Zweimal geschieht das Unbegreifliche: Einmal, als 39 Frauen und ein Mädchen plötzlich in einem unterirdischen, von Wärtern bewachten Gefängnis aufwachen. Sie wissen nicht, warum sie hier sind. Und einmal, als sich die 39 Frauen und das Mädchen nach einem Alarm plötzlich wieder in Freiheit befinden. Sie wissen nicht, was sie mit ihr anfangen sollen.

Beide aufeinanderfolgenden Szenarien in Jacqueline Harpmans Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ strotzen vor kafkaesker Absurdität. Dass sich die Kaspar-Hauser-Erzählung als tagebuchartiger Bericht des Mädchens ausgibt, das kurz vor ihrem Tod Bilanz zieht, rückt ihn außerdem in die Nähe von Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, vor dem Harpman sich keineswegs verstecken muss.

Was steckt in diesem kleinen Büchlein nicht alles drin: Die belgische Autorin mit jüdischen Wurzeln, die 1940 mit ihrer Familie nach Casablanca floh, reflektiert mit ihrer bizarren Dystopie einerseits die Erfahrungen der Konzentrationslager, das plötzliche Einbrechen einer neuen Herrschaft sowie deren plötzliches Ende.

Andererseits geht es auch um die zeitlose Frage nach dem Sinn des Lebens, die keine Antwort findet, außer die, dass es die Neugier und die Hoffnung sind, die uns bei der Stange halten. Warum lernen wir lesen und rechnen und schreiben, obwohl wir wissen, dass wir eines Tages mit Sicherheit sterben werden? Weil wir nicht anders können, als zu hoffen, dass es doch anders kommen könnte. Und weil im Lesen, Rechnen und Schreiben selbst der Sinn liegt.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist ebenso eine faszinierende Studie über Asexualität (die Ich-Erzählerin kennt keine Männer und hat nie sexuelle Neigungen entwickeln können) wie die deprimierendste Anti-Einsamkeits-Droge der Welt. Es ist eine Hommage ans klassische Bildungsideal sowie der gleichzeitige resignierte Abgesang desselben.

Es ist eine überraschende Ode an die Fantasie und Vorstellungskraft genauso wie ein hoffnungslos hoffnungsvoller Bericht an die Überlebenden – sollte es außer der Erzählerin noch irgendwo da draußen welche geben in dieser Welt, von der sie nicht einmal weiß, ob es sich um die Erde oder nicht vielmehr um etwas ganz anderes handelt. Das Wunderbare an Harpmans Meisterwerk ist, dass es sich jeder allzu eindeutigen Interpretation verweigert. Glaubt man etwa gerade, verstanden zu haben, dass es sich um die von Männern gegen Frauen ausgehende Gewalt handelt, findet die Heldin einen Keller vor, in dem ausschließlich männliche Leichen liegen.

Mangel an Erklärungen

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist ein schreckliches Buch und es ist ein schönes Buch, aber vor allem ist es ein existenzielles Buch. So karg wie die Landschaft, in der keine Tiere leben und sich nichts als Wüste und Leichenberge vor der Heldin ausbreiten, so karg und konzentriert ist auch Harpmans Sprache. Nichts ist hier überflüssig, keine Kartoffel wird verschwendet, kein Wort umsonst gesagt, kein Schritt zu viel gegangen.

Der Mangel an Erklärungen für ihre Situation, mit dem die Erzählerin sich arrangieren muss, ebenso wie der Mangel an menschlichem Gefühl, mit dem sie aufgrund ihres Aufwachsens in dem unterirdischen Keller ohne Tageslicht und Berührungen ausgestattet ist, wirken radikal und zuweilen auch makaber, verhindern aber jeden Hang zum Kitsch. Was macht uns zu Menschen? Auch diese Frage stellt die undurchdringliche Parabel, deren Rezeptionsgeschichte mindestens ebenso erstaunlich ist wie ihr Inhalt:

Der 1995 erstmals auf Französisch veröffentlichte Roman der 1929 geborenen Autorin wurde zunächst nur spärlich rezipiert. Auch die Übersetzungen ins Englische und Deutsche schlugen lange keine Wellen. Bis TikTok ihn entdeckte – und berühmt machte. Das Magazin „The Cut“ titelt: „‘The Handmaid’s Tale’ für die Gen Z: Wie BookTok einen dystopischen Roman aus den 90ern in einen Indie-Bestseller verwandelte“. Jetzt erscheint der Roman in einer eleganten Übersetzung von Luca Homburg zum zweiten Mal auf Deutsch. Der verspätete Erfolg von „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist vermutlich das Beste, was TikTok je angestoßen hat.

Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte. Aus dem Französischen von Luca Homburg. Klett-Cotta, 224 Seiten, 24 Euro.

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