Sam Woodward kannten sich, sie waren auf dieselbe Highschool gegangen. Allerdings waren sie nicht befreundet gewesen. Blaze, ein jüdischer Junge aus einer linksliberalen Familie, der damals gerade seine Homosexualität entdeckte und sich an der fortschrittlichen Highschool pudelwohl fühlte; und Sam, der Außenseiter, ein verschlossener Junge, der anfing, seine Klassenkameraden mit seiner Bewunderung für Adolf Hitler zu schockieren und heimlich ein Tagebuch führte, in dem er niederschrieb, wie er all die Leute um ihn herum hasste. Einer seiner Bekannten dachte damals über Woodward: Wenn eines Tages jemand mit einer Waffe hier in der Schule aufkreuzt und wild um sich schießt, dann der.

Sam Woodward gehörte nicht zu einer minderprivilegierten Familie. Seine Eltern waren solide Mittelschicht, nicht vom ökonomischen Abstieg bedroht. Woodwards Vater: ein gläubiger Christ, der Schwule verabscheute, aber kein Nazi.

Warum stieg Blaze Bernstein zu Sam Woodward ins Auto? In ihrer gemeinsamen Highschoolzeit hatte Sam Woodward ein grausames Spiel mit ihm gespielt: Er hatte Textnachrichten geschickt, in denen er sein erotisches Interesse an Blaze bekundete. Im selben Augenblick, in dem Bernstein das Interesse erwiderte, blockte Sam ihn ab. In seinem heimlichen Tagebuch notierte Woodward, wie sehr ihn das befriedigte. Als er mit 20 Jahren aus Texas in die Heimat zurückkehrte, kontaktierte er Bernstein erneut. Es klang, als habe er sich geändert, jedenfalls wollte Bernstein ihm noch eine Chance geben. Aber er hatte sich nicht geändert. Er hatte ein Messer.

„Klanaheim“ und „Skinhead City“

In seinem ausgezeichnet recherchierten Buch „American Reich“ bettet der Reporter Eric Lichtblau diesen Mordfall in die Sozialgeschichte der Gegend ein, in dem er geschah: Orange County, Kalifornien. Orange County liegt südlich von Los Angeles, im allerweitesten Sinne könnte man es als Vorort bezeichnen. Touristen kennen Orange County nur aus einem Grund: Dort liegt Anaheim, und Anaheim beherbergt seit 1955 Disneyland. Bis vor Kurzem war Orange County einer der konservativsten Wahlbezirke in den Vereinigten Staaten. Vor dem Flughafen wird der Besucher von einer Statue von John Wayne mit Cowboy-Schlapphut und Revolver im Halfter begrüßt.

Orange County war beinahe ausschließlich weiß und christlich. Die meisten Städte waren „Sundown Towns“, das heißt, dass Schwarze, die dort nach Sonnenuntergang ihr Gesicht zeigten, mit Gewalt rechnen mussten. Als 1954 ein Amerikaner koreanischer Abstammung in Orange County ein Haus kaufen wollte, fand sich kein einziger Grundstücksmakler bereit, den Deal abzuschließen. Jener Koreaner war nicht irgendwer: Er hatte in der Armee gedient und bei zwei Olympischen Spielen Goldmedaillen für die Vereinigten Staaten geholt (er war Taucher). Aber für die Mehrheit der Einwohner von Orange County zählte nur eins: Er war „Orientale“, und „Orientalen“ waren in Orange County unerwünscht.

Natürlich blieb die Uhr in Orange County nicht stehen. Der Civil Rights Act machte es nach 1964 unmöglich, Leuten wegen ihrer Hautfarbe, Religion oder ethnischen Herkunft keine Häuser zu verkaufen. Es waren Latinos, wenige Schwarze und sogar ein paar Juden nach Orange County gezogen. In der Mitte von Orange County entstand ein Little Saigon: Vietnamesische Flüchtlinge siedelten sich an und kochten ihr wunderbares Essen.

Manche Leute sagen, eigentlich seien die Linken am Aufstieg der radikalen Rechten schuld. Mit ihrer Rhetorik hätten sie eine Gegenreaktion provoziert. Nun können Linke mit ihrem moralinsauren Jargon einem gehörig auf die Nerven gehen; aber wer „American Reich“ von Eric Lichtblau gelesen hat, wird sich hüten, dieser Argumentation zu folgen. Die Rechten in Orange County wurden nicht von irgendeiner Form von Rhetorik auf den Plan gerufen. Sie waren immer schon da. Und sie radikalisierten sich, weil immer mehr dunkelhäutige Amerikaner in ihr County zogen. Jeder schwule, jeder hispanoamerikanische, jeder jüdische Schüler an Blaze Bernsteins Schule wusste, welche Gegenden man abends besser mied. Anaheim, die Stadt, in der Disneyland liegt, wurde spöttisch „Klanaheim“ genannt, weil dort Rassisten, die an den Ku-Klux-Klan erinnerten, ihr Wesen trieben. Ein Teil des Strandes war als „Skinhead City“ bekannt: Dort versammelten sich tätowierte Glatzköpfe, während nebenan die coolen Surfer ihren Sport betrieben.

„Orange County gehört dem weißen Mann!“

Vor allem war Orange County ein Zentrum amerikanischer Nazi-Bands. Sie nannten sich „Definite Hate“, „Blueeyed Devils“, „Jewslaughter“. Sie schwenkten Naziflaggen und machten den Hitlergruß (nach amerikanischem Recht nicht verboten; das First Amendment schützt beinahe alles). Punkgruppen, von denen viele links sind, organisierten Polizeischutz, wenn sie in Orange County auftraten. Bei einem Punkkonzert 2019 meldete sich eine Truppe, die sich „Reagan Youth“ nannte, mit Heil-Rufen. Die Rechtsradikalen beschimpften die Schwarzen im Publikum, spuckten sie an und starteten eine Schlägerei. „Orange County gehört dem weißen Mann!“, grölte einer von ihnen.

Nun war das bizarr: Bekanntlich mochte Reagan Einwanderer. Er wollte keine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen, sondern Mexikanern, die in den Vereinigten Staaten Arbeit suchten, ein Visum geben. In seiner Abschiedsrede beschwor Präsident Reagan die Vision von Amerika als Stadt auf dem Hügel, die mit ihrem Freiheitsversprechen Menschen aus aller Welt anlockt. Allerdings sieht das sein Amtsnachfolger Donald Trump entschieden anders. Nachdem Nazis in Charlottesville, Virginia, einen Umzug mit Fackeln veranstaltet, die Parole „Juden werden uns nicht ersetzen“ angestimmt und eine Gegendemonstrantin ermordet hatten, sagte Trump, es gebe „gute Leute“ auf beiden Seiten.

Orange County ist wie ein Mikrokosmos, anhand dessen sich im Kleinen studieren lässt, was derzeit große Teile Amerikas umtreibt: Vorstädte, die früher rein weiß waren, ändern sich grundlegend. Nazis antworten mit Terror. Dies ist die Petrischale, die einen Sam Woodward hervorbrachte, der seinen Schwulen- und Judenhass mit 28 Messerstichen auslebte und eine Familie zurückließ, deren Trauer nie geheilt werden kann. Politisch allerdings ist der Streit in Orange County längst entschieden. Der Wahlbezirk, der ein halbes Jahrhundert lang solide republikanisch wählte, fällt seit 2016 mit überwältigender Mehrheit an die Demokraten.

Eric Lichtblau: American Reich. A Murder in Orange County, Neo-Nazis, and the New Age of Hate. Little Brown. 352 S., ca. 23 Euro.

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