Es soll ein rauschender Abend werden. Am 14. März 2026 wird das kulturelle Berlin in der Haupthalle des Kunstmuseums Hamburger Bahnhof dessen dreißigstes Jubiläum feiern. Es ist der Auftakt zu einem Jahr voller Veranstaltungen, die in einem 30 Stunden offenen Haus im November münden. Bei „A Night in Berlin“ wird sich die Hauptstadt präsentieren, wie sie gerne gesehen werden will: kulturell hochkarätig, international, relevant, gegenwärtig und klassisch zugleich.
Eigens geschaffen wird dafür eine Rauminstallation vom Künstlerduo Elmgreen & Dragset. Gastgebende sind unter anderem die Schauspielerin Cate Blanchett und der amtierende Berlinale-Juryvorsitzende Wim Wenders, Künstlerstars wie Mark Bradford, Wolfgang Tillmans und Anne Imhof. Die Berlinale, die Berliner Philharmoniker und die Staatsoper Unter den Linden werden bei der Gala vertreten sein. Ihre Mitglieder treten auf, ebenso die Techno-Größe Ellen Allien. Ausgedacht haben sich das Sam Bardaouil und Till Fellrath, die seit 2022 gleichberechtigte Direktoren sind.
Es ist mächtig viel Wirbel für ein Haus, das um ein Haar für immer im Spreewasser versunken wäre. Gegen Ende der Weimarer Republik sollte der Schifffahrtskanal neben dem Komplex verbreitert und verlegt werden. Auf einem handgezeichneten Plan von 1932 führt er mitten durch den Hamburger Bahnhof, „womit leider ein gutes Stück Berliner Geschichte verschwinden würde“, wie die Reichsbahndirektion auf diese Zumutung antwortete. „Wir bedauern daher, zu dem Entwurfe unsere grundsätzliche Zustimmung nicht geben zu können.“
Der Hamburger Bahnhof überlebte. Fertiggestellt für die Berlin-Hamburger Bahn im Jahr 1847. Geschlossen wurde der Bahnhof 1884 und diente als Verkehrs- und Baumuseum. Dann passiert, was nur in Berlin denkbar ist. Durch die Teilung liegt der klassizistische Bau unmittelbar an der Grenze zwischen britischem und sowjetischem Sektor. Er wird organisatorisch der DDR-Reichsbahn zugeschlagen, ist aber kein Bahnhof. Ein Museum wiederum darf die DDR in West-Berlin nicht betreiben, auch keines mit Loks und Gleisen darin. Und so bleibt das Haus vierzig Jahre lang geschlossen, kostet 200.000 Westmark im Jahr.
Die Sanierungskosten schätzt die Stasi in einem Gutachten auf fünf Millionen D-Mark. Entnervt übergibt die DDR den bröckelnden Ex-Bahnhof 1984 an West-Berlin. Damit beginnt die Geschichte des Hamburger Bahnhofs als Kunststandort. Der Umbau zum Museum durch Josef Paul Kleihues wird noch vor der Wende beschlossen und 1996 vollendet. Die Wände sind nun weiß, die Vergangenheit unsichtbar. Weil Berlin das Haus aber noch unter Bedingungen des Kalten Krieges übernommen hatte, bleibt es Eigentum der Bahn – die Nationalgalerie hat jahrzehntelang nicht einmal einen ordentlichen Mietvertrag. Gemeinsam mit den Flächen ringsum wird der Hamburger Bahnhof in den frühen Nullerjahren an einen Immobilienkonzern verkauft. Wie WELT-Recherchen 2020 zeigten, stand Berlin damals ein Vorkaufsrecht zu. Die Stadt machte keinen Gebrauch davon. Ein teurer Fehler.
Als der Bau erneut sanierungsbedürftig wird, beginnt ein jahrelanges Ringen mit dem Investor, das Museum ist in seiner Existenz bedroht – und muss nun ordentlich Miete zahlen. 2022 kauft die Bundesrepublik Deutschland das Gebäude für 66 Millionen Euro an, Berlin die angeschlossenen Rieckhallen. Insgesamt 30.000 Quadratmeter hat das Gelände nahe dem Hauptbahnhof. Die Zukunft ist gesichert.
Große Ambitionen – sehr begrenzte Mittel
Im Hamburger Bahnhof bündelt sich Berlin. Das Königreich Preußen, das ihn erbaut hat, das Kaiserreich, das ein Museum daraus machte, die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus, die geteilte Stadt, die Wiedervereinigung, die Privatisierungswelle der 2000er und all die kleinen und großen Vergesslichkeiten, die eine so bewegte Geschichte im Kopf einer Stadt erzeugen kann. Was im Hamburger Bahnhof passiert, verrät einem immer auch etwas über die Hauptstadt. Und über das Berlin von 2026 verrät es einem, dass die Kunst noch immer einer der Hauptmotoren ist für das kulturelle Selbstverständnis.
Die Kunsthauptstadt hat große Ambitionen – aber sehr begrenzte Mittel. Es ist nicht alles Gala, Stars und Feiern. Der Ausstellungsetat der Nationalgalerie ist winzig, einen Großteil der Gelder für das Programm muss man selbst einwerben. Für Ankäufe hat der deutsche Staat kein festes Budget vorgesehen. Mit der Unterstützung Dritter konnte der Hamburger Bahnhof in den vergangenen drei Jahren immerhin Kunst für insgesamt 150.000 Euro kaufen. Das ist so viel, wie die Dienstlimousine eines Politikers kostet. Verglichen mit einer Tate Modern oder amerikanischen Museen ist es nicht konkurrenzfähig.
Eins ist klar: Wenn der Hamburger Bahnhof das Gegenwartsmuseum sein soll, das die Nation verdient, dann braucht er mehr Geld. Die Benefizveranstaltung im März gibt die Richtung vor. Von einem „ganz neuen Format“ spricht die Direktion. Aber dieses Modell sorgt auch für Verstimmung in der Szene. Von Berliner Galeristen erfährt man, dass ihnen Tische bei der Gala am 14. März gezielt angeboten wurden – für 50.000 oder für 100.000 Euro, je nach Größe und Teilnehmerzahl. Nicht allen Berliner Galerien, sondern nur einigen. Sowohl der sehr hohe Preis als auch das Prozedere selbst sorgt für Irritationen, die Zusagen sollen sich in Grenzen halten.
Das Museum schreibt WELT dazu: „Es wurden verschiedene internationale Förderer, darunter auch Galerien in Berlin, im Vorfeld angesprochen, das Jubiläumsprogramm zu fördern. Es handelt sich nicht um ein klassisches Modell wie bei kommerziellen Fundraising-Dinners mit dem Verkauf von Tickets für Tische oder eine Auktion von Kunstwerken, sondern um ein ganz neues Format.“ Am Ende bedeutet es dennoch, dass man Plätze gegen Spenden bekommt. Aber das ist international üblich. Und soll man sich beschweren, wenn nun ernsthaftes Fundraising für das klamme staatliche Museum betrieben wird? Es ist ja begrüßenswert, wenn sich der Hamburger Bahnhof angesichts schrumpfender Etats unabhängiger machen kann und Förderer findet. Das passiert bereits. Seit 2025 besteht eine Zusammenarbeit mit Chanel. Das Pariser Modehaus finanziert jährlich eine groß angelegte Auftragsarbeit in der Haupthalle, dieses Jahr von Lina Lapelytė.
Eine Glamourbude wird das Haus deshalb nicht. Im Saal neben dem Buchladen gibt es nach Norden ein großes Fenster, aus dem man, im Klappstuhl ruhend, in einen wild zugewachsenen Hof blicken kann. Man sieht dort Gräser, Wespennester und von außen auf die unsanierten Backsteinwände der historischen Halle. Es ist ein Verdienst, dass unter Bardaouil und Fellrath die Geschichte des Hauses wieder sichtbar geworden ist, mit Fotos, Plänen, alten Fahrkarten. Eine preußische Miniaturlok steht vor einem Foto der Installation „Soma“ von Carsten Höller, bei der 2010 lebende Rentiere und ihr vom Fliegenpilzverzehr halluzinogen gemachter Urin eine Rolle spielten. Unvergessen ist diese Schau des vorherigen Direktors Udo Kittelmann, wie auch die Performance „Angst II“ der noch wenig bekannten Anne Imhof vor zehn Jahren. 1999 waren mit „Sensation“ Damien Hirst und die Young British Artists aus der Saatchi-Sammlung zu sehen, Retrospektiven von Sigmar Polke bis Brice Marden.
Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof hat in dreißig Jahren Kunstgeschichte geschrieben, zweifellos. Sie hat ein riesiges Potenzial und viele junge Besucher. Doch was man unter der neuen Leitung an Ausstellungen bisher gesehen hat, ist weniger grundstürzend. Manches wirkt lieblos kuratiert. Die ständige Sammlung ist in eine Art postmoderne Boutiquearchitektur gesteckt worden. „Bereits heute zeigen wir fast ausschließlich Werke, die seit 1990 entstanden sind“, schreiben die Direktoren auf die Frage nach ihrem Programm. „Auftragsarbeiten und Neuproduktionen … bilden den Ausgangspunkt unserer Programme und der weiter wachsenden Sammlung.“ Das bedeutet auch: Die Titanen des vergangenen Jahrhunderts stehen auf dem Abstellgleis.
Voraussichtlich 2029 wandern Warhol, Beuys und Anselm Kiefer ohnehin ins gerade für mehr als eine halbe Milliarde Euro neu entstehende Berlin Modern, das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum. So war es immer gedacht. „Die Neue Nationalgalerie wird die Klassische Moderne aufnehmen; im Hamburger Bahnhof wird die aktuelle Kunst ab Josef Beuys ausgestellt sein“, heißt es 1990 in einer Denkschrift der Chefs der Staatlichen Museen. Damals, in der Wendezeit, als man den Hamburger Bahnhof zum ersten Mal als Museums-Vision skizzierte. Mit dreißig sollte man so langsam auf eigenen Beinen stehen. Das tut das Museum. Wohin es aber geht, das bleibt vorerst offen.
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