Ich lebe in Tel Aviv und habe keinen Mamad. Keinen Schutzraum in der Wohnung. Auch keinen Miklat im Haus. Ich wohne im dritten Stock eines osmanischen Gebäudes in Yafo, Tel Aviv, das vermutlich mehr Kriege gesehen hat als die meisten europäischen Staaten. Wenn der Raketenalarm ertönt, brauche ich zwei Minuten zur nächsten Tiefgarage. Wenn ich schnell bin. Zwei Minuten, wenn ich nicht um drei Uhr nachts nur mit einem T-Shirt bekleidet im Bett liege. Zwei Minuten, in denen man plötzlich sehr genau versteht, wie viel Zeit eigentlich sechzig Sekunden sind.
Ich kenne Israel seit 1991. Aber erst seit dem Sommer 2014 begriff ich, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die gelernt hat, mit Gefahr umzugehen. Fünfzig Tage dauerte damals der Gaza-Krieg. Fünfzig Tage Raketenalarm. Fünfzig Tage, in denen das Telefon vibrierte, weil irgendwo im Süden jemand eine Rakete abgefeuert hatte. Wer in Tel Aviv lebte, entwickelte sehr schnell eine neue Gewohnheit: immer wissen, wo der nächste Schutzraum ist.
Seit diesem Sommer weiß ich etwas, das in Deutschland bis heute kaum jemand hören will: Sicherheit ist kein Zustand. Sicherheit ist eine Fähigkeit. Und diese Fähigkeit beginnt nicht beim Staat, nicht beim Militär und nicht bei irgendeinem Ministerium. Sie beginnt bei der Kultur einer Gesellschaft. In Israel nennt man das nicht Strategie. Man nennt es Alltag.
Und dieser Alltag unterscheidet sich fundamental vom deutschen. Während man mehrmals täglich im Schutzraum sitzt und gleichzeitig versucht, das Leben so normal wie möglich weiterzuführen, gibt sich Deutschland einer pazifistischen Lethargie hin.
In sicherheitspolitischen Kreisen ist längst klar, dass dieser Konflikt weit über den Nahen Osten hinausreicht. Doch für viele Deutsche ist der Iran-Krieg vor allem ein Ereignis, zu dem man eine moralische Haltung formulieren muss. 59 Prozent sind dagegen. Man versichert sich gegenseitig seiner Friedensgesinnung und lauscht selig Stimmen wie Ole Nymoen, der empfiehlt, man solle sich im Ernstfall einfach wie Käfer auf den Rücken werfen.
Für strategische Analysten stellt sich die Lage anders dar. Sie sehen im Iran-Krieg einen weiteren Schritt in einer globalen Machtverschiebung, in der Russland, China, Iran und westliche Staaten längst in eine neue Phase geopolitischer Konkurrenz eingetreten sind. Wer diese Dimension ignoriert und glaubt, die zentrale Frage sei, ob man „gegen Krieg“ sein müsse, macht einen grundlegenden Fehler. Denn das eigentliche Problem liegt woanders.
Deutschland diskutiert noch über Moral, obwohl andere Länder längst in der Vorbereitung stecken.
Die Illusion der Sicherheit
Deutschland hat in den vergangenen dreißig Jahren eine historische Ausnahmesituation erlebt und sie zum Normalzustand erklärt. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind zwei Generation aufgewachsen, für die Sicherheit keine aktive Aufgabe mehr war, sondern eine Hintergrundbedingung des Lebens. Krieg war etwas, das man aus Dokumentationen kannte oder aus den Nachrichten über entfernte Regionen. Aber nicht etwas, das Teil der eigenen Realität sein könnte.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die Bedrohung emotional wahrnimmt, aber strukturell nicht darüber nachdenkt. Die Angst vor Krieg ist real, sehr real sogar – doch sie führt eben nicht zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der Frage, wie eine Gesellschaft eigentlich mit Krisen umgehen würde.
Ein Sicherheitsberater aus der deutschen Rüstungsindustrie, mit dem ich für diesen Text sprach, bestätigte mir diese Beobachtung trocken: „Das Problem in Deutschland ist nicht nur militärisch. Es ist auch kulturell. Millionen junger Menschen sind in einer Situation aufgewachsen, in der Sicherheit selbstverständlich schien.“ Genau das beschreibt ziemlich exakt die mentale Architektur der Bundesrepublik. Sicherheit wurde delegiert – an Bündnisse, an Institutionen, an die NATO und faktisch an die Vereinigten Staaten.
Doch in München machte Washington 2025 unmissverständlich klar, dass diese strategische Bequemlichkeit künftig nicht mehr funktionieren wird. Gleichzeitig entwickelte sich eine politische Kultur, in der jede ernsthafte Diskussion über militärische Realität sofort als moralisches Problem erscheint. Sobald man in Deutschland überhaupt versucht, über einen möglichen Kriegsfall zu sprechen, folgt fast reflexartig der Vorwurf des Kriegstreibens. Vorbereitung gilt als Provokation, Realismus als Angriff auf den Frieden. Die Debatte reagiert dann wie ein Kind, das die Augen schließt und glaubt, die Welt verschwinde dadurch.
Für jemanden wie mich, der gerade erst über Ägypten aus einer Kriegsregion nach Europa zurückgekehrt ist, wirkt diese Form der Verdrängung fast surreal. Eine ähnliche Beobachtung macht Christian Gummig, Initiator der Initiative „Deutschland macht Alarm“, die sich mit Fragen gesellschaftlicher Krisenvorsorge beschäftigt: „Das größte Problem ist das Mindset. Die Bevölkerung ist mental nicht auf Konflikt vorbereitet – und politisch will man dieses Thema nicht konsequent anfassen, weil man keine Panik erzeugen möchte.“ Doch genau diese Logik produziert das Gegenteil von Stabilität. Gesellschaften geraten nicht in Panik, weil sie vorbereitet sind. Gesellschaften geraten in Panik, weil sie es nicht sind.
Readiness ist eine kulturelle Kompetenz
In Israel entsteht diese Form der Readiness nicht nur durch Technik oder staatliche Systeme. Sie entsteht vor allem durch gesellschaftliche Routinen. Natürlich gibt es die Infrastruktur: Wenn eine Rakete abgefeuert wird, erhält man eine Push-Nachricht vom Home Front Command, der Zivilschutzorganisation des Landes. Die App zeigt, wie viele Sekunden man Zeit hat, um einen Schutzraum zu erreichen. Andere Apps zeigen, wo sich der nächste Schutzraum befindet – ein entscheidendes Detail für Menschen, die keinen Mamad in ihrer Wohnung haben.
Aber die eigentliche Resilienz zeigt sich woanders. Sie zeigt sich darin, wie schnell eine Gesellschaft ihren Alltag reorganisiert. Restaurants schließen nicht einfach, sie stellen auf Abholung um. Cafés bleiben geöffnet, informieren auf Tafeln oder Aufstellern, wo sich der nächste Schutzraum befindet. Schulen reagieren ebenso pragmatisch. Bereits am ersten Kriegstag wurde Unterricht online organisiert. Bis heute macht meine Tochter Homeschooling. Der Unterricht findet statt, nur anders.
Die Stunden sind kürzer, zwischendurch wird vor dem Bildschirm gemeinsam getanzt. Und bevor der Unterricht beginnt, schicken die Kinder in der Zoom-Konferenz ein Emoji, das beschreibt, wie sie sich gerade fühlen. Dann spricht man darüber, aber eben kurz – und danach beginnt Mathe oder Hebräisch. So sieht eine Gesellschaft aus, die gelernt hat, mit Krisen zu leben. Der Alltag verschwindet nicht. Er passt sich an. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied.
Readiness bedeutet nicht, permanent im Ausnahmezustand zu leben. Readiness bedeutet, dass eine Gesellschaft fähig ist, ihre Routinen so zu verändern, dass sie auch unter Druck funktionieren. Ja, Technologie und militärische Aufrüstung sind notwendig. Aber die eigentliche Ressource ist kulturell: die Bereitschaft, Realität anzuerkennen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Kurz nach dem Beginn des Iran-Krieges hat ein Israeli eine Website gebaut, die auf jeden, der eben keinen Krieg kennt, völlig absurd wirkt. Sie heißt canishower.com. Die Idee dahinter ist simpel: Wenn Raketenalarm ausgelöst wird, bleiben oft nur wenige Sekunden, um einen Schutzraum zu erreichen. Für uns Israelis ein alltägliches Dilemma. Denn wer unter der Dusche steht, braucht zu lange, um rechtzeitig aus der Wohnung zu kommen. Also analysiert die Seite verschiedene Sicherheitsdaten und berechnet daraus eine Wahrscheinlichkeit: Wie hoch ist gerade das Risiko, dass Raketenalarm ausgelöst wird? Die Website beantwortet eine einzige Frage: Kann ich jetzt duschen? Das klingt nach einer Kuriosität. Tatsächlich ist es ein ziemlich präzises Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Gesellschaft gelernt hat, Gefahr nicht zu verdrängen, sondern zu organisieren.
Deutschland steht heute genau vor dieser Herausforderung. Auch deshalb, weil der deutsche Staat sich in einer bemerkenswerten Verweigerungshaltung befindet, dieses Thema ernsthaft anzugehen. Dabei bräuchte es einen strategischen Fachkreis, mit den richtigen Expertinnen und Experten. Nicht Militärs und Sicherheitspolitiker, sondern Menschen, die wissen, wie eine westliche Gesellschaft mit Krieg lebt, ohne daran zu zerbrechen. Menschen, die verstehen, wie sich eine Kultur der Vorbereitung entwickelt – und warum sie Stabilität schafft, statt Angst zu erzeugen. Aber warum überhaupt auf den deutschen Staat warten?
Vielleicht muss diese Kompetenzvermittlung auch nicht beim Heimatschutz beginnen, sondern bei den Organisationen, die Gesellschaft jeden Tag am Laufen halten. Nämlich Unternehmen. Sie beschäftigen Millionen Menschen. Sie organisieren Kommunikation, Infrastruktur und Entscheidungsprozesse. Wenn Krisen zur Realität werden, sind sie nicht nur wirtschaftliche Akteure, sondern soziale Räume, in denen Resilienz praktisch entsteht.
Die entscheidende Frage lautet also nicht mehr nur, ob Staaten vorbereitet sind. Die Frage lautet, ob Unternehmen es sind. Denn ein vorbereitetes Unternehmen ist ein krisenfestes Unternehmen. Dabei bedeutet Vorbereitung eben nicht militärische Schulung und auch keinen Rückzug in eine Preppermentalität.
Denn die wichtigste Lektion aus Ländern wie Israel ist diese: Gesellschaften bleiben nicht stabil, weil sie hoffen, dass Krisen ausbleiben. Sie bleiben stabil, weil sie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. Readiness ist deshalb keine militärische Kategorie. Readiness ist eine kulturelle, die durch die richtigen Experten vermittelt werden kann.
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