Laut Google-Suche führt „Zacharias“ zur Friedhofsverwaltung in Hamburg-Eidelstedt oder zum Heizungsbetrieb in Hameln. „Zacharias“ könnte aber auch der langbärtige Alte auf einem Gemälde heißen, das im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist. Jedenfalls war man sich weitgehend einig, dass es sich bei dem Mann im geheimnisvollen Dunkel um den Hohepriester handeln muss, den der Evangelist Lukas zum Vater des Täufer-Johannes gemacht hat. Nur der Maler blieb anonym – zumindest seit den frühen 1960er-Jahren, als der alte Rembrandt-Verdacht von der strengen Bildwissenschaft kategorisch ausgeschlossen wurde.

Jedoch sind die gnadenlosen Abschreibungen des sogenannten „Rembrandt Research Projects“, welches das opulente Werk des niederländischen Barockmeisters auf menschliches Normalmaß reduziert hat, nie besonders populär gewesen. Dass der famose „Mann mit dem Goldhelm“ eines bösen Tages nicht mehr Rembrandt-würdig sein sollte, werden die Berliner den „Researchern“ und ihrem Chef Ernst van de Wetering nie verzeihen. Seit 1986 wird das Bild, welches der Kaiser-Friedrich-Museums-Verein schon im Jahr 1897 für die Gemäldegalerie erworben hatte, nicht mehr Rembrandt van Rijn zugeschrieben. Ein Urteil, das kontrovers diskutiert wurde.

Umso beeindruckender der Mut, mit dem jetzt die Restauratoren des Amsterdamer Museums den „Zacharias“ als Rembrandt-Original enttarnt haben. Wobei zu der nicht nur für Kunsthistoriker aufregenden Nachricht die Wiederzuschreibung durch die Tatsache wird, dass sie sich einem hoch bedeutsamen Methodenstreit verdankt. Während die klassische kunstgeschichtliche Bildwissenschaft sich auf mikroskopisch kleine Stilunterschiede beruft, vergleicht eine neue Restauratoren-Generation mit technischen und forensischen Methoden mikroskopisch kleine Teile der Malstruktur.

Letztere Technik hat das Amsterdamer Team bei der jahrelangen Arbeit am Hauptbild der Sammlung – an Rembrandts „Nachtwache“ – mit avanciertesten Diagnose-Instrumenten zur Perfektion ausgebildet. Wenn man nun mit (natur)wissenschaftlicher Akribie den „Zacharias“ durchleuchtet, stellt man fest, dass alle gesicherten Gemälde seiner Periode, was die Schichtung der Farbe angeht und die Art der verborgenen Korrekturen, dieselbe Malerhandschrift verraten. Auch die Signatur des Malers ist ursprünglichster Rembrandt, und „dendrochronologische Analysen“ – also Holzuntersuchungen am Keilrahmen – lassen keinen Zweifel am Entstehungsjahr 1633 zu.

Jetzt bliebe die gemalte „Vision des Zacharias im Tempel“ ein wahrhaft erstaunliches Bild, auch wenn ihm kein Weltmeister der Malerei zur Erscheinung verholfen hätte. Wie er von mühsamer Lektüre aufschaut und den herkunftslosen Lichtschein bemerkt, der sein kostbares Hohepriester-Gewand funkeln lässt, das ist schon von besonderer Klasse. Bald wird ihm die Geburt seines Sohns Johannes (des späteren Täufers), der den Weg für den Messias bereiten sollte, angekündigt werden. Und alle, die bei der Darstellung des Zacharias auf der Leinwand schon immer auf Rembrandts Hand tippten, haben wohl recht behalten.

Diesen Ruck im Körper oder in der Seele, dieses Verborgensein im Geheimnis, das ist nur einem Maler so gekonnt gelungen. Mal sehen, was die anderen Rembrandt-Researcher zu dieser Expertise aus Amsterdam sagen und wie der Bildbesitzer reagiert, der den wiedergewonnenen Schatz als langfristige Leihgabe im Rijksmuseum deponiert hat. Denn die Zuschreibungen dürfte auch den Schätzwert des Gemäldes beeinflussen. Und spannend ist natürlich aber auch, wann der langbärtige Alte bei Google in der Zacharias-Galerie auftaucht.

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