Vergangenen Herbst erschien das Buch „Was darf Israel?“ (dtv), eine Unterhaltung in Briefform zwischen Hamed Abdel-Samad und Philipp Peyman Engel, Untertitel: „Ein Streit“. Das Buch behandelt die Lage im Nahen Osten nach dem 7. Oktober und die Debatten, die daraufhin über Antisemitismus in Deutschland entstanden sind. Abdel-Samad und Peyman Engel sind Freunde, obwohl sie Welten trennen, wie das Vorwort betont.
Philipp Peyman Engel, Jahrgang 1983, ist säkular erzogen worden, „aber fest im jüdischen Kollektivgedächtnis verwurzelt“. Als Sohn einer persisch-jüdischen Mutter und als Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“ versteht er sich als leidenschaftlicher Verteidiger des Existenzrechts Israels. Hamed Abdel-Samad, 1972 in Gizeh geboren, deutsch-ägyptischer Politologe, Bestsellerautor und scharfer Religionskritiker, ist in Ägypten als Sohn eines sunnitischen Imams aufgewachsen. Er war zeitweise Mitglied der Muslimbruderschaft und ist später zum Gegner islamischer Ideologien geworden. Für seinen öffentlichen Bruch mit dem Islamismus bekommt er seit Jahren Morddrohungen und lebt unter Polizeitschutz.
Die beiden sind im Frühjahr 2025 endgültig aneinandergeraten, als Hamed Abdel-Samad das Vorgehen Israels in Gaza als „Genozid“ bezeichnet, ein Begriff, dessen Verwendung in diesem Zusammenhang für Philipp Peyman Engel eine rote Linie überschritten habe.
Auf Nachfrage sagt Philipp Peyman Engel über den Entstehungsprozess des Buches: „Beim Schreiben hatten wir beide immer wieder den Eindruck, dass der jeweils andere den Dialog abbrechen wird. Hamed, als es um meine jüdische Sozialisation und angeblich blind zionistische Position geht. Ich, als ich ihm vorwarf, ungewollt antisemitisch zu argumentieren, wenn er Israel kontrafaktisch einen Genozid unterstellt, was für mich die Neuauflage der alten antisemitischen Ritualmordlegende ist.“ Allzu oft würden Diskussionen zum Thema schablonenhaft, polemisch und schlicht unsachlich geführt, sie hätten versucht, „es besser zu machen“. Heraus kam ein Buch, dem man, schon weil es die deutsche Debatte abbildet, einige Übersetzungen gewünscht hätte.
Eine solche Übersetzung ins Arabische hätte in diesen Tagen bei der Buchmesse in Kairo vorgestellt werden sollen, die pro Jahr von zwei Millionen Menschen besucht wird. Der Verlag Al Mahrousa hatte das Buch herausbringen wollen, das Cover war gestaltet – nun wird es aber nicht ausgeliefert, weil die Behörden interveniert haben.
Von welcher Stelle genau ein Verbot ausgesprochen wurde, wisse er nicht, sagt Philipp Peyman Engel im Gespräch: „Eine offizielle Begründung gibt es nicht. Das regeln Diktaturen auf dem kurzen Dienstweg. Was wir mitbekommen haben, ist: Der Verlag wurde massiv unter Druck gesetzt.“ Hamed Abdel-Samad sagt, er habe die Information erhalten, dass seine Bücher – neben dem gemeinsamen mit Peyman Engel auch der Roman „Die Wolkenfabrik“ – derzeit von den Sicherheitsbehörden in Ägypten geprüft würden, „konkret unter dem Vorwurf, sie könnten ‚zum Atheismus aufrufen‘“. Ein Mitarbeiter des Verlags habe ihm mitgeteilt, dass es einen Anruf von den Sicherheitsbehörden gegeben habe, in dem klargemacht wurde, dass das Buch nicht erscheinen dürfe – diese Tatsache habe der Verlag aber nicht öffentlich machen dürfen. Und: „Eine offizielle, schriftliche Begründung für das Buchverbot selbst gibt es bis heute nicht.“
Über die Gründe des Verbots könne er nur spekulieren, sagt Philipp Peyman Engel: „Ein Buch von einem Juden, der Israel verteidigt und scharfe Kritik an der Verlogenheit der angeblichen arabischen Solidarität mit den Palästinensern übt, und als Gesprächspartner dann auch noch Hamed Abdel-Samad, der in Ägypten von progressiven Menschen geliebt und von den Islamisten gehasst wird: Das ist zu viel für das autokratische Regime von Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi.“ Laut Hamed Abdel-Samad dürften die Gründe eher woanders liegen: Er habe zehn Tage vor Beginn der Buchmesse ein Video veröffentlicht, in dem er sich an den Präsidenten wandte und forderte, den seit Wochen verschwundenen YouTuber Sherif Gaber, der von den Sicherheitsbehörden festgenommen worden war, Zugang zu einem Anwalt und ein Gerichtsverfahren zu gewähren. „Kurz nach der Veröffentlichung dieses Videos folgte das Buchverbot – der zeitliche Zusammenhang ist aus meiner Sicht eindeutig.“
„Was darf Israel?“ verbreitet sich aber dennoch: in Form eines PDFs. Die beiden Autoren kämen kaum hinterher, Mails zu beantworten, die um Zusendung des PDFs bitten. Abdel-Samad, bei dem die Rechte für die Übersetzung liegen, schreibt auf Nachfrage, er habe mehrere Angebote zur Veröffentlichung auf Arabisch aus Tunesien, Libanon und aus Kanada. Das Verbot in Ägypten habe dem Buch eine ungeahnte Reichweite beschert: „Das zeigt, dass Zensur heute weniger zum Verschwinden bringt, als vielmehr sichtbar macht, wovor sie Angst hat.“
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.