Man könnte gegenwärtig den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland habe seinen Humor dahin gepackt, wo er sich zumindest in den Augen der Welt seit dem Krieg sowieso befindet – irgendwo ganz unten in den Keller. Aus lauter Angst, irgendwas falsch zu machen, irgendwen zu beleidigen, für irgendwas, das witzig sein könnte, vor Gericht gebracht zu werden.
Ganz Deutschland? Es gibt eine Gemeinde, die sich einen Dreck schert um Angst und die Schwerkraft der witzlosen Verzagtheit.
Kennen Sie nicht. Können Sie nicht kennen. Ist Zentrum einer neuen deutschen Comedy-Serie, die jetzt auf Netflix startet. Irgendwo rechts oben auf der Landkarte in Brandenburg. Da gibt es ja bekanntlich so herrlich schräg benamte Orte. Kotzen und Ranzig und Kuhbier zum Beispiel. Der Neunteiler, den sich die studentenoscargekrönten Schaad-Brüder Alex und Dimitrij ausgedacht haben, heißt, und jetzt müssen Sie, was Sie im Folgenden vermutlich häufiger sein müssen, ganz stark sein: „Kacken an der Havel“.
Gibt’s natürlich nicht (Brandenburger Dorfbewohner können beruhigt zuschauen: „Kacken an der Havel“ ist keine Abrechnung mit dem, sondern eher eine Liebeserklärung an das Landleben). Kacken ist ein Kaff am Ende der Welt, bewohnt von mehr Enten als Menschen. Genau eine Straße führt nach Berlin, das letzte Mal wurde ein Berliner Kennzeichen 2008 gesichtet.
Dass der Toni, um den sich alles dreht, runter wollte von der ranzigen Scholle und rein in die Hauptstadt, kann man verstehen. Schließlich wollte er Rapper sein. Will er immer noch, als alles beginnt. Hat der Mittvierziger aber nie geschafft. Er belegt schreckliche Pizzen bei Pippo und wohnt, wo in Deutschland der Humor sitzt – im Keller.
Dann stirbt Tonis Mutti, die in Kacken, wo es keinen Verkehr gibt, einen Abschleppdienst betrieb. Sie stirbt, wie sie immer sterben wollte, bei der Rettung einer Ente aus dem Geäst eines Baumes. Sie stürzt ab, wird zweimal vom Blitz getroffen. Das sieht sehr lustig aus. Und Toni, der Trauerkloß, muss wohin man nach Thomas Wolfe auf gar keinen Fall darf, schon gar nicht als Gescheiterter – nach Hause.
Kurz zu den Schaad-Brüdern: Die kamen Mitte der 1990er mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Deutschland. Lernten Deutsch (und das Erzählen von Geschichten) durch übermäßigen Genuss von Serien und Filmen. Ganze „Simpsons“-Staffeln kennen sie auswendig (was – wie das Gesamtwerk des Wes Anderson – einen unmittelbaren Niederschlag in „Kacken an der Havel“ findet, Kacken ist so etwas wie das Schaadsche Springfield).
Den Studenten-Oscar bekamen die Schaads 2016 für den internetkritischen Lehrerfilm „Invention of Trust“. Sie waren beteiligt an „Kleo“, der schrägsten aller DDR-Zeitgeschichtsserien. Dimitrij war Marc Uwe in den „Känguru-Chroniken“-Verfilmungen und hat regalmeterweise Theaterpreise. Auf die Idee zu „Kacken an der Havel“ kamen sie, als sie auf dem Weg nach Lappland mit dem Wohnmobil (und ihrem Vater) irgendwo stecken blieben und von einem offensichtlich betrunkenen Schweden abgeschleppt wurden. Man sollte deutsche Filmstudenten doch häufiger nach Lappland schicken.
Die rosa Pornolimousine
Zurück nach Kacken. Und zum Toni. Der ist ein Schrei nach Liebe. Toni begegnet seiner vollverschrägten Familie, landet in einem Circle of Stress, weil er als Vater gefordert ist und in zwei Tagen einen Hit schreiben soll, für eine Plattenfirma, die ihn mit einer „rosa Pornolimousine“ abholt, in der er von der Synchronstimme von Bruce Willis begrüßt wird. Erzählt wird das Ganze von einer elektrifizierten Ente, die aussieht, als sei sie den Schaads bei Tedi zugelaufen. Tupac heißt sie, trägt Goldkettchen und weiß alles besser.
Es geht um süchtig machendes blaues Zeug, die durch Streamer wie Netflix reduzierte Aufmerksamkeitsdauer und die Niederungen der Hip-Hop-Szene, um performatives Vatersein und telepathische Elternschaft, um den Bruce-Willis-Klassiker „Armageddon“ und die Vereinbarkeit von Familie und Rapper-Karriere.
Und um Veronica Ferres – die ist Kackens ewige Bürgermeisterin und Namensgeberin der Veronica-Ferres-Oberschule, auf der man in Mathe lernt, welche Winkel Veronica Ferres am liebsten mag. Die Ferres spielt mit und Matthias Brandt als Rapper-Records-Chef mit grauenvollen goldenen Grillz und überhaupt alles, was nicht bei drei auf dem Baum war. Und alle hatten sichtlich ihren Spaß.
Dimitrij Schaad betreibt – das kann er wie kein Zweiter – als Tonis Stiefvater Johnny Carrera ein atemberaubendes Gesichtsjogging und den Toni von Anton Schneider (der tatsächlich selbst Rapper ist) möchte man ständig in den Arm nehmen. Auch weil er (wie wir) fast fünf Stunden durch ein Sperrfeuer von Scherzen gejagt wird.
Jede Gelegenheit, „Kacke“ zu sagen, wird genutzt. Jeder Witz, der am Wegesrand des Plots herumlag, wurde eingebaut. Gut, vielleicht nicht jeder, das wissen wir nicht, warten auf den Directors Cut und haben ein bisschen Angst davor, den unendlichen Spaß dann nicht zu überleben.
Eine gewisse humoristische Unerschrockenheit braucht man. Eine Rosa- und Türkisallergie darf man nicht haben. Das ist schrecklich und schick, grauenvoll und genial. Das hält man nicht aus und kommt davon nicht los. Und das sehen jetzt potenziell 190 Länder. Völker der Welt, schaut auf diese Serie. Das ist deutscher Humor. Um es mit Bruce Willis zu sagen: „Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!“
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