HDonald Trump spricht von seiner „eigenen Moral“, Markus Söder posiert mit dem Schnitzel, in sozialen Medien wird über Wörter wie „hauslos“ oder „migrantisch gelesen“ gestritten. Ist Moral heute nur noch ein Gruppenmarker oder das Fundament jeder Gesellschaft?

Hanno Sauer, Professor für Philosophie an der Universität Utrecht und Autor eines Buchs mit dem Titel „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“ (Piper), erklärt, warum Moral keine Privatsache ist, weshalb sie Kooperation und Wohlstand ermöglicht und warum gerade moralische Überzeugungen historisch so zerstörerisch werden konnten.

WELT: Donald Trump hat neulich gesagt: „Meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann.“ Klingt so, als habe der amerikanische Präsident eine Privatmoral. Kann Moral etwas Individuelles sein?

Hanno Sauer: Ich rate dringend davon ab, die moralischen Empfehlungen von Donald Trump ernstzunehmen. Er ist das Gegenteil eines guten Ratgebers und natürlich ist alles, was in diesem Zitat steckt, falsch. Moral ist überhaupt nicht individuell, sondern etwas, was wir miteinander teilen.

WELT: „Seien Sie nicht so moralisch” ist ein oft gehörter Vorhalt in Debatten. Brauchen wir Moral überhaupt?

Sauer: Absolut. Ohne das, was ich als normative Infrastruktur der Gesellschaft bezeichne, geht es nicht. Es geht darum, sich auf Regeln und Ziele zu einigen, die man miteinander teilen kann und die ein Zusammenleben möglich machen. Eine Familie braucht eine andere normative Infrastruktur als das internationale Recht oder ein Kulturraum. Aber all das fußt auf Moral.

WELT: Woran merken wir, dass eine Gesellschaft zu wenig Moral hat?

Sauer: Es gibt Gesellschaften, die durch Korruption destabilisiert sind. Korruption ist die Regression zu einem niedrigeren, weniger komplexen Level an Kooperation. Wenn ich meinen Vetter einstelle, kooperieren wir beide miteinander, aber wir untergraben die höherstufige Kooperation, die von der Institution verlangt wird.

WELT: Sie nennen Moral eine Kooperationstechnologie. Erklären Sie das bitte.

Sauer: Moral ist ein Werkzeug, das die Menschen im Lauf ihrer Geschichte entwickelt haben, um besser miteinander auszukommen. Menschliche Gruppen wurden immer größer und irgendwann lebte man nicht mehr nur in familiären Kleingruppen, da brauchte man gemeinsame Regeln und Erwartungen, sonst hätte Kooperation nicht funktioniert.

WELT: Und heute?

Sauer: Heute zeigt sich, dass Gesellschaften reicher, stabiler und sicherer sind, wenn ihre moralische Infrastruktur intakt ist. In diesen Gesellschaften findet mehr und bessere Kooperation statt. Norwegen ist da ganz weit oben, aber auch Deutschland schneidet nicht so schlecht ab. Die Vorstellung, dass Moral uns einschränkt, ist das Gegenteil der Wahrheit.

WELT: Konservative Politiker haben sich in den letzten Jahren am „moralischen Zeigefinger“ ihrer politischen Mitbewerber abgearbeitet. Wenn konservative Politiker sinngemäß sagen: „Wir dürfen Politik nicht auf Moral reduzieren.“ Was bleibt von Politik übrig, wenn man die Moral herausnimmt?

Sauer: Streng genommen stimmt der Satz sogar. Dass man Politik nicht auf Moral reduzieren kann, ist aber trivial. Es gibt politische Entscheidungen, die gar nicht moralisch sind. Sollten wir weiterhin rechts fahren oder links fahren? Das ist keine moralische Frage. Aber natürlich wird umgekehrt immer auf Basis von Werten entschieden. Wer zahlt welche Steuern? Wer erhält wie viel Unterstützung? Sollten Schulen gratis sein? Das sind Entscheidungen, die Prioritäten reflektieren und das ist natürlich moralisch.

WELT: Was ist dann wirklich gemeint?

Sauer: Das ist eine reine Zweckentfremdung dieses Begriffs. Was damit gemeint ist: Die nervigen Grünen atmen uns die ganze Zeit in den Nacken und wollen uns sagen, dass wir nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen dürfen. Auch an diesem Vorwurf ist ja gelegentlich was dran. Natürlich gibt es eine exzessive und taktlose Einsetzung von moralischen Normen und Prinzipien. Selbst wenn diese moralischen Prinzipien wie z.B. inklusiver Umgang mit Minderheiten grundsätzlich gerechtfertigt sind.

WELT: Moral wird im politischen Diskurs heute vor allem mit linken Positionen assoziiert, obwohl sie historisch eher für Ordnung, Pflicht und Tradition stand. Wann ist Moral im öffentlichen Diskurs zur Reizvokabel geworden, die Rechte triggert?

Sauer: Jede Zeit hat ihre Kernthemen, die moralisch neu verhandelt werden. Von den Leuten, die das nicht gut finden oder die von den vorgeschlagenen Reformen benachteiligt wären, kommt dann der Vorwurf: Das ist moralinsauer, moralistisch. Das geschieht aber auf beiden Seiten. Um den 11. September gab es Moralapostel der anderen Sorte, George W. Bush sprach von der „axis of evil“, der Achse des Bösen. Auf der linken Seite, bei den Achtundsechzigern hieß es: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment." Auch das sind moralische Aussagen.

WELT: Und was ist heutzutage neu?

Sauer: Die veränderte Medienlandschaft. Das Jahr 2012 war entscheidend, weil damals Facebook Instagram kaufte und die sozialen Medien richtig in der Gesellschaft ankamen. Als Zeitungsleser hatte man außer Leserbriefen eigentlich keine Möglichkeit, etwas zu „veröffentlichen“. Das neue Feature ist, dass sich jeder äußern kann. Und das hat zwei Konsequenzen.

WELT: Welche?

Sauer: Erstens: Vor den sozialen Medien gab es so etwas wie eine Herdenimmunität für Schwachsinn. Man konnte die eigenen närrischen Ideen – Frauen gehören an den Herd und sollten nicht wählen dürfen – erst mal am Abendessenstisch ausprobieren und erhielt Widerstand. Inzwischen kann man den eigenen Unsinn sofort hunderttausenden Leuten mitteilen, ohne dass er vorher gefiltert worden wäre. Wir unterschätzen, wie viel Filter und Einordnung früher stattgefunden hat. Die Durchschnittsqualität der Meinungen, die man öffentlich geäußert sehen konnte, war viel höher als heute.

WELT: Und zweitens?

Sauer: Wir sagen mit unseren moralischen Äußerungen immer auch etwas über uns selbst. Wir wollen zeigen, wer wir sind und welchen Gruppen wir angehören wollen. Wenn ich beispielsweise sage, mir werde körperlich übel, wenn jemand eine bestimmte Flagge verbrennt, will ich etwas über mich aussagen. Wenn man behauptet, der Klimawandel sei eine Verschwörungstheorie, sagt man auch: Ich bin bereit, dafür in bestimmten Zirkeln geächtet zu werden. Das macht es zum verlässlichen Signal einer Gruppenzugehörigkeit.

WELT: Und in sozialen Medien ist dieses Signal billig geworden?

Sauer: Genau. Man kann relativ leicht sagen „In meinem Haus ist Rassismus unerwünscht“ und nie was tun.

WELT: Was folgt daraus?

Sauer: Wir sehen eine permanente Innovation der Sprache. Wir brauchen immer neue Wörter und immer härtere Eskalationen. Man sagt nicht mehr „obdachlos“, man sagt jetzt „hauslos“. Man sagt nicht mehr „Ausländer“, sondern „migrantisch gelesen“. Das liegt daran, dass man um die Erkennbarkeit in der Gruppe zu erhalten, Wörter immer neu verwenden muss. Sie wirken wie ein Abzeichen der Gruppe, zu der man gehören will.

WELT: Wir sprechen dabei viel über Semantik. Diese sprachlichen Veränderungen haben doch wenig mit verbesserten Lebensbedingungen zu tun.

Sauer: Das stimmt oft, aber nicht immer. Natürlich gibt es auch manchmal Wörter, die einfach verletzend sind, und dann darf man darüber nachdenken, ob man die noch benutzen will. Das finde ich legitim. Auf meinem Schulhof in den Neunzigern hat man „schwul“ gesagt, wenn man etwas Negatives meinte. Es ist zumutbar, dass man das nicht mehr tut. Aber natürlich: Manche Menschen haben das moralische Gefühl, etwas ausgerichtet zu haben. Und in Wirklichkeit hat man nur einen Tweet für die eigene Bubble abgesetzt.

WELT: Wie unterscheidet man legitime moralische Kritik von moralischem Machtgehabe?

Sauer: Das ist kein schneller oder einfacher Vorgang. Das entscheidet niemand allein, sondern wir als Gesellschaft im offenen Diskurs. Man sieht das an Sprachfragen bei Begriffen wie „BIPoC“ oder „LGBTQ+“: Solche Vorschläge muss man prüfen: sind sie tragfähig, wie stark ist der Widerstand, wie gut sind die Argumente dafür und dagegen? Das wird über Jahre hinweg ausgehandelt. Hilfreich wäre dabei weniger wechselseitige Dämonisierung. Denn die meisten Beteiligten handeln aus Überzeugung, nicht aus böser Absicht.

WELT: Wo ist dieser Aushandlungsprozess zuletzt besonders sichtbar geworden?

Sauer: Ein Beispiel ist die Mee-To-Initiative #believewomen. Der Impuls war nachvollziehbar, weil sexuelle Übergriffe lange verharmlost wurden. Zugleich stellte sich die Frage, ob ein solcher Grundsatz, allen Frauen immer zu glauben, wirklich ohne Ausnahme gelten kann. Inzwischen sieht man: Die Sensibilität für das Thema ist gestiegen, während extremere Forderungen wieder zurückgedrängt wurden. Genau so funktionieren gesellschaftliche Lernprozesse, durch Argumente und Korrekturen, nicht durch endgültige Wahrheiten.

WELT: Was kritisiert man eigentlich wirklich, wenn man von Moralaposteln spricht: den Inhalt oder die Haltung?

Sauer: Beides. Manchmal stößt man sich an der Substanz eines Vorschlags. Jemand kann sehr moderat auftreten und dennoch in der Sache eine radikale Position vertreten; etwa wenn er vegane Ernährung zur einzig moralisch vertretbaren Lebensweise erklärt. In anderen Fällen ist es weniger der Inhalt als der Ton, der irritiert: Wenn jemand eine Mindestlohnerhöhung um einen Euro fordert und zugleich behauptet, jeder Gegner hasse die Armen, dann wirkt vor allem diese moralische Überhöhung befremdlich. Umgekehrt gilt aber: Allein aus der Radikalität einer Position lässt sich noch nicht ableiten, dass sie falsch ist.

WELT: Haben Sie ein Beispiel dafür?

Sauer: Vor ungefähr 150 Jahren wurde in Nordamerika darüber geredet, ob man die Sklaverei abschaffen soll. Die extreme Meinung lautete: Die Anzahl der Sklaven sollte null sein. Die moderate Meinung in der Mitte wäre gewesen: Lass uns ein paar Sklaven haben und die gut behandeln. Aber die extremste Meinung war hier die Korrekte. Man kann also nicht automatisch davon ausgehen, dass die moderate Meinung immer die richtige ist.

WELT: Kann Moral gefährlich werden?

Sauer: Manchmal muss sie es auch. Wer Normen hat, pocht auch auf ihre Durchsetzung. Das heißt, wir brauchen immer auch soziale Sanktionen, von informellen Lästereien bis hin zu Gefängnisstrafen.

WELT: Wann kippt das ins Übertriebene?

Sauer: Natürlich kann es sein, dass wir auf erfahrene Ungerechtigkeit übertrieben reagieren. Und unsere Moral ist immer auch Gruppen-fokussiert. Wer von Normen und Werten redet, redet immer auch von den eigenen Normen und Werten. Daraus entsteht schnell eine Unterscheidung von Wir-gegen-die.

WELT: Mit welchen Konsequenzen?

Sauer: Wir reagieren sehr sensibel auf die Vorstellung, eine fremde Gruppe könne uns bedrohen. Politisch lässt sich damit leicht mobilisieren – etwa mit Sätzen wie: „Die Mexikaner vergewaltigen unsere Frauen“ oder „Die Grünen wollen uns alles verbieten.“

WELT: Ein harmloseres Beispiel ist Söders Würschtelgepose.

Sauer: Wenn Markus Söder demonstrativ mit einem besonders großen Schnitzel posiert, ist das ein identitätspolitisches Signal. Und die Gegenreaktion, das primitive Schnitzelgefresse zu verachten, ist natürlich genauso ein Gruppenmarker. Diese Gruppenpolarisierung kann sehr gefährlich werden. Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren nicht amoralisch, sondern moralisch begründet, getragen von Idealen wie ethnischer Reinheit oder Integrität. Gerade deshalb waren sie so zerstörerisch.

WELT: Das Image der Moral hat in den letzten zehn Jahren gelitten. Wie kann man sie wieder cool machen?

Sauer: Der Ausdruck „Political Correctness“ und seine Verwendung als Schimpfwort stammen bereits aus den Neunzigern. Bundestagspräsident Jenninger musste 1988 wegen einer Rede zurücktreten, in der er Hitler als „Faszinosum“ bezeichnete.

WELT: Und wie wird Moral nun wieder cool?

Sauer: Ist sie schon. Es gibt sehr gute empirische Studien dazu, dass ein moralisch anständiger Mensch zu sein immer und überall cool war. In allen geschichtlichen Perioden, an allen Orten.

WELT: Wirklich? Das klingt erstaunlich optimistisch.

Sauer: Es gibt zwei zentrale Quellen sozialen Prestiges. Die eine ist kognitive Stärke: Bildung, Witz, Schlagfertigkeit, Kreativität. Eigenschaften also, die mit Intelligenz zu tun haben. Mir ist keine Gesellschaft bekannt, in der das nicht anerkannt würde. Die zweite Säule ist moralische Integrität: Ist jemand verlässlich, fair, hilfsbereit? Wenn wir jemanden empfehlen, sagen wir: „Das ist ein guter Typ, auf den kann man sich verlassen.“ Das verschafft Ansehen und ist cool. Uncool wird es nun, wenn man das mit schlechtem Atem macht, also übertrieben und unentspannt den Leuten permanent reinredet.

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