Wir leben in schweren, kriegerischen, krisenhaften Zeiten, und die schöne Literatur schwelgt nicht in Eskapismus. Jedenfalls wenn man von jenen zu Hunderttausenden verkauften Schwarten mit den geprägten Covern und Farbschnitt einmal absieht, so weit das auf der Leipziger Buchmesse möglich ist. Die für den Belletristik-Preis der Messe nominierten Titel jedenfalls tragen schwer an der Last der Geschichte, spiegeln die Gegenwart voller Krieg, Flucht, Vertreibung und Demokratieverachtung in Rückblicken auf das 20. Jahrhundert.

Norbert Gstrein erzählt in seinem österreichischen Jahrhundertpanorama „Im ersten Licht“ vom Fortwirken der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs in den Köpfen selbst derjenigen, die gar nicht in ihm kämpfen mussten, und schlägt den Bogen katastrophischer Geschichte über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht bis in das Beschweigen der Verbrechen in der Nachkriegszeit. Anja Kampmann liefert in „Die Wut ist ein heller Stern“ eine exemplarische Alltagsgeschichte aus dem Hamburg der Nazi-Zeit und lässt ihre Figuren aus dem Arbeiter- und Varieté-Milieu Schritt für Schritt und Seite um Seite ins Mahlwerk eines totalitären Systems geraten. Helene Bukowski wiederum rekonstruiert in „Wer möchte nicht am Leben bleiben“ nach einem realen Vorbild die erstickende Atmosphäre der späten DDR und den unerbittlichen Leistungsdruck, die eine junge Pianistin in den Freitod treiben.

Das sind alles keine unterhaltsamen Lektüren, keine behaglichen Schmöker zur Feierabendzerstreuung. Und dennoch wären auch diese Bücher denkbare und verdiente Preisträger gewesen – symptomatisch vielleicht für die Gegenwart, in der kaum etwas niederschmetternder ist als der morgendliche Blick auf die Breaking News der Nacht. Auch Katerina Poladjans Sieger-Roman „Goldstrand“ beginnt damit, dass sich eine junge Frau von einem Schiff ins tödliche Wasser stürzt. Auch hier geht es um Flucht vor einem totalitären System. Dass dieser Roman den anderen vorgezogen wurde, liegt vielleicht an dem, was die Autorin bei ihrer Dankrede als „spielerischen Umgang mit der Welt“ verteidigte und gegen den übergriffigen Anspruch der Realität ins Feld führte.

Ausgezeichnet wurde ein Buch, in dem die Vergangenheit nur als märchenhafte Erzählung greifbar ist, als Fabulieren auf der Couch der Psychoanalytikerin, als Anprobieren von Geschichten, Träumen mit offenen Augen und mit der selbstverständlichen Akzeptanz des Unmöglichen. Was seine Hauptfigur, der Filmregisseur Eli, hundert Jahre nach dem mutmaßlichen Tod der jungen Frau 1922 von diesem Jahrhundert erzählt, ist fantastisch und doch wahr, im höheren Sinne der Literatur. Eli sei insofern keinesfalls ein „unzuverlässiger Erzähler“, so Poladjan in ihrer Rede, die nur ironisch als spontan daherkam, tatsächlich eine Poetik in nuce enthielt.

Poladjan, 1971 in Moskau geboren, deren Eltern einst der sowjetischen Willkür entflohen, brachte das literarische „Spiel mit der Vorstellungskraft“ gegen die „große Gereiztheit“ in Stellung, die Thomas Mann im „Zauberberg“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs diagnostizierte, die aber auch auf unsere Zeit anwendbar ist. Verblüffend und auch ein bisschen erschreckend, wie oft Parallelen aus der Geschichte zur Gegenwart gezogen wurden. Poladjans Bekenntnis zum Spiel der Fiktion war insofern doch ein halbwegs hoffnungsvoller Ausklang einer Preisverleihung, die durch alle Kategorien von politisch-existenziellem Schwergewicht und dem Ernst der gegenwärtigen Weltlage durchzogen war.

Würdige Sachbuch-Siegerin

Auch in der Kategorie Sachbuch/Belletristik dominierten die historischen Stoffe. Ausgezeichnet wurde die „Balkan-Odyssee“ von Marie-Janine Calic. Die Münchner Historikerin erschließt in ihrem Buch ein bislang unerschlossenes Terrain des deutschen Exils: „1933 bis 1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ lautet der Untertitel, der andeutet, dass dieses Buch erzählerisch und anschaulich entlang von Einzelschicksalen geschrieben ist. Kaum bekannt ist, dass und wie Zehntausende deutsche Juden zumindest zwischenzeitlich in Jugoslawien Zuflucht fanden. Eine Region, die uns heute eher von den ethnischen Vertreibungen und Zerfallskriegen der 1990er-Jahre bekannt ist, erhält so noch einmal eine ganz andere kulturhistorische Konnotation.

Ausgangspunkt für Calics Buch war die Beschäftigung mit der österreichischen Schauspielerin Tilla Durieux. Neben den Fluchtwegen von bekannten Figuren wie dem Schriftsteller Manès Sperber erzählt Calic auch viele Schicksale heute nicht mehr so namhafter Personen.

Zu Recht lobte die Jury Calics Rechercheleistung, denn die gehört wirklich gewürdigt: Während die Geschichten der Exilanten in der Schweiz, Frankreich und in den USA vergleichsweise bekannt und schon öfter dargestellt worden sind (durch Autoren wie Uwe Wittstock und Florian Illies) und sich ein Ort wie Sanary-sur-Mer längst ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat, dürfte ein ebenso malerischer Exilort wie Zaton Mali bei Dubrovnik den wenigsten ein Begriff sein. Eine hochverdiente Preisträgerin – und nach Jahren der Abstinenz endlich mal wieder ein Preis für C.H. Beck, den führenden deutschen Sachbuchverlag, der in Leipzig zuletzt 2018 gewann.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.