Die Augen und das Aussehen hat sie von Papa, das freche Mundwerk und die sofort erkennbare Stimme von Mama, benannt wurde sie nach einem Gershwin-Song: Es gibt wohl kaum jemanden, der mehr allerbesten, altklassischen Hollywood-Adel verkörpert als Liza Minnelli, die Tochter des einzigartigen Musical-Regie-Erfinders Vincente Minnelli und der bis heute glanzvollen Entertainment-Ikone Judy Garland. Am 12. März wird sie 80 Jahre alt – und beschenkt sich termingerecht selbst mit ihrer Autobiografie „Kids, wait till you hear this“. Also warten wir, bis wir ihre Geschichte hören.
Lizas Paten waren Ira Gershwin sowie die Musikgestalterin und „Eloise“-Autorin Key Thompson, ihr Nennonkel war Frank Sinatra. Ihre besten Jugendfreundinnen waren Mia Farrow, Candice Bergen und Cheryl Crane – die den Mafia-Freund ihrer Mutter Lana Turner erstach, als Liza zwölf war.
Ihr goldener Showbiz-Käfig war sehr toxisch, als „Kindheit in den Klauen des MGM-Löwen“ Paradies und Albtraum zugleich, mit Alkoholismus, Drogensucht, Untreue, zerbrochene Ehen, Selbstmorden, Todesfällen in nächster Nähe. Trotzdem lebte die kleine Liza, die schon als Dreijährige in „The good old Summertime“ für ein paar Finalsekunden das Filmkind ihrer Mutter spielte, ihre Träume in Technicolor. Papa liebte sie, die Mutter kritisierte und umarmte.
„Life ist a Cabaret“, nicht nur in „New York, New York“. Liza Minnellis Leben passt in zwei ikonische Liedtitel. Einer ist ganz und gar der ihre, auch wenn sie für die gleichnamige Musical-Uraufführung als zu glamourös abgelehnt wurde, für die Verfilmung 20 Mal vorsprechen musste. Den anderen Titel, den sie kreierte, muss sie sich mit Onkel Sinatra teilen. Für den „Cabaret“-Film, kongenial von Bob Fosse 1972 in München-Geiselgasteig und Berlin als Klassiker gestaltet, gewann sie als bannende, modisch vorbildliche (dem Stimmfilmstar Louise Brooks angelehnte) Verkörperung der Sally Bowles den Oscar, im gleichen Jahr den Emmy für ihr ebenfalls von Fosse verantwortetes TV-Special „Liza with a Z“. 1990 gab es auch noch einen Ehren-Golden-Globe für die jüngste im EGOT-Club der Vierfach-Preisträger (also der Leute, die mit Emmy, Grammy, Oscar und Tony ausgezeichnet wurden).
Denn drei Tonys als Broadway-Auszeichnung hat Liza Minnelli ebenfalls gewonnen, den ersten schon 1965 als 19-Jährige – ebenfalls die damals jüngste Preisträgerin überhaupt – für das frech mit dem Kommunismus flirtende Singspiel „Flora the Red Menace“. Und auch dabei war sie in bester Gesellschaft: Hal Price hatte produziert, die Partitur war ebenfalls von Kender & Ebb, dem Paar, das ihre Gesangskarriere entscheidend prägte, George Abbott führte Regie. Und Bert Lahr, der Löwe aus „The Wizzard of Oz“, hat ihr den Preis in die feuchtzitternde Hand gedrückt. Seinen Sohn hat sie dann später als Ehemann Nummer zwei geheiratet.
Ihr Schicksal: Kind weltberühmter Eltern
Liza, das „Nepo-Baby“ vor der Erfindung des Begriffs als Kind weltberühmter, auch erdrückender Eltern, hatte sich damals also aus deren Schatten befreit. Mama, gerade mal wieder in euer Suchtklinik, war not amused, schließlich war es ihr nie vergönnt, in einer New Yorker Musical-Produktion aufzutreten. 48 Monate nach Lizas erstem Tony starb ihre Mutter in London an einer versehentlichen Überdosis akzeptierter Drogen. Und auch die grandios für das Filmmusical Maßstäbe setzende Karriere ihres Vaters war da ebenfalls schon Geschichte.
Doch Liza bleibt nicht in dieser übermächtigen Vergangenheit, sie schafft sich eine Zukunft. Sie arrangiert sich mit den Halbgeschwistern Lorna und Joey Luft, wird von Halston eingekleidet und von Andy Warhol siebdruckporträtiert. Sie liebt Mikhail Baryshnikov und Martin Scorsese, heiratet immer mal wieder mindestens bisexuelle Männer, so wie es ihrer Mutter auch mit ihrem Vater ergangen ist. Und sie trägt das alles – auch das jahrzehntelange Abdriften in die Suchtspirale aus Alkohol, Tabletten und harten Drogen als Tochter einer Süchtigen – mit Humor.
Im Kander & Ebb-Song „A Quiet Thing“ heißt es: „Das Glück kommt auf Zehenspitzen“ und so war das weitere Liza-Leben eben nicht nur „Sonnenschein und blauer Himmel“. Kliniken waren für die Mutter, wie auch für die Familienfreundin Elizabeth Taylor fast wie ein zweites Zuhause und „Teil ihres Lebensstils“. Auch für Liza Minnelli, die im Grunde Mitte der 1970er-Jahre den Höhepunkt ihrer Karriere hinter sich hatte, aber als Sängerin stetig und immer wieder begeisterte. Sie hat sich trotz Arthrose und Enzephalitis auf die Bühne zurückgekämpft. „I’m still here“, die Überlebenshymne alter Showpferde von Stephen Sondheim, ist auch die ihre. Seit elf Jahren ist sie trocken, ihr größter Sieg, sagt sie.
Den Antrieb habe sie von Mama, die Träume von Papa geerbt, erzählt Liza Minnelli nun in ihren Memoiren, die 2003 mit ihrem Zusammenbruch auf dem Bürgersteig der Lexington Avenue in ihrer Wahlheimat New York den Tiefpunkt erreichen. Natürlich wieder wegen Alkohol und Drogen – war sie doch schon in den 1970ern die fleißigste Partymaus im Kokain-Schneegestöber des Studio 54. Ihre Substanzkonsumstörung führte in schwindelerregende Höhen und schreckliche Tiefen.
Liza Minnelli hat sich immer wieder erhoben, hat ihre Mutter nun schon um 33 Jahre überlebt. Als eine der charismatischsten Sängerinnen überhaupt, die sich 1989 mithilfe der Pet Shop Boys auch musikalisch neu erfunden hat, die nach Hüft- wie Knieoperationen und diversen Schlaganfällen jetzt ein zurückgezogenes Leben in L.A. führt, ab und an noch Preise entgegennimmt (zu ihrem tiefen Groll bei den Oscars 2022 erzwungenermaßen im Rollstuhl). Und deren Leben, mithilfe ihres schwulen Freundes Michael Feinstein als Lordsiegelbewahrer des Great American Songbooks, jetzt in langjähriger Interview- und Ordnungsarbeit durchaus fesselnd unterhaltsam auf 527 Seiten erzählt wird.
Liza Minnelli, Michael Feinstein: Liza – Kids, Wait Till You Hear This! Die Autobiografie. Penguin. 527 Seiten, 26 Euro.
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