Recht hat sie: Es heißt bekanntlich der Film. „Das ist ja männlich“ sagt Valie Export. Gerade hat die österreichische Performancekünstlerin und Filmemacherin von einer ihrer ersten Aktionen erzählt. Vom „Tapp- und Tastkino“, präsentiert 1968 beim 1. Europäischen Treffen der unabhängigen Filmemacher in München. Dabei „bin ich von der Idee ausgegangen, die Kinoleinwand ist ein Teil meines Körpers“ sagt die heute 85-jährige. „Aber es gehen jetzt in dieses Kino eben nicht die Augen, in dieses Kino gehen jetzt die Hände. Und die können die Kinoleinwand betasten. Meine Brüste.“

Das „Tapp- und Tastkino“ war ein Kasten, den Export vor ihren Oberkörper geschnallt hatte. Ein Skandal, auch 1968 noch: „Das war natürlich ein Riesenaufruhr im Publikum.“ Ein Filmemacher habe gerufen, ob das noch Film sei, ob man sich das bieten lassen müsse, die Parole „Export raus“ sei zu hören gewesen, erinnert die Gemeinte sich. Sie sei „gleich gegangen“, weil sie Angst gehabt habe, „dass man mir das Kino zerstört.“

Eine Stimme aus dem Off, es ist die Stimme der österreichischen Dokumentarfilmerin Isa Willinger, fragt, warum die Filmemacher so aggressiv reagiert hätten damals. Exports Antwort: „Ich glaube, der hauptsächliche Grund war, dass es eine Frau gemacht hat, eine Filmemacherin.“ Export ist eine der Filmemacherinnen, die in Willingers neuem Film „No Mercy“ einen Auftritt haben.

Zu ihnen gehören auch andere Kino-Veteraninnen: Catherine Breillat („Romance XXX“, 1999; „Im letzten Sommer“, 2023) etwa. Margit Czenki, die über ihre Gefängnisstrafe nach einem Bankraub 1987 den Film „Komplizinnen“ drehte und an deren Leben der Film „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ von Margarethe von Trotta angelehnt ist. Virginie Despentes, die Schriftstellerin („Das Leben des Vernon Subutex“, 2015–2017; „Liebes Arschloch“, 2022) und Regisseurin von „Baise-moi – Fick mich“ (2000). Oder Monika Treut („Die Jungfrauenmaschine“, 1980). An jüngeren Filmemacherinnen kommen in Willingers Film zum Beispiel Ana Lily Amirpour zu Wort, Alice Diop („Saint Omer“, 2022) oder die aus Burkina Faso stammende Apolline Traoré („Sira“, 2023).

Willinger, die 2019 mit „Hi, AI. Liebesgeschichten aus der Zukunft“ einen sehr sehenswerten Film über das kuriose Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine gedreht hat, ist auch Autorin eines Buches über die große sowjetische –nach dem Zusammenbruch der UdSSR dann ukrainische Regisseurin – Kira Muratowa (1934–2018). Andrei Tarkowski ebenbürtig, den sie übrigens ablehnte, weil er vor der Kamera einmal eine Kuh anzünden ließ, ist sie noch immer ein Geheimtipp.

Willinger hat Muratowa auf der Krim, wo sie zuletzt lebte, besucht – und nun einen denkwürdigen Satz der Regisseurin in den Mittelpunkt von „No Mercy“ gestellt. Muratowa, die 1990 auf der Berlinale für „Das asthenische Syndrom“ den Silbernen Bären gewann, habe ihr vom Besuch eines Pariser Filmfestivals erzählt – und ihrem dort entstanden Eindruck, wonach Frauen die „härteren Filme“ machten.

Stimmt das? Vielleicht, selbst wenn man Margit Czenki glaubt, die darüber spekuliert, dass das, was von außen wie Härte aussieht, „nur zu Ende gedacht und mal klar gesagt“ ist. Denn viele der Filme der Regisseurinnen, die Willinger zu Wort kommen lässt, handeln von Gewalt: Es geht um eigene Gewalterfahrungen sexueller Art zum Beispiel, über die auch Virginie Despentes hier spricht – und die zum Ausgangspunkt ihres Rachefilms „Baise Moi“ wurden. Auch Catherine Breillat berichtet in „No Mercy“ von einem Vergewaltigungsversuch, den sie mit 14 abzuwehren wusste.

Breillat, über die Despentes sagt, „ihre Denkweise ist so eine Sache, aber ihr Kino war immer inspirierend“, hat aber noch anderes zu erzählen in Willingers Film. Wie sie, nach dem Abitur mit 16, auf die Filmhochschule wollte, auch weil die in Paris war, und die Aufnahmeprüfung zwar bestand, aber dennoch nicht Regie studieren durfte etwa. Warum? „Weil ich ein Mädchen war“, wie der Direktor ihrem Vater gesagt habe. Breillat sieht das eigentlich als Glücksfall an, sonst wäre sie vielleicht eine konventionelle Filmemacherin geworden, wie sie sagt. Vielleicht nicht die Regisseurin, die in „Ein Mädchen“ (1976) ihre Protagonistin im Freien vor einem Mann urinieren und ihren Namen mit Scheidensekret auf einen Spiegel schreiben lässt. Oder die, die in „Romance XXX“ beschloss, die Sexszenen nicht nachzustellen, sondern echten Sex zu zeigen.

Apropos zeigen: Wenn die indonesische Regisseurin Mouly Surya in „No Mercy“ erklärt, warum sie beschlossen hat, in ihrem Film „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ (2017) bei einer Vergewaltigungsszene zwar den nackten Hintern des Täters zu zeigen, das Opfer aber angezogen zu lassen, könnte das darauf schließen lassen, dass die „Härte“, die Muratowa im Sinn hatte, viel mit der Umkehr von Konventionen zu tun hat. Dieser Gedanke kommt einem auch, wenn Apolline Traoré in „Sira“ zeigt, dass sich als Frau mit einem Maschinengewehr gegen Islamisten recht viel tun lässt – selbst wenn man einen Säugling auf dem Rücken trägt. Es geht dabei um Konventionen von Frauen als Opfern, als Objekte, während nur Männer als Subjekte auf den Plan treten.

Konventionen, an die sich nicht nur, aber vor allem männliche Zuschauer gewöhnt haben. Dass es bei einer solchen Umkehr konventioneller Verhältnisse nicht immer darum geht, weibliche Subjektivität sichtbar zu machen, wie das etwa bei Céline Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“, 2019) durchklingt, beweist übrigens Ana Lily Amirpour, die sich in „No Mercy“ daran erinnert, wie sie sich in Marty McFly (aus „Zurück in die Zukunft“) und in Atréju (aus „Die unendliche Geschichte“) wiedererkannte: „Wenn diese Geschichten in diesen wunderbaren, erdachten Welten funktionieren, sollten sie jeden in den Bann ziehen.“

In den Bann zieht Isa Willingers „No Mercy“ nicht nur, weil der Film eine Welt jenseits von Coppola (senior!) und Co. aufschließt – viele Zuschauer werden mit einer langen Liste von Filmen und Regisseurinnen aus dem Kino kommen, die es nun zu entdecken gilt. „No Mercy“ zieht aber auch deshalb in den Bann, weil es Willinger gelingt, gegensätzliche Standpunkte gleichberechtigt nebeneinander zu stellen – auch das wird manch einer (und eine) hart finden. Aber schließlich ging es vielen von Willingers Zeuginnen einer anderen Filmgeschichte, wie Margit Czenki es ausdrückt, immer schon darum: „um Gleichberechtigung“.

„No Mercy“ läuft im Kino.

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