Als Buchhalterin der Musik hat sich die Gema damit abgefunden, dass ihr seltener applaudiert wird als den Musikern. Sie treibt das Geld ein. Nüchtern und humorlos, wie sie sich mit vollem Namen nennt: Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Aber auch die Gema möchte einmal einen Hit landen. Er hat schon einen Titel: „Kultur ist kein Genre.“ Alles andere ist noch in Arbeit. In einer Strukturreform will sich die Gema neu erfinden, neu sortieren und ihre alte duale Ordnung aufgeben, indem sie E- wie U-Musik behandelt und bezahlt. Applaus.
Den Deutschen war ihr strenges E&U schon immer peinlich, auch wenn Klassik überall als etwas anderes gehört wurde als Pop. Das E für das im Schopenhauer’schen Sinn Ernste und das U für alles Unterhaltsame oder, weil es die Rückseite des Gema-Groschens abbildete, Unerste. Während die deutsche Gema sich also zum Unernsthafteren hin reformiert, musste neulich ein junger Amerikaner kommen, um das E wieder vom U zu trennen. Oper und Ballett, sagte Timothée Chalamet, würden niemanden interessieren. Niemals würde er auf einer Klassikbühne stehen wollen. Chalamet ist weltberühmt und sehr beliebt als Schauspieler in Spielfilmen, wo er auch schon Bob Dylan war. Durch seine offenen Worte wurde er erstmals zum Buhmann. Bei den Oscars ging er leer aus.
Aber will man sich tatsächlich ein E für ein U und ein U für ein E vormachen lassen, wenn es um Musik geht? Man geht in ein Popkonzert, um möglichst laute, vielleicht sogar lustige Musik zu hören, im Gedränge vor der Bühne Bier zu trinken und zu tanzen, ohne sich darum zu scheren, ob oder warum es jemand U nennt, was dabei gespielt wird. Man geht in die Oper, zum Ballett, ins Kammer- oder Sinfoniekonzert, um feierlich Musik zu hören und zu sehen, ohne dass einem der Nebenmann dabei zu nahekommt, ohne einen durch seine eigenen Geräusche beim Genuss zu stören. Die Musik ist ernsthafter, ob sie nun E heißt oder nicht.
Es ist ein großer und entscheidender Unterschied, ob jemand Musiker geworden ist, indem er seine Jugend an ein Instrument verschwendet hat, um es zu konzertanter Meisterschaft zu bringen. Oder ob er seine Jugend ausgelebt, sich drei Akkorde beigebracht und eine Band gegründet hat. Ursprünglich war es sogar so, dass Pop alles sein wollte, was Klassik nicht war. Pop war nie bildungsbürgerlich und dünkelhaft, bis das Gerede anfing, dieses E&U sei nicht mehr zeitgemäß. Popmusiker wollten wie Klassikmusiker behandelt werden. Klassikmusiker wollten wie Popmusiker angehimmelt werden. E und U gingen verhängnisvolle Ehen miteinander ein. Es gab Konzerte für elektrische Gitarren und Orchester, Streichquartette mit DJs in Clubs, Techno in Opernhäusern und Ballettsälen, wo E und U erklärten, eins zu sein.
Aber zurück zur Gema und zum Ernst aller Musik: Wer „Kultur ist kein Genre“ für den Schlager zur Strukturreform einer Behörde hält, die dafür sorgen soll, Gelder, die anfallen, wenn irgendwo Musik gespielt wird, so vernünftig zu verteilen, dass jede Musik erhalten bleibt, weiß weder, was Kultur noch was ein Genre ist. Klassik findet sich eher in staatlichen Institutionen wieder, Pop am freien Markt. Da fangen E und U schon an.
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