Es war das „Match des Jahrhunderts“: Im Jahr 1972 besiegte der Amerikaner Bobby Fischer in Reykjavík den russischen Schachweltmeister Boris Spasski – auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs und unter den Augen einer elektrisierten Weltöffentlichkeit. Mit einem Schlag war die 24-jährige sowjetische Dominanz im Schachspiel gebrochen. Mittendrin: ein Deutscher.
Lothar Schmid (1928–2013) war Schiedsrichter dieses historischen Duells, selbst Großmeister – und zugleich eine der schillernden Figuren des internationalen Schachlebens. Ein Amateur im besten Sinne, der Deutschland bei elf Schacholympiaden vertrat und nebenbei eine Leidenschaft kultivierte, die ihn weit über das Brett hinaus bekannt machen sollte: das Sammeln. Der Buchverlag seiner Familie, der die Abenteuerromane von Karl May publizierte, verschaffte Schmid die Mittel, seine zweite Leidenschaft zu finanzieren – und in die Geschichte seines Spiels zu investieren.
Lothar Schmid, 1972In seinem Bamberger Haus trug er wohl eine der umfangreichsten privaten Schachbibliotheken Europas zusammen: Inkunabeln, Handschriften und antiquarische Bücher aus vielen Jahrhunderten. Eine Obsession, wie sein Sohn Bernhard einmal sagte – und eine, die Lothar Schmid bis nach Südamerika führte, wo er sich „ein Buch im Werte eines Hauses“ sicherte.
Bereits 2016 wurde ein erster Teil von Schmids Sammlung in einem Braunschweiger Auktionshaus versteigert. Nun haben seine drei Kinder einen weiteren Teil dieser legendären Sammlung bei Sotheby’s in London eingeliefert. Das Glanzstück der am Donnerstag gestarteten Online-Auktion ist ein Meilenstein der Schachgeschichte: 1497 erschien in Salamanca das Werk des Spaniers Luis Ramírez de Lucena, das erstmals die Regeln des modernen Spiels mit der heute dominierenden Figur der Dame beschreibt. Nur zehn Exemplare sind bekannt – Sotheby’s taxiert Lothar Schmids auf mindestens 70.000 Pfund.
Luis Ramírez de Lucena: Repetición de Amores y Arte de Ajedrez, Salamanca, 1497Als erste gedruckte Illustration eines Schachbretts gilt ein Blatt in dem 1482 in Venedig erschienenen Werk des Jacobus Publicius „Ars oratoria. Ars epistolandi. Ars memorativa“. Es dürfte aber nicht nur Schachfans ansprechen, enthält es doch auch eine Abhandlung über das Gedächtnis und die Unterstützung der Erinnerung mithilfe von „Eselsbrücken“ (ab 30.000 Pfund).
Überhaupt zeigt diese Auktion, wie eng Schach, Ethik und Gesellschaft einst verwoben waren: Das im 13. Jahrhundert entstandene Werk des Dominikanermönchs Jacobus de Cessolis, eine moralisierende Deutung der feudalen Ordnung anhand des Schachspiels, gehörte zu den populärsten Texten des Mittelalters. Der Autor nutzt das Schachspiel als Metapher, um die tugendhaften Aufgaben jedes Standes zu illustrieren. Mit der Erfindung des Buchdrucks fand die „Moralpredigt“ weite Verbreitung.
Alles vom „Schachtürken“
Die 1493 in Florenz veröffentlichte Version aus Schmids Sammlung mit detailreichen Holzschnitten wird auf mindestens 50.000 Pfund geschätzt. Bereits zehn Jahre früher erschien eine deutsche Edition in Straßburg. Die Provenienz dieses raren „Schachzabelbuchs“ aus dem früheren Besitz des preußischen Schachspielers und Bibliophilen Baron von der Lasa (1808–1899) ist ebenfalls auf 50.000 Pfund taxiert.
Auch die Frühzeit des professionellen Spiels ist vertreten: Ein Manuskript des Italieners Gioachino Greco (um 1600–1634), einer der ersten „Schachstars“ der Geschichte, dokumentiert die taktische Finesse und aggressive Eleganz seiner Partien – das „Traktat des Schachspiels“ ist dem römischen Kardinal Corsini gewidmet und mit 20.000 Pfund bewertet.
Schachtürke in Karl Gottlieb von Windischs „Lettres sur le joueur d'echecs...“, 1783Eine barocke Kuriosität ist der „Mechanische Türke“, beschrieben in einem Konvolut von zehn Bänden aus dem Jahr 1783 (ab 15.000 Pfund): Der schachspielende Automat, der 1769 in Wien vor Kaiserin Maria Theresia enthüllt wurde, reiste über acht Jahrzehnte durch Europa und die USA. Sein Geheimnis wurde erst nach 51 Jahren entdeckt: Während der als Türke verkleidete „Automat“ scheinbar von einem Uhrwerk angetrieben wurde, saß im mannhohen Gehäuse ein geschickter Schachspieler, der mithilfe eines Systems von Magneten und Hebeln auf die Züge seines Gegners reagierte. 1854 wurde der originale „Schachtürke“ bei einem Brand zerstört.
Den Sprung in die Moderne markieren die Aufzeichnungen Emanuel Laskers (1868–1941), des langlebigsten Weltmeisters der Geschichte. Acht Manuskripte dokumentieren sein Denken über das Spiel, seine Strategien, seine Analysen – intime Einblicke in das Werk eines Genies (ab 8000 Pfund). Dass Schmid nicht nur Bücher sammelte, zeigt ein weiteres Los: Adolph von Menzels frühe „Schachpartie“ von 1836, ein kleines Gemälde von großer Suggestion. 1962 erworben, kommt es nun wieder auf den Markt – geschätzt auf 8000 bis 12.000 Pfund.
Schließlich kehrt die Auktion an ihren Ursprung zurück: zu jenem Jahrhundert-Match von 1972. Schmids eigene Aufzeichnungen – darunter die von Fischer und Spasski signierte 17. Partie – kommen ebenfalls zum Aufruf (ab 10.000 Pfund), als Dokumente eines Moments, in dem ein Schachspiel zur Weltpolitik wurde. Schmid blieb mit beiden Rivalen befreundet; sie besuchten ihn – getrennt voneinander – in seinem Bamberger Zuhause und bewunderten dort seine Sammlung.
Gabriel Heaton, Experte für englische Literatur und historische Manuskripte bei Sotheby’s, rechnet bei dieser Auktion mit dem Interesse eines breiten Publikums. Die gestiegene Attraktivität des Schachspiels seit der Covid-Pandemie und auch die Netflix-Serie „Das Damengambit“ dürften, so hofft er, sowohl die internationale Schachgemeinde als auch bibliophile Sammler ansprechen.
Die Auktion läuft online bei Sotheby’s bis zum 17. April 2026.
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