Karlsruhe grübelt. Während in der gediegenen Beamtenstadt sonst Verfassungsrichter über die Auslegung von Gesetzen nachdenken und juristische Rochaden vollführen, wird die Schwarzwaldhalle in der Innenstadt jedes Jahr über Ostern zum Zentrum des internationalen Schachsports. Das „grenke Freestyle Chess Open“ findet seit 2016 alljährlich statt und wächst seitdem kontinuierlich.

Ostersamstag zur Mittagszeit in Karlsruhe: Die vierte von insgesamt neun Runden ist gerade in vollem Gange. In der Schwarzwaldhalle herrscht konzentrierte Stille, nur hier mal ein Hüsteln, dort ein Stühlerücken. Rund 150 Zuschauer haben sich vorne um die Hauptbühne versammelt, wo sich die internationale Elite duelliert. Hinter den Zuschauern brüten zeitgleich in insgesamt 14 Tischreihen tausende Spieler über den Brettern, dicht an dicht wie in der U-Bahn gedrängt. Insgesamt 3.658 Spieler treten in sechs Wettbewerben an, darunter in der Königsdisziplin, dem „A Open Freestyle“ für Spieler mit einer ELO-Wertung über 1950 Punkten.

Doch Moment, „Freestyle-Schach“, was ist das überhaupt? Dabei handelt es sich gewissermaßen um eine Anarcho-Variante des herkömmlichen Schachspiels. Auch „Schach960“ oder – nach dem Erfinder Bobby Fischer – „Fischerschach“ genannt, erfreut sich Freestyle-Schach gerade unter Profis wachsender Beliebtheit. Statt stures Auswendiglernen von Eröffnungszügen ist beim Freestyle-Schach Kreativität gefragt. Die Aufstellung der Grundreihe erfolgt hier gerade nicht nach dem konventionellen Muster, sondern wird zu Beginn jeder Partie ausgelost, möglich sind 960 verschiedene Kombinationen.

Weltmeister Magnus Carlsen bezeichnete das Anarcho-Schach kürzlich als „emotionale Achterbahnfahrt“ und so ist es nur folgerichtig, dass auch er angereist ist. Der fünffache Weltmeister, Führender der Weltrangliste und nach wie vor mediales Zugpferd der Schachwelt machte mit seinem letztjährigen Turniersieg Karlsruhe für einige Tage zu „Carlsenruhe“. Und so begrüßte am Donnerstagnachmittag der Unternehmer Wolfgang Grenke, dessen in Baden-Baden ansässige Stiftung den deutschen Schachsport seit Jahren fördert und das Karlsruher Turnier sponsert, Titelverteidiger Carlsen persönlich am Brett.

Nur drei Plätze weiter sitzt an diesem Samstag im schwarzen Rollkragenpulli Vincent Keymer über dem Brett. Der 21-jährige gebürtige Mainzer, aufgewachsen wenige Kilometer weiter südlich im rheinhessischen Saulheim, gilt als das größte deutsche Schachtalent seit Emanuel Lasker in den 1920er Jahren. Im Februar 2020 bekam Keymer vom internationalen Schachverband FIDE den Rang des „Großmeisters“ verliehen, was den damals erst 14-jährigen zum jüngsten deutschen Großmeister aller Zeiten machte. Aktuell ist Keymer, der aus einer Musikerfamilie stammt und nebenbei Piano spielt, Weltranglistenfünfter.

Das deutsche Schach-Wunderkind Vincent Keymer

Und dann ist da noch dieser junge exzentrische Amerikaner auf der Bühne. Trotz seiner erst 22 Jahre gilt Hans Moke Niemann bereits jetzt als sowas wie der „Bösewicht“ der Schachwelt, von manchen geliebt, von vielen verhasst. Zu Letzteren dürfte auch Magnus Carlsen zählen, der im Jahr 2023 von Niemann auf 100 Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagt wurde. Die Geschichte dahinter ist dermaßen skurril, dass nun sogar Netflix die Intimfeindschaft zwischen Niemann und Carlsen aufgegriffen hat. Die dieser Tage startende Doku „Untold: Chess Mates“ erzählt die Geschichte angeblicher Betrugsvorwürfe gegenüber Niemann.

Der Verdacht gegen den 2003 in San Francisco geborenen Amerikaner mit dänisch-hawaiianischen Wurzeln entzündete sich beim Sinquefield Cup 2022 in St. Louis. Damals besiegte der 19-Jährige Niemann mit den schwarzen Steinen überraschend den in weiß spielenden amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen. Die Partie wirkte auf viele Großmeister ungewöhnlich präzise, fast kühl durchgerechnet. Als hätte ein Computer gespielt.

Carlsen reagierte beispiellos: Einen Tag nach der Partie zog er sich aus dem laufenden Turnier zurück und legte wenige Tage später mit einem rätselhaften Zitat auf X nach: „If I speak, I am in big trouble.“, schrieb Carlsen, ein Satz, der ursprünglich von Fußballtrainer José Mourinho stammt. Das war zwar keine offene Anschuldigung gegenüber Niemann, aber eine Aussage, die kaum missverstanden werden konnte. Und als Carlsen kurz darauf später abermals in einem Turnier auf Niemann traf, tätigte Carlsen symbolisch seinen Eröffnungszug, um daraufhin das Brett zu verlassen und die Partie herzuschenken.

Die vagen Vorwürfe wurden innerhalb weniger Tage zu einer bizarren Story, die sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer verbreitete: Niemann habe während seiner Partien über vibrierende Analperlen, die er sich rektal eingeführt habe, Zuginformationen empfangen. Sein Trainer, so die Spekulation, habe parallel zu den Partien eine Schach-Engine laufen lassen und die besten Züge per Funksignal an Niemanns Rektum übermittelt.

Niemann, das exzentrische Internet-Kiddie, das die gesamte Schachwelt mit Sexspielzeug hinter(n)rücks betrogen hat? Mit zusätzlicher Reichweite befeuert wurde der Verdacht von Elon Musk, der die Posse auf X, das damals noch Twitter hieß, mit einem Schopenhauer-Zitat kommentierte. „Das Talent trifft ein Ziel, das niemand sonst treffen kann; das Genie trifft ein Ziel, das niemand sonst sehen kann“, schrieb Musk damals und fügte schelmisch hinzu: „(weil es in deinem Hintern steckt)“.

Die Folgen für Niemann waren drastisch, aus dem ohnehin umstrittenen Spieler wurde eine globale Witzfigur. Die Debatte verschob sich von einer ernsthaften Frage nach Integrität im Spitzenschach hin zu einer öffentlichen Demontage seiner Person, wobei Niemann daran nicht ganz unschuldig war. Denn bereits der Trailer der neuen Doku gibt einen Einblick, wie sich der aus den Welten des Online-Schachs stammende Niemann damals aufführte. Präpotent, bisweilen rücksichtslos, spottete Niemann über seine Online-Gegner mit Kommentaren wie „You just got owned!“ (frei übersetzt etwa: „Du wurdest gerade plattgemacht!“) trollte. Kurzum, Niemann erinnerte zu Beginn seiner Karriere habituell eher an ein übersteuertes Call of Duty- oder Counterstrike-Kiddie, das sich irgendwie in die auf Courtoisie bedachte Welt des Schachs verirrt zu haben schien.

Die anschließende 100 Millionen Dollar-Klage gegen Carlsen zog Niemann zwar weitestgehend zurück, weil sich die Parteien außergerichtlich und vertraulich einigten; das persönliche Verhältnis zwischen Carlsen und Niemann gilt dennoch bis heute als zerrütet, eine Aussöhnung hat es nie gegeben. Wie sehr der Konflikt immer noch schwelt, wurde während des Turniers in Karlsruhe deutlich, wo sich die beiden Kontrahenten auf der Bühne – nur wenige Meter voneinander entfernt – demonstrativ nicht ansahen und jegliche Interaktion miteinander vermieden.

Carlsen gab gar in einem Interview am Rande des Turniers zu Protokoll, sich die Netflix-Doku nicht ansehen zu wollen, Niemann hingegen setzte anlässlich der Veröffentlichung am Montagabend einen Post auf X ab, in dem es heißt: „Die Schachwelt wird nach Morgen nie mehr dieselbe sein. Nichts kann für immer UNERZÄHLT bleiben. Gerechtigkeit und Wahrheit siegen immer über Dunkelheit und das Böse!“ Eine im weitesten Sinne „Sex & Crime“-Story, vollbepackt mit Emotionen – auch das ist der Schachsport im Jahr 2026.

Doch zurück auf die Karlsruher Bretter, die die Welt bedeuten. Die Partien der vierten Runde sind in vollem Gange. Unter den Zuschauern häuft sich das Geflüster, es wird über Züge debattiert, mit der Hand in der Luft gestikuliert, Brummen, Zustimmung. Zwischen den Tischen flitzen indisch aussehende Buben umher, unter ihren Armen Schachbretter mit Unterschriften der Stars geklemmt. Derweil stromert oben auf der Bühne Magnus Carlsen auf und ab, im weißen Hemd, Wuschelfrisur, gähnend, den Blick nach innen gewandt.

Dieses Auf und Ab Gehen ist beim Freestyle-Schach üblich, den Spielern ist es gestattet, während der Partien aufzustehen und an anderen Brettern stehenzubleiben. Und so trottet Carlsen, der im Vorfeld zugegeben hatte, dass er die Eröffnungen von Vincent Keymer gerne beobachte, weil dieser sehr gute Ideen habe, öfter zu dem jungen Deutschen ans Brett. Dort sieht es an diesem Tag einmal mehr solide aus, Keymer mit Schwarz kontrolliert seine Partie gegen den Russen Wolodar Mursin, der nach 31 Zügen aufgeben und Keymer den vierten Sieg im vierten Spiel bescheren wird.

Auch für Hans Niemann am Tisch neben Carlsen läuft es rund. Er hat „Board Control“, kontrolliert also das Brettzentrum und hat zudem noch 34 Minuten auf der Uhr, während sein Gegner, der Inder Leon Luke Medonca, nur noch 14 Minuten zur Verfügung hat. Dieser sitzt starr vom Bord, den Blick nach unten gerichtet und grübelt an der Partie herum, die einem Herumgeplänkel gleicht. Denn während sich bei den anderen Matches die Reihen schon merklich gelichtet haben, stehen bei Niemann und Mendonca noch nahezu sämtliche Figuren auf dem Brett. Niemann selbst schaut unruhig umher, sucht Augenkontakt mit dem Publikum, flackernde Blicke, Ausdruck eines scharfen, aber rastlosen Geistes.

Währenddessen herrscht draußen im Foyer munteres Treiben. Eine Schar Kinder hat sich um einen Stand geschart, an dem Schachsets verkauft werden. Ein Figurenset gibt es in der Basis-Version bereits ab 37 Euro, das Set „The Queen’s Gambit“ mit Figuren aus Buchsbaumholz und einem Brett aus Pappelholz und Eschenwurzel ist für 339 Euro zu haben.

Apropos „The Queen’s Gambit“: überhaupt sind auch hier in Karlsruhe die Einflüsse der Netflix-Miniserie von 2020 über das Waisenmädchen Elizabeth „Beth“ Harmon, die ihr Talent fürs Schachspiel entdeckt, zu spüren: geschätzt sind unter dem Teilnehmerfeld 20 Prozent Frauen, in den jüngeren Alterskohorten noch einmal deutlich mehr. Schach liegt gerade bei Frauen voll im Trend. Am Stand nebenan quillt derweil alles über mit Schachliteratur. Dort sind neben illustren Titeln wie „The Chess Biography of Marcel Duchamp“ oder „The Power of Pawns“ auch Klassiker wie „Erst ziehen, dann denken“ zu finden.

Letzteres scheint auch das Credo von Hans Niemann zu sein. Trotz seines immensen Zeitvorteils führt er schnelle Züge aus, die seinem Gegner Mendonca keine Gelegenheit geben, eigene Pläne zu entwickeln und „vor die Lage“ zu kommen. Eigene Bedenkzeit ist eben auch Zeit für den Gegner, und so gerät Mendonca immer mehr in Bedrängnis, muss die Sekunden zusammenklauben wie Brotkrumen, um auf die zermürbenden, piesackenden Züge Niemanns zu reagieren und so Schlimmeres zu verhindern. Niemann selbst wirkt dabei die meiste Zeit fast gelangweilt, das Bein auf und ab wippend, dann wieder die Blicke ins Publikum, er gleicht gewissermaßen dem namenlosen Ich-Erzähler aus Stefan Zweigs „Schachnovelle“, von dem es an einer Stelle heißt: „Ich spiele Schach im wahrsten Sinne des Wortes, während die andern, die wirklichen Schachspieler, Schach ernsten.“

Nur ab und an wirft er seinem Kontrahenten einen verstohlenen Blick zu, und dabei umspielt ein leichtes sardonisches Lächeln seine Mundpartie. Und dann passiert es, Mendonca sagt etwas zu Niemann, die beiden schlagen mit der Faust kurz ab, dann stehen beide auf. Im nächsten Moment erscheint auf der Videowand über der Bühne die Bestätigung: Sieg Niemann, Mendonca hat aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt ist Carlsens Spiel am Nebentisch bereits lange beendet. Der Norweger, lange mit schwarz in der Defensive, hat geschickt verteidigt und seinem Gegner, dem Iraner Tabatabaei, am Ende ein Unentschieden abgerungen.

Und Keymer, das rheinhessische Wunderkind? Er wird nicht nur am späten Nachmittag auch das zweite Match des Tages gegen den Usbeken Yakubboev gewinnen, sondern tags darauf auch gegen Hans Niemann und dem Titelverteidiger Carlsen ein Remis abtrotzen. Am Ende des Turniers am Montagabend werden bei Keymer aus neun Partien sechs Siege und drei Unentschieden zu Buche stehen, womit er punktgleich mit dem Franzosen Maxime Vachier-Lagrave sein wird. Der Tiebreak zwischen beiden wird dank der „Buchholz-Wertung“, bei der die Elo-Zahlen sämtlicher Kontrahenten der punktgleichen Spieler addiert werden, zugunsten von Vincent Keymer ausfallen. Der 21-Jährige gewinnt das weltweit größte Schachturnier, nimmt einen Pokal, 60.000 Euro Preisgeld und ein Ticket zu den Freestyle-Weltmeisterschaften mit nach Hause. Das Grübeln in „Carlsenruhe“ hat sich für ihn gelohnt und der deutsche Schachsport blickt rosigen Zeiten entgegen.

Untold: Chess Mates ist ab 7. April auf Netflix abrufbar.

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