Sie schreibe, um ihn festzuhalten, so formuliert Siri Hustvedt ihr Projekt. „Ghost Stories“ ist das Monument ihrer Liebe zu Paul Auster, ihres gemeinsamen Lebens und Denkens, vor allem ein Ringen damit, wie dieses Leben in Verbundenheit zu Ende geht und dann nur noch in der Vergangenheitsform und einzelnen Erinnerungen weiterzuleben scheint. Hustvedt ringt mit dem Unmöglichen: Sie will ihren verstorbenen Mann im Schreiben festhalten, „etwas von diesem Mann aufs Papier zurückzubringen“. Ein bloß biografisches Erinnerungsbuch über ihren Mann, der am 30. April 2024 an seiner Krebserkrankung starb, wolle sie nicht schreiben. „Ich trauere um Paul“, heißt es an einer Stelle, „aber meistens trauere ich um Siri und Paul. Ich trauere um das ‚und‘. Ich trauere um das Gefühl, das dieses ‚und‘ mir in der Welt bereitete. Das ‚und‘, in dem er und ich einander überlagerten.“ Und: „Ich will, was war.“
Die Idee, den Toten zurückholen zu wollen: So wird es jedem Hinterbliebenen gehen, der den Tod eines geliebten Menschen verarbeitet; man muss nicht die angeblich sieben Phasen der Trauer durchlaufen haben, um zu wissen, dass einen der aussichtslose Wunsch, ob es nicht auch ganz anders sein könne, immer überkommen kann, dass der geliebte Mensch wieder da sein möge, jetzt, in diesem Moment und die Eindrücke der Welt wieder mit einem teile. Was ist anders, wenn eine Schriftstellerin über den Tod ihres Mannes schreibt, der Schriftsteller war?
„Wir lebten beide in den Seiten von Büchern“, schreibt Hustvedt. Sie geht ihrer Beziehung von 43 Jahren – eine Zahl, die immer wieder beschworen wird, wie auch deren Quersumme, die 7, Auster starb mit 77 – nach, den typischen Stationen eines Lebens als Paar: Ihr Kennenlernen, das erste Date in einem Kino in Manhattan, die ersten Briefe, die Unsicherheit, als er sie kurz verließ, um wieder zu seiner Frau zurückzugehen, die ruhige, ernste Freude, als er zu ihr kam und bleiben wollte. Die Hochzeit, die Geburt der gemeinsamen Tochter Sophie, ihre eigene komplexe Rolle als Stiefmutter des Sohns aus erster Ehe und dessen späterer schrecklicher Tod, der Abschied von den eigenen Eltern, das Glück, Großeltern zu werden, kurz vor Austers Tod.
Genauso wichtig wie diese Stationen sind Hustvedt die Dinge, Ereignisse und Stimmungen, die sich nicht einfach zusammenfassen, sondern nur literarisch erzählen lassen: ihre intellektuelle Beziehung, ihre Verbundenheit im Körper wie Kopf. Als Schriftstellerin ist ihr diese Seite so wichtig wie das Leben. Eine Urszene des Paares: Als sie zusammenziehen, sortieren sie die Bücher aus, die sie in der zusammengelegten Bibliothek doppelt haben, und sie denkt: nun ist es wirklich ernst, nun muss es halten.
Er wurde schneller berühmt als sie
Zu dieser intellektuellen Beziehung gehörte auch, was im realen Leben nicht immer leicht gewesen sein dürfte: Hustvedt, die nicht mit derselben Wucht berühmt wurde wie Auster, ordnet sich ihm in „Ghost Stories“ nicht unter; sie sind Partner, im Leben und im Denken, sie bleibt in der Rolle der Schriftstellerin und wird nicht zur bloßen Unterstützerin oder Rezipientin der Größe ihres Mannes. „Paul und ich wurden manchmal als Schachfiguren benutzt, nicht nur in einem allgemein wahrnehmbaren Drama, wem mehr Ruhm zusteht, sondern in einer uralten Geschlechterdebatte“, schreibt Hustvedt: „Der Mann ist Intellekt; die Frau ist Gefühl. Er gebiert Ideen; sie presst Babys heraus. Männlicher Geist über weiblichem Körper.“
„Ghost Stories“ ist insofern auch ein Akt des Widerstands, ein Versuch, sich dieser Struktur zu widersetzen, vielleicht ein letztes Mal. Einfach dürfte es nicht gewesen sein, schließlich waren beide bei aller Nähe völlig unterschiedliche Schriftsteller und sie nach seinem Tod zwangsläufig in der Rolle derjenigen, die seine Schriften sammelt und sortiert. Überall in ihrem Haus in Brooklyn ist die Schrift, Beweise seiner Schrift: in hinterlassenen Zetteln und Notizen, seinem Schreibtisch, den sie sich nie näher angesehen hatte und auf dem sie nun die vielen Stifte betrachtet und die Farbbänder von eigentlich ausgestorbenen Schreibmaschinen.
Insofern ist „Ghost Stories“ auch das Dokument einer Schriftstellerin, die entscheidet, welches Bild ihr Mann in der Welt hinterlässt, was von ihm nach seinem Tod bleibt, wie seine Erzählung weitergeht – eine Verantwortung, der man gerecht werden muss, als Witwe und als Schriftstellerin. So hat Hustvedt entschieden, die realen Briefe, die Auster seinem Enkelsohn Miles geschrieben hat und die von einzelnen Familienmitgliedern handeln, wie kleine Anker aus der Vergangenheit in die Zukunft zu setzen. „Miles wird geboren. Paul stirbt. Ein Kreislauf der Zeit“, heißt es an einer Stelle. Hustvedt hat auch entschieden, fast nichts von Austers Leben vor ihr zu erzählen, nur die Aspekte, die auch sie betrafen: etwa das Schicksal des Sohns Daniel, der unter der Trennung der Eltern so sehr litt, dass er beim Malen Menschen zeitweilig nur als Hälften malte, später drogensüchtig wurde und das eigene Baby im Rausch sterben ließ.
Wer aber „Ghost Stories“ mit voyeuristischem Interesse liest, an den verborgenen Abgründen des strahlenden Paares, über das ein betrunkener Hochzeitsgast gesagt haben soll, sie seien so gut aussehend, dass er ihre Gesichter „gern mit einem Rasiermesser schlitzen“ würde, wird nicht fündig; abgesehen vielleicht von einer kurzen blumigen Szene, in der Auster Hustvedt im gerade frisch bezogenen Haus die Frage stellt: „Burroughs oder Beckett?“ („Beckett, sagte ich sofort. Paul packte mich, küsste mich fest, und wir liebten uns auf der Treppe“.)
Sie habe sich nach dem Tod Austers fast fünf Jahre lang gefühlt wie jemand, der „in Schutzhaltung lebt“, ständig Dinge vergisst oder nicht mehr weiß, auf wen welche Erinnerung zurückgeht, immer wieder habe sie sich im Alltag „aufsammeln“ müssen, schreibt Hustvedt. Indem sie Paul Auster aus der sphärischen Zone der Vergangenheit aufs Papier bringt, in ihre Geschichte, kommt sie wieder zu sich: Es ist das große literarische Verdienst von Siri Hustvedt, dass sich das Buch nicht wie die Reminiszenzen einer Witwe lesen, sondern wie das lebendige Erinnerungsbuch einer Frau, die im Schreiben wieder zu leben beginnt.
Siri Hustvedt: „Ghost Stories“. Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt, 400 Seiten, 25 Euro.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.