Während Wolfram Weimer linke Buchhandlungen vom Verfassungsschutz prüfen lässt und sich gerade erst mit der Berlinale-Direktorin um Palästina-Proteste stritt, ist in Düsseldorf ein Showdown um die renommierte Kunstakademie im Gange. Um die 750 Unterzeichner haben in einem offenen Brief den Rücktritt von Akademie-Rektorin Donatella Fioretti gefordert, auch die Jüdische Gemeinde Düsseldorf – und der Oberbürgermeister der Stadt, Stephan Keller (CDU).
Gleichzeitig rufen mehr als tausend Künstler und Wissenschaftler in einem zweiten Brief zur „Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit, Kunstfreiheit und Hochschulautonomie in Deutschland“ auf.
Hintergrund ist eine Veranstaltung im Januar 2026. Studierende hatten die palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif zu einem Werkvortrag eingeladen. Im Vorfeld wurde der Künstlerin unter Verweis auf Beiträge in sozialen Medien Antisemitismus vorgeworfen und die Absage der Veranstaltung gefordert. Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH) e. V., die WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen e. V. und das Jüdische Forum der CDU NRW schrieben Mitte Januar an die 64-jährige Rektorin. Ihnen vorliegenden Beiträge belegten, so heißt es, ein Auftreten „im Bereich der Terrorverharmlosung und des israelbezogenen Antisemitismus“ sowie „Legitimierung von Gewalt als vermeintliche Selbstverteidigung“. Zudem sei die konsequente Verwendung von Begriffen wie „zionistische Entität“ statt „Israel“ geeignet, „das Existenzrecht Israels zu delegitimieren“. Auch Äußerungen nach dem 7. Oktober 2023 werden kritisiert, in denen „ohne erkennbare Empathie“ Narrative einer Täter-Opfer-Umkehr bedient würden.
„Ein fatales Signal der Normalisierung“
Das ist hässlich, es ist ein dummer und gefährlicher Trend, dem nicht wenige im Kunstbetrieb gerne folgen, so wie dem zu clownesken Balenciaga-Schuhen. Dabei gilt es festzuhalten, dass es um zwei verschiedene Dinge geht: um Filme einerseits, also Kunstwerke, die in einem Werkstattgespräch gezeigt und diskutiert wurden, und um die Äußerungen der Filmemacherin auf Social Media andererseits. Letztlich geht es um die Frage, wie weit man beides zu trennen bereit ist.
Wäre in einem der Filme klar antisemitische Propaganda gemacht worden, hätte sich die Diskussion erledigt. Das scheint aber, soweit man den Beschreibungen folgen kann, nicht der Fall zu sein. Sicher kann man das aber auch nicht sagen. Denn wegen Protesten gegen die Veranstaltung war die Öffentlichkeit am Tag der Veranstaltung nicht zugelassen. Was dort passierte, schildert die Akademie in einer Stellungnahme. An das Künstlerinnengespräch schloss sich demnach eine offene Fragerunde mit den Studierenden an. „Die Beiträge, Fragen und Antworten waren allesamt sachlich und bewegten sich konsequent im künstlerischen und werkbezogenen Kontext.“
Die Kunstakademie DüsseldorfSoll man eine solche Auseinandersetzung von Studenten an einer Uni einfach verbieten, wenn nichts Strafbares zu erwarten ist? Nein. Die Akademie ist aber auch nicht völlig autonom. Keine öffentliche Einrichtung kann ihre Türen zuschließen und dahinter tun, was sie möchte. Die Akademie bildet junge Menschen aus und bekommt dafür Geld vom Staat. Sie ist frei – innerhalb ihres Auftrags. Die Professoren der Kunstakademie Düsseldorf schreiben dazu: „Als Künstler:innen und Lehrende (…) sehen wir es als unsere Aufgabe an, den diskursiven Raum aufrechtzuerhalten“, um Studierende in ihrer künstlerischen Praxis zu begleiten.
Das ist ein legitimer Wunsch, und er ist zentral für eine Kunst-Uni. Aber die Kritiker des Vortrags machen in ihrem Schreiben einen ganz wichtigen Punkt: „Die Einladung sendet ein fatales Signal der Normalisierung.“ Das stimmt. Wenn man nämlich so tut, als rechtfertige künstlerische Praxis jedwede öffentliche Entgleisung – und das nicht in Bezug auf Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder Homophobie, sondern nur in Bezug auf sogenannte Israelkritik –, dann setzt man doppelte Standards.
Und das bleibt nicht unwidersprochen. Donatella Fioretti musste am Mittwoch in einer Sondersitzung des Kulturausschusses Rede und Antwort stehen. Für den in NRW omnipräsenten WDR blieb „vor allem ein Eindruck hängen: Fioretti distanzierte sich erst auf Nachfrage von den Positionen al-Sharifs“.
Das ist fatal. Dabei wäre genau das entscheidend gewesen, auch für die übrigen Akademie-Mitglieder. Denn: Man kann Künstler einladen, deren persönliche oder politische Haltung man ablehnt. Indem man aber auf eine eigene Haltung verzichtet und sich ein Mäntelchen aus Floskeln überzieht, wirkt es nach außen, als habe al-Sharif alles richtig gemacht – und die übergriffige Politik mal wieder den armen Künstlern hineingeredet. Deshalb ist die Affäre nun größer als sie zunächst schien.
Wer schadet hier wem?
Ist die Akademie dabei, sich für eine Person in die Bresche zu werfen, die das nicht verdient hat – und dabei ihren eigenen Ruf zu beschädigen? Bemerkenswert an den Statements der Akademie ist ja, dass sie in keiner Weise konkret auf die öffentlich erhobenen Vorwürfe eingehen. Der übliche Disclaimer („Für Antisemitismus gibt es an der Kunstakademie Düsseldorf keinen Platz“) erledigt die Diskussion mit einem müden, summarischen Wischen, als wolle man ein lästiges Insekt vertreiben. Das lässt den Schluss zu, dass die Kritiker und Parlamentarier sich diese Postings al-Sharifs entweder eingebildet haben oder sie nicht weiter ins Gewicht fallen. Die Petition dokumentiert sie aber. Basma al-Sharif hätte aufgefordert werden müssen, sich zu diesen Postings zu äußern, und die Akademie hätte zu ihren Antworten eine Haltung entwickeln müssen.
Ina Brandes, Kulturministerin von NRW, warf der Akademie-Rektorin vor, sie werde ihrer Verantwortung als Führungskraft der Hochschule nicht gerecht. Auch die Antisemitismusbeauftragte des Landes, Sylvia Löhrmann, ein Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie Redner aller Fraktionen im Landtag übten in der Sondersitzung des Kulturausschusses am 18. März scharfe Kritik an Fioretti. Die sieht sich im Recht. Es sei besorgniserregend, wenn Amtsträger versuchten, „aus politischen Gründen Druck auf kulturelle und wissenschaftliche Institutionen und ihre Leitungen auszuüben“. Am Ende geht es um die Frage, ob die Kunstakademie Düsseldorf auf Konfrontationskurs mit dem gesamten Bundesland Nordrhein-Westfalen zu gehen bereit ist – und wem das nützen soll.
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