Könnte es sein, dass die Irren, die an die antisemitische QAnon-Verschwörungsreligion glaubten, von Anfang an einfach recht hatten? Rekapitulieren wir: Die QAnon-Gläubigen wa ren überzeugt, dass eine weltweite Elite von Juden und Linken heimlich Kinder entführten, ihnen in unterirdischen Verliesen Blut abzapften und sich damit gewaltige Räusche bescherten. Der Held dieser Religion war Donald Trump. Bald – in einer Woche, in drei Tagen, schon übermorgen – würde er die Verliese sprengen, die Kinder befreien, die Schuldigen bestrafen, darum wurde er vom sogenannten Deep State auf Schritt und Tritt bekämpft.

Nun stellt sich heraus: Es gab tatsächlich ein weltweites Netzwerk von Wirtschaftsmagnaten, Prinzen, Prinzessinnen, Politikern; ein gewisser Jeffrey Epstein hatte es geknüpft. Dabei ging es zwar nicht um Kinderblut, aber es ging um minderjährige Mädchen: Epstein, des seriellen Missbrauchs schuldig, überließ seine Opfer gern seinen Freunden, wobei für jeden von ihnen, natürlich, die Unschuldsvermutung gilt.

Einen Fehler hat die QAnon-Religion allerdings: Donald Trump, dem man doch die Rolle des Messias zugedacht hatte, war zeitweise offenbar eng mit dem Vergewaltiger verbunden. Kaum ein Name taucht in den Ermittlungsakten, die jetzt stoßweise veröffentlicht werden, häufiger auf. Und der Bekanntenkreis des Herrn Epstein bestand keineswegs nur aus Linken, vielmehr gehörten ihm viele heutige Trump-Unterstützer an, darunter Steve Bannon, Peter Thiel oder Elon Musk. Wie aber steht es mit Künstlern, mit den Intellektuellen im Umfeld von Jeffrey Epstein?

Geburtstagsgrüße, Geldgeschenke

Beginnen wir aus Gründen der Aktualität mit Brett Ratner: Wir verdanken ihm Filmkomödien wie „Horrible Bosses“, aber auch den düsteren Kinokrimi „Red Dragon“. 2017 wurde Brett Ratner von mehreren Frauen vorgeworfen, er habe sie belästigt. Ein Foto in den Ermittlungsakten zeigt Ratner mit dem französischen Modelscout Jean-Luc Brunel, der eng mit Jeffrey Epstein zusammenarbeitete, der Vergewaltigung Minderjähriger beschuldigt wurde und sich in einem französischen Gefängnis erhängte. Ein anderes Foto zeigt Ratner auf einem Sofa mit Epstein und zwei jungen Frauen.

Erwähnenswert ist das deshalb, weil Ratner der Regisseur des Dokumentarfilms „Melania“ ist. Derzeit wird dieses Filmkunstwerk, das 104 Minuten lang die amerikanische Präsidentengattin glorifiziert, in öfter mal leeren Kinosälen gezeigt.

Eng mit Jeffrey Epstein verbündet war auch Noam Chomsky, der weltberühmte Linguist und Politaktivist (an dieser Stelle wurde hier schon dazu berichtet). Die Beziehungen zwischen ihm und Epstein müssen als herzlich bezeichnet werden. Zwar gibt es keine Anhaltspunkte, dass Chomsky an Epsteins Verbrechen beteiligt war – so besuchte er kein einziges Mal Epsteins berühmte Privatinsel, die ein Paradies für Vergewaltiger war. Aber es wurden doch Geburtstagsgrüße ausgetauscht, und einmal nahm Chomsky ein größeres Geldgeschenk an.

Der „charmante“ Mr. Epstein

Dann ist da Woody Allen. Der Regisseur war seit 2010 Jeffrey Epsteins Nachbar in Manhattan; er und seine Frau Soon-Yi Previn waren häufig bei Epstein zu Gast. Im Dezember 2025 sagte Allen, das tue ihm nicht leid: Epstein sei charmant gewesen und habe damals Freundinnen gehabt, von denen keine minderjährig gewesen sei. Auf seinen Partys habe man Zauberkünstler, Wissenschaftler, Lehrer, Mathematiker, Insektenforscher und Konzertpianisten angetroffen, tolle Leute also. Ferner schrieb Allen, Epsteins Stadthaus habe ihn an die Burg von Graf Dracula erinnert, „in dem Bela Lugosi drei junge weibliche Vampire hat, die die Sache in Schuss halten. Wenn man bedenkt, dass Epstein in dem riesigen Haus ganz allein lebte, kann man sich vorstellen, dass er in der feuchten Erde schlief.“ Was genau war daran jetzt charmant?

Ein E-Mail-Freund von Jeffrey Epstein war der Bestseller-Autor Deepak Chopra, ein populärer New-Age-Guru, der seinen Anhängern predigt, sie könnten Unsterblichkeit erlangen, wenn sie seinen Lehren folgen; irgendwie scheint dabei die Quantenphysik eine Rolle zu spielen. 2016 schickte Epstein Chopra einen Zeitungsartikel, in dem stand, dass eine Frau, die Trump und Epstein beschuldigt hatte, sich an ihr vergangen zu haben, ihre Anklage fallengelassen hatte. Chopra antwortete mit einem einzigen Wort: „Gut.“ Zu dieser Zeit war Epstein längst ein rechtskräftig verurteilter Sexualstraftäter (der allerdings nur eine Strafe von extravaganter Milde kassiert hatte). Übrigens war Chopra auch mit Michael Jackson befreundet, der wiederum mit Epstein für ein Foto posierte.

Ziemlich unklar stehen die Dinge im Falle des Zauberkünstlers David Copperfield. Es gibt ein Foto, das ihn zusammen mit Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell zeigt; beide tragen Bademäntel. 16 Botschaften hinterließ er auf Epsteins Anrufbeantworter. Dreimal besuchte er Epsteins Haus in Manhattan und zeigte Tricks. Er fragte Johanna Sjoberg, eines von Epsteins Opfern, ob das Gerücht wahr sei, dass Mädchen bezahlt würden, um andere Mädchen zu finden; Copperfields Anwälte sagten nachher, Copperfield habe diese Frage aus Sorge um sie gestellt. Jeffrey Epstein selbst machte von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch, als er 2016 gefragt wurde, ob er Copperfield mit Minderjährigen versorgt habe.

Hat sich das Katzbuckeln gelohnt?

Unter der Rubrik „Berufsidiotie“ dürfen wir wahrscheinlich die Fälle von Leon Botstein und George Church verbuchen. Botstein, Präsident des renommierten Bard College und als solcher ständig auf der Suche nach Sponsoren, traf Epstein viele Male, nachdem er verurteilt worden war. Er lud ihn zu einer Oper und einem Konzert ein. Epstein kam mit Helikopter und in Begleitung von sehr jungen Assistentinnen; im College passten Sicherheitskräfte auf, die wussten, dass Epstein ein vorbestrafter Verbrecher war.

Hat sich all das Katzbuckeln und Hofieren wenigstens gelohnt? Einmal gab er 75.000 Dollar, ein andermal 150.000 Dollar. Da der Mann über hunderte Millionen verfügte, kann hier nicht von einer reichen Ausbeute gesprochen werden. George Church, ein Molekularbiologe an der Harvard University, traf Epstein mehrere Male zum Mittagessen, als eigentlich jedem hätte klar sein müssen, um was für ein Monster es sich hier handelte. Church hatte allerdings gar nichts von der Verbindung: Zu dieser Zeit weigerten sich Universitäten schon, Geldgeschenke von Epstein anzunehmen.

Verstörend sind die Fotos, die den Physiker Stephen Hawking auf Epsteins Privatinsel in der Karibik zeigen. Jeder, der sich in diesem Sex-Gulag aufhielt, musste eigentlich wissen, was dort vor sich ging; Victoria Giuffre hat in ihrem Buch, das postum publiziert wurde, darüber berichtet, wie dort Minderjährige halbnackt herumliefen, in Hütten vergewaltigt wurden usw. Fotos zeigen Hawking, wie er sich bei einem abendlichen Grillfest und einem Bootsausflug amüsiert. Epstein wollte einer Freundin von Giuffre Geld bezahlen, wenn sie ihre Behauptung widerlegten, Hawking habe sich auf Epsteins Insel an einer Sexorgie beteiligt.

Es ist erst ein Bruchteil der Akten veröffentlicht, sechs Millionen von ihnen sollen noch im Dunkel der Festplatten schlummern. Dass die derzeitige amerikanische Regierung große Angst vor ihnen hat, zeigt sich an den politischen Schauspielen, die sie inszeniert, um die Aufmerksamkeit von Jeffrey Epstein abzulenken. Was werden wir in den Akten finden, die noch kommen – Fotos von Vergewaltigungen, Mord? Der Fantasie sind, wie bei der QAnon-Religion, keine Grenzen gesetzt.

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