Als ihn die „Times“ 1998 anrief, um ihn um einen Kommentar zum Literaturnobelpreis für José Saramago zu bitten, knurrte er was von „Leitung gestört!“ ins Telefon und hängte auf. Als Saramago ein paar Jahre später unter die Erde gebracht wurde, ging er nicht hin. So tief saß die Eifersucht.

Wahr ist, dass António Lobo Antunes sich schon als möglichen Nobelpreisträger sah, bevor er seinen ersten Roman geschrieben hatte. Und wahr ist auch, dass das Gefühl, in der Weltwahrnehmung zu kurz gekommen, nicht hinreichend gewürdigt worden zu sein, sein Leben bestimmte. Es reichte ihm nicht, einer der beiden Männer zu sein, die man für die wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Portugals hielt. Er wollte sein, was Saramago war: der größere.

Er schrieb schnell, viel und diszipliniert. Ganz altmodisch mit der Hand. Von 8.30 Uhr bis zum Mittagessen, von 14 Uhr bis zum Abendessen und dann oft noch bis Mitternacht. Und er schrieb um. Radikal. Aber überzeugt, dass in der ersten Fassung, „die immer großer Mist ist“, das finale Werk stecke. Man müsse, so seine Überzeugung, nur lange genug darin wühlen.

In einer der letzten Kolumnen, die er für die Sonntagsbeilage der Lissaboner Tageszeitung „Publico“ verfasste, formulierte er es so: „Die Produkte gehen hinaus in die Buchhandlungen, ohne dass die Leser wissen, wo und wie sie hergestellt wurden, im Durcheinander einer Werkbank voller Absatzdrähte, mit zufälligen Adjektivschrauben auf dem Boden, ganzen Kapiteln im Mülleimer, und da kriecht der Kerl unter dem Roman hervor wie ein Mechaniker unter einem Wagen mit offenem Motor, die Taschen voller Schraubenschlüsselkulis, vollgeschmiert mit dem Öl der noch zu richtenden Absätze und dem Ruß der nicht ausreichend gereinigten Erlebnispleuelstangen.“

„Meine Stimme wird nicht mehr zu hören sein“

Kurz zuvor hatte Antunes seinen letzten Roman („Não é Meia Noite Quem Quer“, auf Deutsch: „Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben“) so angekündigt: „Danach hören die Romane auf, die Zeitungsartikel, alles, und ich veröffentliche nichts mehr. Meine Stimme, ob gesprochen oder geschrieben, wird nicht mehr zu hören sein.“

Da hatte ihn der Krebs schon länger am Haken. Man hatte ihn operiert. Er hatte über das Trauma, die Todesangst geschrieben („die igelige Frucht eines Kastanienbaumes, der früher am Eingang des Gartens gestanden hatte, jetzt war sie in ihm, der Arzt nannte sie Krebs, und stumm wurde sie immer größer, kaum hatte der Arzt sie Krebs genannt, begann die Totenglocke der Kirche zu läuten ...“), aber wütend und vergeblich abgestritten, dass „An den Flüssen, die strömen“ ein autobiografisches Buch war. Es wurde das unmittelbar berührendste.

Ein von der Krankheit zwangsberuhigter Mann trat dem Leser aus diesem Buch entgegen. Einer, der sich in seine Kindheit zurückerinnerte, in der er tröstlich-beschützend „Antoninho“ gerufen worden war. Auch stilistisch war „An den Flüssen, die strömen“ ein komplett anderes Buch als alle vorangegangenen. Das polyfone Stimmengewirr: reduziert. Der Sturzbach der inneren Monologe: gemäßigt. Die hoch komplizierte Collage der Schauplätze und Zeitebenen: transparenter. Weniger schien plötzlich mehr.

Eigentlich Arzt und Psychiater

António Lobo Antunes, Jahrgang 1942, war ursprünglich Arzt und Psychiater. Er wurde nach dem Studium als Militärarzt eingezogen und verbrachte mehr als zwei Jahre in Angola, wo ein blutiger Unabhängigkeitskrieg wütete, anschließend arbeitete er bis 1985 als Chefarzt und Psychiater in einer Nervenklinik in Lissabon. Diese Erfahrungen prägten sein Schreiben nachhaltig. Die Vergangenheit war und blieb ihm traumatisierte Gegenwart, das Personal seiner Romane war stets seelisch deformiert. Man hat Antunes einen Exorzisten vom Rand der Welt genannt, weil ihn die Gespenster der Kolonialzeit und der faschistischen Diktatur einfach nicht losließen: die zähen Machtstrukturen einer überkommenen Zeit, die Resignation und der Selbsthass einer Gesellschaft, die in den langen Schatten der Salazar-Zeit stecken blieb.

Schon in seinem ersten, 1979 veröffentlichten Roman „Elefantengedächtnis“ wählte Antunes fanalartig eine Irrenanstalt zum zentralen Schauplatz, seinen Durchbruch erreichte er mit dem zeitgleich erschienenen Roman „Der Judaskuss“, der den Portugiesen bis heute als wichtigste literarische Auseinandersetzung mit dem Angolakrieg gilt, den sie das Vietnam Portugals nennen.

„Das Handbuch der Inquisitoren“

Jenseits der Grenzen erarbeitete sich „Das Handbuch der Inquisitoren“ den Ruf des Opus magnum, ein Buch in fünf „Berichten“ mit vierzehn „Kommentaren“, vorgetragen von 19 Erzählerstimmen. Hauptfigur war ein ehemaliger Minister, engster Vertrauter Salazars, der nach der sogenannten Nelkenrevolution von 1974 in Krankenhaus dahinsiechte und dem Inquisitor seine Kriegsverbrechen gestand. Es ging, wie fast immer, um Schuld ohne Sühne, um das Ende des abgewirtschafteten Großbürgertums, den Krieg zwischen den Generationen, um Überväter und Versager-Söhne.

Gleich die Eröffnung war eine düstere Metapher für die Lage des Landes: „Und als ich in Lissabon das Gericht betrat, dachte ich nicht an das Landgut. Nicht an das Landgut von heute mit den zerbrochenen Statuen im Garten, dem leeren Schwimmbecken, dem Gras, das die Hundezwinger allmählich überwucherte und die Beete zerstört hatte, nicht an das große Haus ohne Dachpfannne, in dem es auf das Piano mit dem signierten Foto der Königin regnete, an den Tisch mit dem Schachspiel, dem ein paar Figuren fehlten, an die Risse im Teppichboden und an das Aluminiumbett, das ich in der Küche gleich neben dem Herd aufgebaut hatte für einen Schlaf, der die ganze Nacht lang vom Gelächter der Raben zermartert wurde“.

Ein Kritiker hat geschrieben, es sei eine Tortur, Antunes zu lesen. Ein anderer erklärte, wer die Lektüre zu Ende bringe, kenne das Selbstüberwindungsgefühl der Hochleistungssportler. Am hilfreichsten ist vielleicht der Hinweis, Antunes nicht als Epiker, sondern als Poetiker zu begreifen. Er selbst hat den Vorwurf der Unlesbarkeit zeitlebens lässig zurückgewiesen: Wichtig in seinen Büchern sei nicht der Plot, sondern das „Delirium der Monologe“, denn schließlich bestehe unsere Einbildungskraft nur „aus unseren Erinnerungen, die zur Gärung gekommen sind“. Jetzt ist, wie zuerst durch portugiesische Medien und sein Verlagshaus, die Leya Gruppe, bekannt wurde, António Lobo Antunes im Alter von 83 Jahren in Lissabon gestorben.

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