Handzeichnung verbindet den Betrachter wie kein anderes Medium auf direktem Weg mit dem Künstler, seinen – noch ungefilterten – Intentionen. Da prüft er einen Einfall, verbildlicht ihn, mal skizzenhaft, mal fein ausgeführt. Die prima idea wird zu Papier gebracht, nimmt Gestalt an. Als Ergebnis der Koordination zweier Instanzen: Auge und Hand.
Diese Unmittelbarkeit hat einen besonderen Reiz. Sie bleibt mitunter aber auch ein ausgesprochen sprödes Sujet, das sich nur dem Kundigen erschließen kann. Zukünftige Sammler von Handzeichnungen werden sich prägenden Anstrengungen unterziehen müssen. Anders geht es fast nicht. Wer zu einem kundigen Zeichnungssammler werden möchte, muss sich mythologisch und religionsgeschichtlich bilden, muss Politik und Kostümkunde, die Heiligenlegenden, die Bibel und die historischen Zusammenhänge, die Regentschaften und Kriege ebenso kennen wie die Zentren der Hochkultur, in denen die Künstler von kunstsinnigen Kirchen- und Landesfürsten zusammengeführt wurden. Ein Handzeichnungskenner wird – und das ist das Schönste und Schwierigste zugleich – im fortwährenden Vergleich die Kriterien der Qualität gleichsam verinnerlichen.
Dass die Kostbarkeiten nicht als Zimmerschmuck dienen können, sollte dem Sammler von Handzeichnungen allerdings von Beginn an klar sein; sie liegen in Mappen in eigens dafür eingerichteten Sammlerschränken. Nur hin und wieder wird man das ein oder andere Blatt an eine dem natürlichen oder künstlichen Licht abgewandten Wand aufhängen, und dies auch nicht länger als zwei bis drei Monate. Es ist eine Sparte, der sich überwiegend Individualisten mit ausgeprägtem Hang zur kontemplativen Muße, einer gehörigen Portion Wissensdurst und Forscherdrang sowie einem Quantum Geduld widmen sollten.
Von größter Bedeutung (und Problematik) einer Zeichnung sind gesicherte Zuschreibung mit ordentlichem und möglichst lückenlosem Provenienznachweis. Zeichnungen sind nur in wenigen Ausnahmefällen signiert oder nachweislich im Atelier des Künstlers oder aus seinem Nachlass erworben. Hier wird im Stilvergleich und vor allem in der handwerklichen Technik argumentiert.
Wenn ein ausgewiesener Experte für Altmeisterzeichnungen von dem Silberstiftporträt der Susanna Pfeffinger spricht, gerät er ins Schwärmen. Dabei ist Patrick de Bayser, der zusammen mit seinen drei Brüdern die international angesehene Kunsthandlung De Bayser in der Pariser Rue Saint-Anne leitet, schon von Berufs wegen nicht so leicht zu beeindrucken. Aber die im Privatbesitz erhaltenen Zeichnungen von Hans Baldung ließen sich, so de Bayser, an einer Hand abzählen. Und dieses Baldung-Blatt aus dem Jahr 1517 sei neben jenen, die sich in den Museen von Karlsruhe und Berlin befinden, das einzige Silberstiftporträt in Privatbesitz.
Verhandlungen über einen direkten Erwerb
Die Zeichnung wurde vor wenigen Wochen nach 500 Jahren von einer elsässischen Familie beim Versteigerer Beaussant Lefèvre & Associés im Pariser Auktionshaus Drouot eingeliefert (Schätzpreis 1,5 bis 3 Millionen Euro). Die Familie wusste zu keiner Zeit, welchen Schatz sie in einer wenig beachteten Holzkiste über Generationen hütete.
Das Blatt sollte am 23. März 2026 versteigert werden, quasi zum Auftakt für die weltweit bedeutendste Messe für Zeichnungen, dem Pariser Salon du Dessin im Palais Brongniart. Doch nun hat – sehr kurzfristig – das französische Kulturministerium die Zeichnung als nationales Kulturgut eingestuft und die Auktion verhindert. Man will von seinem Recht Gebrauch machen, mit den Eigentümern des Porträts über einen direkten Erwerb zu verhandeln.
Hans Baldung Grien, „Porträt der Susanna Pfeffinger“, 1517Die dargestellte Susanne Pfeffinger war Tochter eines einflussreichen Straßburger Tuchhändlers, verheiratet mit Friedrich Prechter, einem erfolgreichen Kaufmann mit vielseitigen Handelsverbindungen, der sich auch als Bankier und Kreditgeber bis an den englischen Hof einen Namen machte. Virtuosität und Präzision des Porträts dieser Bürgerin und seine plastische Anmutung legen nahe, dass es sich bei der vollendet ausgeführten Zeichnung nicht um eine Vorstudie zu einem Gemälde handelt. Vielmehr wollte Baldung wohl einen Auftraggeber aus dem Kreis der Familie dazu bewegen, ein gemaltes Bildnis zu bestellen. Wir wissen nicht, ob ihm das gelungen ist.
Hans Baldung, um 1484/85 in Schwäbisch Gmünd in eine angesehene humanistische Gelehrtenfamilie geboren, verbrachte etliche Jahre in Albrecht Dürers Nürnberger Werkstatt. Zeitlebens genoss er, trotz unterschiedlicher Ansätze, für seine Gemälde und Glasmalereien den ungeteilten Respekt Dürers. Seine eigenständige, vielfach exzentrische Handschrift brachte ihm – vereint mit seiner ungeheuren Schaffenskraft und Bandbreite – den verdienten Ruhm.
Sein Hauptwerk von unvergleichlicher kompositorischer Wucht und strahlender Erzählkraft ist der Hochaltar des Freiburger Marienmünsters. In Straßburg, wo Baldung sich mit seiner Familie niedergelassen hatte, führte er eine erfolgreiche Werkstatt, wurde dort unter großer öffentlicher Anteilnahme beerdigt – und, wie vor ihm schon Matthias Grünewald, bald vergessen. Erst im 19. Jahrhundert besann man sich wieder auf Hans Baldung genannt Grien und seine einzigartige Meisterschaft.
Die Auktion am 23. März 2026 bei Drouot findet nun ohne die Baldung-Zeichnung statt. Der Pariser Salon du Dessin empfängt Sammler und Kenner vom 25. bis zum 30. März 2026.
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