Als Zuschauer fühlt man sich wie in der falschen Vorstellung, wenn jetzt schon die Schauspieler anfangen, gegen ihre eigene Darbietung zu schießen: „Kein Wort verstehe ich von diesem Scheißstück“, motzt Stefanie Reinsperger. Ist das nicht eigentlich der Text des Publikums? Doch damit nicht genug: „Ich hasse meine Rolle, Stefan!“, schreit Reinsperger. Gemeint ist der Direktor des Burgtheaters und Regisseur des Abends Stefan Bachmann. „Und dafür bin ich aus Berlin weg.“ Ein Ausbruch, der zu großer Heiterkeit im Saal führt. Und beim Kritiker zu Verwirrung: Was macht man, wenn der Regisseur die vernichtende Kritik seiner Arbeit als Lachnummer gleich mit inszeniert? Ist es lächerlich, die jetzt geöffneten Türen einzurennen und sich ernsthaft zu beschweren?

Zum Beschweren fällt einem, als man nach diesem über drei Stunden dauernden Premierenabend aus dem Burgtheater auf die Wiener Ringstraße tritt, trotzdem einiges ein. Es sind drei Stunden, die sich so zäh ziehen wie in dem berühmten, dem Theaterkritiker Alfred Kerr zugeschriebenen Zitat: „Als ich um zehn Uhr auf die Uhr schaute, war es erst halb neun.“ Drei Stunden, in denen von Adam und Eva bis zum Atomkrieg alles auf die geschichtsphilosophisch plumpe Pointe zusammengeschnurrt wird, dass es zwar in der Menschheitsgeschichte manchmal arg schlecht läuft, es am Ende aber doch „noch immer jot jejange hätt“. Will Bachmann, zuvor Intendant in Köln, die rheinländische Karnevalsstimmung ins altehrwürdige Burgtheater nach Wien bringen?

Drei Stunden zäh wie Kaugummi: Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ am Burgtheater

Immerhin hat man drei Stunden Zeit, sich der quälenden Frage zu widmen, was wohl Bachmann und seine Dramaturgie bewogen haben mag, ausgerechnet Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ aus der Schublade zu holen und auf die große Bühne zu wuchten. Warum dieses Ideendrama ohne Ideen und ohne Drama, das ein Kleinfamilienklischee auf Zeitreise – Eiszeit, Sintflut, Atomkrieg – zeigt? Die Menschheit kommt aus jeder schicksalshaften Katastrophe trotz allem klüger heraus, sagt dieses 1942 uraufgeführte Durch-Nacht-zum-Licht-Mutmachstück. Diese tröstliche Botschaft gab es bereits 1945, als klar wurde, was in den deutschen Vernichtungslagern geschehen war: historisch fragwürdig. Obwohl Wilders Groteske zum Theaterhit der westdeutschen Verdrängung-durch-Wiederaufbau-Epoche avancierte, war Samuel Beckett moderner. Dessen Werk zeugte von metaphysischer Verzweiflung, nicht zuletzt im Weitermachen.

Lichtjahre von Beckett entfernt

Anders gesagt: Nach Beckett muss man, zudem als Burgtheater und nicht irgendeine Provinzbühne, wo Beckett noch immer als zu abwegig gilt, wirklich gute Gründe haben, Wilder auf die Bühne zu bringen. Der Abend liefert nur keine. Die Sprache? Ist in ihrer mit Pathos verklebten Bedeutungshuberei Lichtjahre von Beckett entfernt. Doch kann die Inszenierungsidee ausbügeln, was der Stücktext vermissen lässt? Da können leider die Kostüme von Adriana Braga Peretzki und der Bühnenkasten von Olaf Altmann noch so hübsch glänzen, süße Kinderkomparsen als Plüschdinos und -mammuts über die Bühne hüpfen oder die ganze Farbpalette der Lichtanlage erstrahlen, man fragt sich doch unaufhörlich: Wofür das Ganze? Das Gleiche beim Ensemble mit Nicolas Ofczarek, Caroline Peters und Reinsperger vorneweg. So tolle Schauspieler, so große Namen. Und so wenig Ertrag. Kein Satz, ja kein einziges Wort schafft es an diesem hölzern in Szene gesetzten Abend, Verstand und Gefühle auf anregende Weise in Bewegung zu versetzen.

Man hat den Eindruck, dass Bachmann das Stück auch nutzt, um ein paar der neuesten, eigentlich schon abgestandenen Regiemoden ans Publikum zu bringen. Da darf man sich freuen, wenn die Schauspieler nach allen Regeln der Kunst aus ihrer Rolle ins Scheinprivate fallen, ob als Empörungskiste („Ist das deppert, so ein Scheißtext!“) oder Betroffenheitsmasche („Das triggert mich.“). Auch fliegen ein paar Sessel aus dem Saal als Requisiten auf die Bühne, um sie gegen die tödliche Eiszeit zu „verfeuern“. Und eine Flaschenpost mit Valerie Solanas’ „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ wandert als radikalfeministische Geheimbotschaft von Hand zu Hand durch die Zuschauerreihen. Nur folgt daraus nichts, alles wirkt ornamental. „Weh mir, was muss ich noch dulden!“, heißt es vorne auf der Bühne. Und immerhin das fühlt man.

Glanzloser kann man das eigene Jubiläum kaum zelebrieren

Und ja, wenn der Burgtheater-Direktor in der großen Jubiläumsspielzeit – 250 Jahre! – auf der großen Bühne inszeniert, dann darf man sich mehr erwarten als nur ein weiteres flapsiges Vorabeingeständnis aus dem Mund von Reinsperger: „Bei der nächsten 250-Jahr-Feier erinnert sich niemand an diese Inszenierung.“ Dann vielleicht schon eher die neu geprägten Euro-Münzen. Oder die Sonderbriefmarke, die vor der Premiere im Foyer erstmalig präsentiert wird. Und wie feiert die Burg das Jubiläum? An das Gastspiel der Pariser Comédie-Française (magere zwei Abende!) im September erinnert sich jetzt schon niemand mehr. Sonst gibt es noch ein Konzert mit Rufus Wainwright – und einen Kostümflohmarkt und ein Familienfest. Glanzloser kann man das eigene Jubiläum kaum zelebrieren. Die Botschaft? 250 Jahre, langsam reicht’s? Uns fällt auch nichts mehr ein?

Oft bieten Jubiläen die willkommene Gelegenheit für etwas Besonderes – auch bei der Spielplangestaltung. Zudem der Anspruch des Burgtheaters doch ist, in den gesamten deutschsprachigen Theaterraum zu strahlen. Wo sind die ambitionierten Projekte, die den Kanon auf die Probe stellen oder unbekanntes Theaterland betreten? Karin Beier hat so etwas in Hamburg mit „Anthropolis“ geschaffen. Und am Burgtheater? Da hat man zwar zum Spielzeitauftakt „Die letzten Tage der Menschheit“ auf die Bühne gebracht, aber als verzagte Schmalspurfassung, nicht als ausuferndes Monumentalprojekt. Und die österreichische Presse jubelte noch, dass mit „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Nestroy an die Burg kam, doch kaum hatte man Bastian Krafts verkrampft nach Lachern heischenden Musical-Unfall in Cartoon-Optik gesehen, hatte es sich schon ausgejubelt.

Wo, wenn nicht am Burgtheater?

Am Burgtheater könnte all das stattfinden, was in keinem Stadttheater sonst möglich wäre. Warum nicht Stoffe auf die Bühne bringen, die alle Maße sprengen? Etwas wie Hermann Brochs „Die Entsühnung“ oder „Die Schlafwandler“? Oder alle Shakespeare-Politdramen in einer Spielzeit? Wo, wenn nicht am Burgtheater? Doch von solchen Träumen keine Spur. So muss sich das Burgtheater im 250. Jahr seines Bestehens fragen lassen, was es sein will. Ein Ort, wo Theatergeschichte geschrieben werden kann? Oder nur ein Stadttheater mit üppigem Budget und riesigem Ensemble? Klar, am Ende wäre auch der Niedergang des Burgtheaters nicht der Untergang der Welt. Man wird auch den überleben, so wie vieles anderes, zumal die gegenwärtigen geopolitischen Konflikte da schon ganz andere Chancen bieten. Aber beschweren will man sich ja trotzdem noch.

„Wir sind noch einmal davongekommen“ läuft am Burgtheater Wien.

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