Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im April lohnen sich – auch für kritische Lektüren:
1. Jörg Baberowski:
Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie. C. H. Beck, 208 Seiten, 25 Euro*
Der Historiker Jörg Baberowski fragt, warum die Unzufriedenheit mit den Regierenden in allen westlichen Staaten so zugenommen hat. Und er sieht diejenigen, die „unsere Demokratie“ schützen wollen, als Teil des Problems. Für diese These wurde er jetzt von Christian Staas bei „Zeit Online“ kritisiert: Baberowski tue nicht weniger, als der „liberalen Demokratie den Kampf anzusagen“. Ein ziemlich verzerrtes Urteil für eine historische Ideengeschichte des Populismus. Lesen Sie hier unsere ausführliche Buchbesprechung und hier unser Interview mit Jörg Baberowski.
2. Eva von Redecker:
Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, 269 Seiten, 24 Euro*
Der Faschismus-Begriff, den die Philosophin hier aufbietet, ist wenig brauchbar. Zumal, wenn in weiten Teilen Kapitalismus gemeint ist. Ein streitbares Buch hat die Publizistin dennoch geschrieben, als Adorno-Exegetin.
3. George Orwell:
Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Übersetzt von Lutz-W. Wolff. Reclam, 267 Seiten, 25 Euro*
Von 1943 bis 1948 schrieb George Orwell („1984“) für Zeitschriften wie „Tribune“ und „Polemic“. In seinen Kolumnen analysierte er den Kriegsverlauf und die sich abzeichnende Nachkriegsordnung. Lesenswert bis heute. Lesen Sie hier einen Buchauszug.
4. Susanne Heim:
Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933 – 1945. C. H. Beck, 384 Seiten, 34 Euro*
Einzelne Fluchtschicksale gab es unzählige zu lesen. Susanne Heim vollbringt etwas Überfälliges: Sie systematisiert und analysiert den Massenexodus, den die Judenverfolgung der Nationalsozialisten in ganz Europa ausgelöst hat – und erzählt vom kollektiven Versagen, den Flüchtlingen Unterschlupf zu bieten.
5. Matthias Brandt:
Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und die persönliche Verantwortung heute. Kiepenheuer & Witsch, 120 Seiten, 16 Euro*
Der beliebte Schauspieler erinnert daran, dass die Widerstandskämpfer des 20. Juli aus verschiedenen politischen Lagern kamen. Um das gegenwärtige Deutschland macht sich der Sohn von Willy Brandt Sorgen.
6. Hans Ulrich Gumbrecht:
Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz. Suhrkamp, 493 Seiten, 30 Euro*
Hans Ulrich Gumbrecht half, die deutschen Geisteswissenschaften zu revolutionieren. In seiner Autobiografie blickt der Professor aus Stanford zurück. Lesen Sie hier unser Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht.
7. Volker Ullrich:
Helmuth James von Moltke, oder: wie man den Mut zum Widerstand findet. C. H. Beck, 428 Seiten, 32 Euro*
Moltke war der Kopf des Kreisauer Kreises und wurde 1945 vom NS-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Volker Ullrich bürgt auch in seinem neuen Buch für biografische Empathie und Analyse.
8. Daniel Cohn-Bendit:
(mit Marion van Rentergheim): Erinnerungen eines Vaterlandslosen. Übersetzt von Petra Willim. Jacoby & Stuart, 216 Seiten, 26 Euro*
Alt-68er, Ex-Sponti, Realo im Ruhestand. Daniel Cohn-Bendits Leben birgt viele Rollen und Facetten. In diesem Buch zieht der deutsch-französische Publizist Bilanz.
9. Bernhard Schlink:
Gerechtigkeit. Diogenes, 199 Seiten, 25 Euro*
Für einmal kein neuer Roman des Schriftstellers, sondern eine juristische Abhandlung des Juristen zu Fragen, die uns alle angehen. Lesen Sie hier unser Interview mit Bernhard Schlink.
10. Armin Nassehi:
Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverständnis. C. H. Beck, 237 Seiten, 22 Euro*
Was charakterisiert antisemitische Denkmuster, egal ob rechtsradikal, bürgerlich, links, postkolonialistisch oder islamistisch? Der Soziologe Nassehi liefert Erklärungen.
Die Extra-Empfehlung:
Neben den zehn Tipps der Jury gibt es jeden Monat eine externe Empfehlung. Diesmal von Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger (Rektorin Wissenschaftskolleg zu Berlin / Institute for Advanced Study). Sie empfiehlt:
Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert. C.H. Beck, 287 Seiten, 28 Euro*
„Bis zum Jahr 2014 war die Ukraine für die allermeisten Deutschen ein blinder Fleck. Welche tieferliegenden historischen Ursachen das hat und wie eng die Geschichten beider Länder verknüpft waren, zeigt das aktuelle Buch des Münchner Osteuropa-Experten. Er schlägt einen großen Bogen von der deutschen Unterstützung der ukrainischen Nationalbewegung im Ersten Weltkrieg über deren Kollaboration mit dem NS-Regime und die Folgen des deutschen Vernichtungskrieges bis hin zu der ambivalenten Politik von Angela Merkel und Olaf Scholz, in der diese spannungsvolle Geschichte bis vor Kurzem nachwirkte. Seine These lautet, dass wir uns allzu lange den russischen imperialen Blick auf die Ukraine zu eigen gemacht haben.“ (Barbara Stollberg-Rilinger)
Die Jury der Sachbücher des Monats
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Unversität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, Feuilleton-Frankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. Redaktion der Voten: Andreas Wang
* Dieser Text enthält Affiliate-Links. Sollten Sie über die mit einem Stern gekennzeichneten Links einen Kauf abschließen, erhält WELT eine geringe Provision. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.