Es gibt offenbar keinen Bereich der Dienstleistungsbranche, in dem es mörderischer zugeht, als jenen der Lieferdienste – jedenfalls, wenn man den „Tatort“ als Seismografen ernst nimmt. Es vergeht kaum ein halbes Jahr, dann liegt schon wieder ein Fahrradkurier oder ein Paketschlepper vor den Kommissaren zwischen Rostock und München in seinem Blut.

Man wundert sich fast, dass sich immer noch Menschen bereit finden, dieser scheinbar prinzipiell krank (oder gar tot) machenden, in jedem Fall aber höchst gefährlichen Tätigkeit nachzugehen, in die gern das ganze Elend des Spätkapitalismus hineingespiegelt wird. Muss wohl daran liegen – und damit Schluss mit der Gesellschaftstheorie –, dass in Sonntagabendkrimis in der Regel eben nicht Migranten aus Pakistan, Afghanistan und Afrika mit Rädern und Lieferwagen durch den urbanen Dschungel rasen, sondern Menschen wie beispielsweise Marc Weinert.

Der ist in Ludwigshafen unterwegs, was ja an sich schon gefährlich genug ist. Gleich zu Beginn von „Sashimi Spezial“, dem 83. Fall für die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal, sieht man ihn durch die Straßen hetzen. Er wird von einem Transporter verfolgt, angerempelt, entwischt ihm. Das sieht für Ludwigshafen und für den Sonntagabendkrimi sehr spektakulär aus. Marc hat ein Ziel, er weiß etwas, er flieht ins Polizeipräsidium.

Dort hält gerade der neue Polizeidirektor seine Antrittsrede, ein feister Mann, der, bevor er ernsthaft krank wurde, Lena Odenthal das Leben schwer machte. Er faselt von Transparenz und ausgestreckter Hand und großer Familie. Marc will sich selbst wegen Drogenhandels anzeigen. Odenthals Kollegin Stern beruhigt ihn. Marc sieht den Polizeidirektor, einen unangenehmen Zeitgenossen wie ihn derzeit niemand unangenehmer spielen kann als Bernd Hölscher. Marc, bis ins Mark getroffen, rast zurück auf die Straße. Und da liegt er dann.

Das Handwerkszeug auf dem Tisch

Das ist eine ziemlich perfekte Ouvertüre für einen ziemlich perfekt geschnittenen Plot. Dass irgendwas nicht stimmt in der großen Polizeifamilie, ahnt man genauso, wie dass auch irgendwas in der großen Familie auf der anderen Seite des Gesetzes faul ist, von der „Sashimi Spezial“ erzählt.

Das Werkzeug, mit dem Regisseurin Franziska Hoenisch, der seit „Tod im Häcksler“, dem legendären Ben-Becker-„Tatort“ auf Ludwigshafen spezialisierte Drehbuchautor Stefan Dähnert und die geradezu Magie wirkende Kamerafrau Eva Maschke ihre Geschichte bearbeiten, liegt gleich nach den ersten Minuten auf dem Tisch – die Farbwelten, das Tempo, der Gegensatz zweier Welten.

Dass in den vergangenen Jahren so ziemlich jedes Problemfeld des Liefergewerbes in mehr oder weniger sozial engagierten Sonntagabendkrimis und den sich anschließenden Thementalkshows abgeerntet wurde, hat Dähnerts Buch tatsächlich frei gemacht für Geschichten beinahe ohne jede moralische Anklage, die trotzdem den Krieg in den Straßen nicht verharmlosen.

Epizentrum der Erzählung von „Sashimi Spezial“ sind die Velo Punks, einst von einer Öko-Aktivistin der ersten Stunde als Start-up begonnen und damals als Alternative gedacht zu den großen, Menschen wie Material verschleißenden Fahrraddiensten. Ansässig ist die verschworene, basisdemokratische Truppe in einem alten Fabrikloft wie aus dem Bilderbuch – Selbstausbeuter, die sich durchaus auch als Streetfighter begreifen.

Odenthal und Stern ermitteln los, obwohl der Polizeidirektor alles kleinhalten will, angeblich um kein Öl ins Feuer des Straßenkampfes zu gießen. Kaum angekommen, wechselt Stern die Seiten und sitzt undercover auf einem der Velo-Punk-Räder.

Ein schmieriger Unternehmer

Kriminalistisch ist das natürlich höchst bedenklich, dramaturgisch aber ein genialer Trick. Dähnert kann sich seine Geschichte zwischen Kommissariat und Kuriertruppe verästeln lassen. Die Velo Punks werden vorgestellt, einer nach dem andern. Und jeder hat sein verdächtiges Päckchen zu tragen. Ein schmieriger Transportunternehmer, der mit Robert Stadlober viel zu gut für eine Nebenrolle besetzt ist, darf etwas zu schmierig und etwas zu klischiert den Mann mit der Kapitalistenkappe geben.

Es geht um finanzielle Abhängigkeit und verlorene Ideale, um (natürlich) Drogenhandel und (vielleicht ein paar zu viele) Schicksalsschläge. In die Mechanik der prekären Dienstleistungsbranche wird geblickt, Vertrauen wird missbraucht in beiden Welten. Ein Irrgarten der Loyalitäten tut sich auf.

Die Bilder fliegen. Musik pulst in Cinemascope. Das ist schon sehr schön im Ganzen. Leider wurde so viel feine Energie in die Hochrüstung aller Gewerke gelegt, dass für die Führung der Schauspieler nicht mehr viel übrig war. Die spielen dann nicht mehr Dähnerts Sätze, sie sagen sie nur noch auf.

Womit sich wieder mal rächt, dass Ludwigshafens Kommissariat gewissermaßen der Tenor unter den Sonntagabendrevieren ist. Der macht alles richtig prima, wenn man mit ihm arbeitet. Tut man’s nicht, steht er an der Rampe, wirft die Arme in die Luft, ringt mit den Händen und singt, als wäre er unter der Dusche. Oper ist eigentlich anders. Kriminalfilm auch.

„Sashimi Spezial“, der neue „Tatort“ aus Ludwigshafen, ist am 1. März 2026 um 20.15 Uhr im linearen Programm der ARD sowie in der ARD-Mediathek zu sehen.

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