Der Pritzker-Architekturpreis geht im Jahr 2026 an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke. Das ist eine Überraschung. Überraschender noch: Die Verleihung selbst fand statt. Denn der Name Pritzker wurde in den vergangenen Wochen hauptsächlich im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein genannt. In den nach dem Tod des 2008 verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein öffentlich gewordenen Dokumenten und E-Mails taucht der Name Thomas J. „Tom“ Pritzker mehrfach auf:
Der amerikanische Milliardär und Mitglied der berühmten Pritzker-Familie, die unter anderem die Hyatt-Hotelkette besitzt, war in leitender Funktion an der Hyatt Foundation beteiligt, die den Pritzker-Preis verwaltet. Pritzker unterhielt über Jahre wiederholt Kontakt mit Epstein, auch nach dessen Verurteilung. Die Akten enthalten auch Hinweise auf persönliche Treffen und Einladungen zu Veranstaltungen. Pritzkers Name steht zudem in Epsteins „Black Book“, einem Kontaktverzeichnis seines Netzwerks.
Im Februar 2026 trat Tom Pritzker als Executive Chairman von Hyatt Hotels zurück. In einer Erklärung sprach er von „schlechtem Urteilsvermögen“, distanzierte sich von Epstein und verurteilte dessen Verbrechen. In der Hyatt Foundation behält er weiterhin eine leitende Funktion und bleibt formal mit dem Preis verbunden, den sein Vater Jay und seine Mutter 1979 ins Leben gerufen hatten. Die Epstein-Affäre warf damit auch einen Schatten auf den Preis selbst, der heute mit gut einwöchiger Verspätung verliehen wurde.
Dass der Pritzker-Preis „irreparabel beschädigt“ sei, wie es vielfach zu lesen war, und nicht glaubwürdig zu vergeben und besser auszusetzen sei, dem dürfte die Stiftung mit der relativ schnellen Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers entgegenwirken wollen. Ob die Beschädigung aber auch Smiljan Radić Clarke betrifft, ist nun die Frage, denn die Debatte um den Preis hatte weniger mit Pritzkers Beziehung zu Epstein und umgekehrt zu tun, als mit einer generellen Kritik an der Auszeichnung. Sie würde in der Alte-weiße-Männer-Logik hauptsächlich die Patriarchen der Branche prämieren. Der Pritzker-Preis übersehe zudem völlig, dass Architektur keine One-Man-Show ist – auch keine One-Woman-Show –, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Teamarbeit sei. In der Liste der Preisträger lese man aber hauptsächlich Einzelpersonen.
Tatsächlich ist der Preisträger-Club ziemlich männlich, jedenfalls in der Quantität. 43 Mal ging der Preis an Männer. Und unter diesen Männern sind nicht alle weiß, aber viele passen ins Klischee des dominanten Stararchitekten: Philip Johnson war der erste, James Stirling ist dabei, ebenso wie Ieoh Ming Pei, Oscar Niemeyer, Frank Gehry, Tadao Ando, Àlvaro Siza, Aldo Rossi, Renzo Piano, Norman Foster, Rem Koolhaas, Jean Nouvel, Peter Zumthor, David Chipperfield – um nur die berühmtesten zu nennen. Robert Venturi bekam ihn, seine Frau Denise Scott Brown ausdrücklich nicht, obwohl beide ihr Büro gemeinsam führten – sie nahm das 1991 mit bissigem postmodernem Humor.
2004 wurde mit Zaha Hadid die erste Architektin (von insgesamt nur fünf Frauen) mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Auch sie hat freilich ihr Londoner Büro nicht allein geführt. Anfang der 2020er-Jahre schien der Bann gebrochen, als zunächst Yvonne Farrell und Shelley McNamara von Grafton Architects gemeinsam den Preis bekamen und dann mit Lacaton & Vassal auch einmal ein wirklich wegweisendes Büro prämiert wurde, das früher als andere erkannt hatte, dass die Zukunft der Architektur wohl eher im Umbau als im Bau liegt. Doch seitdem wieder nur Männer.
Der Pritzker-Preis gilt als Nobelpreis der Architektur. Und teilt ein ähnliches Problem. Abgesehen von den Schriftstellern, die mutmaßlich allein schreiben, stehen die Mediziner, Physiker und Chemiker meist auch einem Team vor, das ihre Preiswürdigkeit möglich macht, das aber allenfalls in der Dankesrede der Preisträger Erwähnung findet. Sollte man den Pritzker-Preis deshalb abschaffen? Wohl kaum. Der Institution würde es jedoch guttun, wenn Tom Pritzker seinen Einfluss auch auf Stiftungsebene vollständig beendete, zumal die offizielle Darstellung einer unabhängigen Juryarbeit nicht die Image-Schäden aufwiegt, die mit dem Namen verknüpft sind.
Smiljan Radić Clarke jedenfalls hat sich bereit erklärt, den Preis anzunehmen. Dass sein Name außerhalb der Architekturszene weniger Bekanntheit besitzt als die seiner Vorgänger, könnte in diesem Jahr sogar ein Vorteil sein: Außerhalb Chiles hat er nur wenig gebaut. Darunter ist eine Bushaltestelle in dem für seine meist gut gestalteten Funktionsgebäude bekannten österreichischen Bundesland Vorarlberg. Fotogen war sein Projekt für die Londoner Serpentine Gallery, ein schräg aufgebockter runder Pavillon von der Anmutung eines reifen Weichkäses.
„Seine Gebäude erscheinen temporär, instabil oder bewusst unvollendet – beinahe im Begriff zu verschwinden –, und doch bieten sie einen strukturierten, optimistischen und still freudigen Schutzraum, indem sie Verwundbarkeit als inhärente Bedingung gelebter Erfahrung annehmen.“ So heißt es in der Begründung. Die Jury erkennt ein „Werk, das sich an der Schnittstelle von Ungewissheit, materieller Experimentierfreude und kulturellem Gedächtnis bewegt“.
Radić Clarke kehre zu den „elementarsten Grundlagen der Architektur zurück und erkundet zugleich Grenzen, die noch nicht berührt wurden. Entwickelt unter kompromisslosen Umständen, vom Rand der Welt aus, mit einem Büro aus nur wenigen Mitarbeitenden, vermag er uns zum innersten Kern der gebauten Umwelt und der menschlichen Existenz zu führen“, schreibt Alejandro Aravena, Chilene, Juryvorsitzender und Pritzker-Preisträger von 2016.
Mit diesen Ausflügen in die Architekturpoesie wirkt der Pritzker-Preis 2026 weniger wie eine Stärkung seines eigenen Anspruchs, der bedeutendste Architekturpreis der Welt zu sein, als wie ein Versuch der Stiftung, eine Krise kosmetisch zu übertünchen — und der Preisträger wie ein Lückenbüßer in einer notwendigen Debatte. Die Zukunft des Preises ist damit sicher noch nicht entschieden.
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