Er war der Nette unter den Nachkriegsschriftstellern. Keine rechthaberische Nervensäge wie Günter Grass. Kein geschwätziger Großintellektueller wie Martin Walser. Und schon gar kein Mahner mit Leichenbittermiene wie Heinrich Böll. Siegfried Lenz stellt die große Ausnahme dar. Wer ihn noch persönlich erlebt hat, weiß, wie sehr er bezaubern konnte mit seiner freundlichen, zugewandten Art. Er selbst führte sie auf „ostpreußische Höflichkeit“ zurück. Mit einer kleinen Verbeugung vor seinem landsmannschaftlichen Herkommen, das er wie kein anderer deutscher Schriftsteller gestaltet und überliefert hat.

Humorvoll hintersinnig in den Erzählungen „So zärtlich war Suleyken“. Historisch und kulturgeschichtlich weit ausholend in seinem bedeutendsten Werk, dem Mammutroman „Heimatmuseum“. Jetzt, wo immer weniger Menschen unter uns weilen, die noch auf masurischer Erde geboren wurden, steht Siegfried Lenz vor uns als wichtigster literarischer Zeuge dieses norddeutschen Biotops, das für immer verschwunden ist.

Siegfried Lenz mag durch sein einnehmendes Wesen die Ausnahme dargestellt haben; jedoch dem Zeitgeist konform betrug er sich durchaus. So stand er beispielsweise in Treue fest zur EsPeDe. Er trommelte für die Sozialdemokratie von den Sechzigerjahren an, als es die Entspannungspolitik von Willy Brandt durchzusetzen galt, bis ins hohe Alter, als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sein bester Freund war.

Als die SPD mal trendy war

Das muss man jüngeren Menschen heutzutage erklären: In den sechziger, Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts hatte die SPD tatsächlich einen Coolness-Faktor. „Willy wählen“ war eine Lebensform. „Mehr Demokratie wagen“ hieß die Parole der skeptischen Generation von Kriegsheimkehrern, zu der auch Siegfried Lenz gehörte. Und ihre Sehnsucht, von nun an in Frieden mit den noch vor Kurzem so barbarisch bekämpften polnischen Nachbarn, aber auch mit der Sowjetunion, zu existieren, war ein tiefempfundenes Bedürfnis – und noch nicht Ausdruck blauäugiger Bequemlichkeit.

Siegfried Lenz war tief durchdrungen von dieser Sehnsucht. Er ist 1970, auf Einladung Willy Brandts, mit nach Warschau gefahren. Er stand dabei, als der damalige Bundeskanzler den berühmten, damals unerhörten Kniefall tat. Eine der wenigen großen Gesten, zu der sich die performativ überwiegend unbegabten deutschen Politiker nach 1945 aufzuschwingen verstanden.

Siegfried Lenz (links) mit Willy Brandt und Günter Grass im Jahr 1977

Diese Geste war ganz im Sinne von Siegfried Lenz. Er stellte den Gedanken der Wiederversöhnung so hoch, dass er in „Heimatmuseum“ die russischen Kriegsverbrechen in Ostpreußen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs großzügig unter den Tisch fallen ließ. Und seinen Helden Zygmunt Rogalla ließ er das titelgebende ostpreußische Heimatmuseum samt allen Beständen, die er im Januar 1945 auf der Flucht in den Westen wie durch ein Wunder hatte retten können, verbrennen, zerstören mit Stumpf und Stiel – nur damit das alles nicht den Funktionären der Vertriebenenverbände in die Hände fiel! Das ist wohl die bizarrste Idee, die jemals einer literarischen Großtat zugrunde gelegt wurde. Und wahrscheinlich nur mit dem merkwürdigen Zeitgeist der Siebzigerjahre zu erklären, in denen das Buch entstand.

Nein, man darf sich von der konzilianten Seite dieses Autors nicht täuschen lassen: Er war ein Linker. Gehörte auch, obwohl er nie ihren Preis gewann, zur literaturpolitisch einst so einflussreichen Gruppe 47, die wir ihres Beißreflexes wegen gegen alles ästhetisch Andersartige heute eher kritisch sehen. Die Ära Adenauer hasste Siegfried Lenz ähnlich blind für ihre großen Leistungen wie seine Gruppen-Kumpels. Auch ihre ästhetischen Vorlieben teilte er und nannte brav Hemingway seinen literarischen Patron. Mögen auch seine frühen Romane mit ihren Kriegsteilnehmern, Deserteuren, Marinetauchern von fern an den Amerikaner erinnern. Wer das Gesamtwerk überschaut, wird andere Einflüsse dominanter finden. Und genau diese Einflüsse waren es vermutlich, denen Siegfried Lenz seine immense Beliebtheit verdankte. Vor allem seit seinem Durchbruch mit der „Deutschstunde“ konnte er schreiben, was er wollte: Alles landete in den Charts und behauptete sich dort. Wenngleich nicht immer, wie „Deutschstunde“ 1968 (ausgerechnet), ein volles Jahr auf Platz 1.

„Heimatmuseum“ und „Deutschstunde“

Apropos „Deutschstunde“. Der dicke Roman ist Heerscharen von Gymnasiasten als Dokument der „Vergangenheitsbewältigung“ nahegebracht worden. Die Geschichte spielt im nördlichsten Winkel Deutschlands. Sie handelt von den Umtrieben eines fanatisch pflichtbewussten Polizisten, der das Malverbot für einen Künstler durchsetzt, hinter dem sich, unschwer zu erkennen, Emil Nolde verbirgt. Aber die Verbrechen der Nationalsozialisten kommen überhaupt nicht vor! Nicht ihre anfänglichen Siege und Höhenräusche. Nicht ein einziges jüdisches Schicksal. Auch die Trümmerwüsten deutscher Städte am Ende des Krieges fehlen. Stattdessen landschaftliche Idylle pur. Wolken und Wind. Mal Ebbe. Mal Flut. Und ewig kreisen die Möwen …

„Heimatmuseum“ ist zunächst in einem ostmasurischen Flecken namens Lucknow angesiedelt, in den viel von Siegfried Lenz’ Geburtsort Lyck eingegangen ist. Und danach springt das Geschehen wiederum nach Schleswig-Holstein, dieses Mal ans Ufer der Schlei. Abermals absolute Randlage. Und erneut herrscht „Das einfache Leben“, um den erfolgreichsten Roman der Vierzigerjahre zu bemühen. Will sagen das Lebensideal des einstmals vielgelesenen Ernst Wiechert. Eines Antinazis, der für seine Regimekritik ins KZ kam, das wohl. Der aber die urbane Massengesellschaft fürchtete wie der Teufel das Weihwasser. Angeekelt wendet sich die Hauptfigur in „Das einfache Leben“, ebenfalls ein Weltkriegsheimkehrer, dieses Mal allerdings aus dem Ersten, von Berlin ab. Wohin zieht es ihn? Natürlich in die Einsamkeit der ostpreußischen Wälder.

Siegfried Lenz, 1973

Nein, nicht Hemingway steht für die großen Romane von Siegfried Lenz Pate, zu denen an dritter Stelle noch „Exerzierplatz“ von 1985 gehört. Sondern Ernst Wiechert. Und noch ein weiterer, antimoderner, oder besser paramoderner Schriftsteller: Werner Bergengruen. Kein Ostpreuße diesmal, dafür ein Balte. Sein Einfluss macht sich vor allem in den beliebten Erzählsammlungen „So zärtlich war Suleyken“ oder „Der Geist der Mirabelle“ geltend, aber auch in den vielen folkloristischen Abschweifungen des „Heimatmuseums“. Auch Bergengruen war bis weit in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts populär wegen seiner humoristischen Anekdoten aus einer versunkenen „Welt des deutschen Ostens“ ohne genaue historische Bezüge, dafür bevölkert von liebenswerten Originalen und ihren Schnurrpfeifereien. Diese literarische Traditionslinie ist es, die Siegfried Lenz fortsetzte und in eine gemäßigte Moderne überführte, die sich mit dem sozialdemokratischen Lifestyle der alten Bundesrepublik bestens vertrug.

Und eben darum liebten ihn die Leser. Das seltsam Entschleunigte, Ahistorische, Abseitige von Siegfried Lenz’ Büchern, in denen bis hin zu den Alterswerken Anstand und Sitte herrschen, Sauberkeit und Übersichtlichkeit großgeschrieben werden, noch keinerlei Ausschweifungen und schon gar nicht solche sexueller Natur die Sinne aufreizen: Das muss ein intensives Bedürfnis befriedigt haben. Das Bedürfnis, die Fünfzigerjahre mitsamt dem damaligen Heimatfilm möchten bis in alle Ewigkeit fortdauern.

Germanisten taten ihn als „Mainstream“ ab

Wohlgemerkt: Das sprach sein Publikum an, das dafür sorgte, dass seine Bücher allein in Deutschland in 25 Millionen Exemplaren zirkulierten. Aber die Experten machte es unwillig. Ein Volksschriftsteller passte nicht in ihr Weltbild. In der repräsentativen deutschen Literaturgeschichte zur Nachkriegszeit ordnet der renommierte Germanist Wilfried Barner Siegfried Lenz darum nicht ohne Herablassung unter literarischem „Mainstream“ ein. Nur wenige seiner Veröffentlichungen werden von Barner vorgestellt. Und dann wird er auch noch unsinnigerweise Westpreußen zugeschlagen. Bei Siegfried Lenz musste ein deutscher Ordinarius halt nicht so genau hinschauen.

Sogar Fritz J. Raddatz, der maßgebliche Literaturkritiker für das linksliberale Milieu der alten Bundesrepublik und ebenfalls der Gruppe 47 assoziiert, befand, Lenz sei „einerseits ungeheuer erfolgreich, andererseits von der Kritik ungeheuer gezaust“. In diesen Zusammenhang gehört auch die Tatsache, dass es bis heute, anders als bei Böll-Walser-Grass, keine umfangreiche Biografie gibt. Nur eine informative und schwungvoll geschriebene „biografische Annäherung“ von einem seiner Freunde (Erich Maletzke: „Siegfried Lenz“. Zu Klampen, 220 Seiten. 24 Euro).

Keine Frage: Bei den Meinungsmachern hat der Biedersinn eines Werkes, das unzählige Male um Themen wie Pflicht, Gehorsam, Vorbildhaftigkeit, Vater und Sohn oder wortlose Männerfreundschaft kreiste, dem Ansehen von Siegfried Lenz erheblich geschadet. Hinzukam seine onkelhafte, Pfeifchen schmauchende Selbstdarstellung als Mann des Ausgleichs, der für alles und alle Verständnis hat. Dabei übersahen die intellektuellen Kritiker allerdings etwas, das auch seine Fans ignorierten, die vor allem in seinem Wohnort Hamburg und weiter nördlich ihr Idol geradezu kindlich verehrten: Sie übersahen die Kunstfertigkeit seiner literarischen Arbeiten. Traute man sie ihm nicht zu? Ging sie unter in Konflikten und Stoffen, in denen sich so viele Menschen wiedererkannten?

Vielleicht kann man erst heute, da die von Siegfried Lenz geschilderten Welten endgültig untergegangen sind, ermessen, worin sein handwerkliches Können bestand. Vor allem seine Roman-Trias „Deutschstunde“, „Heimatmuseum“, „Exerzierplatz“ besteht aus architektonisch perfekt gearbeiteten Gebilden. Die stecken von Beginn an voller Verweise und Anspielungen auf die Lösung jenes Rätsels, das sie am Ende enthüllen. Alles bleibt Andeutung. Aber alles folgt auch planvoll angelegten Strukturen. Alles schält sich langsam und in großen Intervallen, die im Laufe der Handlung immer kleiner werden, heraus. Man muss mindestens 100 Seiten warten, bevor man merkt, wohin die Reise geht. Man muss auch höllisch aufpassen, dass man den Faden nicht verliert. Und wenn man fertig ist, sollte man noch einmal von vorne mit der Lektüre beginnen, um wirklich zu ermessen, wie toll das gemacht ist. Kein Wunder, dass der Autor oft fünf Jahre an einem Roman saß.

Nein, Siegfried Lenz gehört nicht zum literarischen „Mainstream“. Er ist vielmehr ein vertrackter, raffinierter Erzähler. Und seine besten Geschichten gewinnen noch an Originalität dadurch, dass sie oft von Ich-Erzählern mit beschränktem Horizont berichtet werden. Mal ist es ein geistig Behinderter wie Bruno in „Exerzierplatz“, mal ein zwanzigjähriger Straftäter, der sich in sein Leben als Zehnjähriger zurückversetzt wie in „Deutschstunde“, mal ein Nerd wie in „Heimatmuseum“. Das schafft reizvolle Brechungen der Perspektive. Erzeugt Ambivalenzbewusstsein.

Die Begleitmusik der zahlreichen Verfilmungen seiner Werke, der vielen Fernsehauftritte seines Autors, der oft zweifelhaften Lobgesänge seiner Freunde ist lange verklungen. Man kann sich Siegfried Lenz heute, an seinem 100. Geburtstag und 12 Jahre nach seinem Tod, viel unbefangener nähern als noch vor 30, 40 Jahren. Machen wir von dieser Unbefangenheit Gebrauch! Lesen wir seine Sachen wieder. Würdigen wir sie als sprachliche Kunstwerke, die von den Verstrickungen der Menschen in ihre Zeit handeln. Es lohnt sich.

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