Seine Stimme passt nicht zum Aussehen, das sagt er selbst. Felix Lee hat das Gesicht eines Engels. Weiche, symmetrische Wangenknochen, keine Hautunreinheiten, ein paar Sommersprossen. Lee erinnert an einen Hochelfen, diese Fantasy-Figur, die mit Anmut statt Muskelkraft zu überzeugen weiß. Sobald der menschlich gewordene Hochelf den Mund öffnet, spricht jedoch die Dunkelheit.

Felix Lee wird am Mikrofon zum Schattenjäger. Seine Stimme ist so tief und schwer, als stamme sie aus einer anderen Welt. Man erschrickt ein wenig angesichts dieser androgynen Wandelbarkeit, obwohl sie schon immer zum koreanischen Pop gehörte.

Felix Lee ist mit Abstand die schillerndste Figur der achtköpfigen K-Pop-Band Stray Kids, die in den vergangenen zwei Jahren durch die Welt tourte. Das Filmstudio Universal bringt nun Konzertmitschnitte auf die Kinoleinwand und hat gleichzeitig die Ambition, die Popstars auch jenseits ihrer Bühnenpersönlichkeit zu zeigen. Was nicht vollständig gelingt, weil die acht einerseits zu schüchtern und andererseits zu professionell gedrillt sind, um Einblicke in Abgründe zu gewähren. Sätze wie „Auch ich hatte als Kind mit Dämonen zu kämpfen“ erinnern an Bewerbungsgespräche: „Meine größte Schwäche ist mein Ehrgeiz.“

Dennoch: Die Konzertdokumentation „The dominATE Experience“ widerlegt Skeptiker, die Pop aus Südkorea lange als Kurzzeittrend ausmachten. Massen kreischender, meist weiblicher Fans in riesengroßen Stadien sprechen eine andere Sprache.

K-Pop war 2012 also gekommen, um zu bleiben. Das Lied „Gangnam Style“ von Psy eroberte damals auch deutsche Diskotheken und Dorffeste im Sturm. Jeder junge Mensch konnte plötzlich diesen Tanzstil nachahmen: Beine leicht gespreizt, der Oberkörper federt rhythmisch, während die Arme so tun, als hielten sie die Zügel eines Pferdes. Es sah aus, als würde man durch die Gegend galoppieren. „Gangnam-Style“ war das erste Musikvideo, das auf YouTube mehr als eine Milliarde Klicks einheimste. Der erste tanzbare Exportschlager Südkoreas war in die Welt verschickt worden.

K-Pop bringt dem asiatischen Land mehrere Milliarden im Jahr ein. Große Talentagenturen bilden musikalisch begabte Kinder und Jugendliche wie in Fußball-Nachwuchsleistungszentren aus. Sie geben Fremdsprachenunterricht, Tanz- und Gesangsnachhilfe, auch Benimmregeln stehen auf dem Programm. So verhalf man auch der gecasteten Boyband BTS zum großen Durchbruch. Ihr „Love Yourself: Tear“ führte bald die US-Albumcharts an. Es folgten zwei weitere Nummer-Eins-Alben innerhalb nur eines Jahres. So erfolgreich waren bis zu diesem Zeitpunkt in den USA nur die Beatles. 2022 legte BTS eine Zwangspause ein – die Bandmitglieder mussten Militärdienst leisten. Im kommenden März versucht man sich mit dem Album „Arirang“ am Comeback. Netflix wird das erste Konzert in Seoul live übertragen.

Die Erfolgsquote der Talentagenturen ist so hoch, dass sie auch junge Südkoreaner im Ausland träumen lassen. Wie Hochelf Felix Lee, der zwar koreanische Eltern hat, aber in Australien aufgewachsen ist. Als 16-Jähriger kam Lee zum Vorsingen nach Südkorea. Nun ist er eines der bekanntesten Gesichter des Landes.

Schusswaffengeräusche, aggressive Drums: Der K-Pop von Stray Kids hat keine Berührungsängste mit anderen Musikrichtungen. Manchmal hart gespuckte Rapzeilen, dann sanfter Gesang, plötzlich Rockelemente. Gelegentlich erinnert das an die US-Band „Linkin Park“, die Anfang der 2000er-Jahre sehr erfolgreich zwischen Nu Metal und Rap-Rock hin und her navigierte. Wenn die Stray Kids am Ende ihres Konzerts dann noch einen Tech-House-Song spielen, zu dem Konfetti-Kanonen schießen, als wäre man auf Ibiza, ist die Verwirrung perfekt.

Das Projekt K-Pop gleicht einem emotionalen Tauschhandel: Die jungen Männer ermutigen ihre Fans, zum Wachstumsschmerz eines Teenagers zu stehen. Die bedingungslose Liebe der Fans wiederum hilft den selbst noch heranwachsenden Superstars, an ihre eigenen Worte zu glauben. „Ich weiß, dass es großen Mutes bedarf, so zu leben, wie man möchte“, sagt Han Hi-Sung, der als das schüchternste Stray Kid inszeniert wird. Han bekommt wie alle Bandmitglieder emotionale Unterstützung vom Leader der Gruppe, Bang Chan, der am Auswahlprozess beteiligt war und den Laden zusammenhalten soll, wenn doch mal jugendlicher Leichtsinn, der eigentlich allen in kräftezehrenden Castingrunden früh ausgetrieben wurde, die Professionalität gefährdet.

Das gehört zur widersprüchlichen Erzählung des K-Pops: Junge, talentierte Südkoreaner werden zu Hochleistungsmaschinen gezüchtet, um sie auf großer Bühne die frohe Kunde verbreiten zu lassen: Wir alle dürfen Schwäche zeigen. 

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