Olevano ist ein Dorf in den Bergen östlich von Rom. An diesem abgelegenen und bis heute wenig bekannten Ort, so erzählt es der Kunsthistoriker Golo Maurer, erfanden in den Jahren nach 1800 ein paar Aussteiger die „deutsche Kunst“. Was anfangs nach einer ziemlich steilen These klingt, wird bei der Lektüre von Maurers deutsch-italienischer Kulturgeschichte durchaus plausibel.

Denn in den Hügeln irgendwo hinter Palestrina, Frascati oder Valmontone fanden sich seinerzeit die Versprengten des nationalen Aufschwungs zusammen, der nacheinander unter Napoleons Siegen und Metternichs Restauration zurückgestutzt wurde. Deutschland gab es nur als Idee. Warum also nicht in der milden Sonne des Südens den Malkasten auspacken und sich in den herrlichen Landschaften Latiums eine Utopie der nationalen Kunst herbeiträumen?

Maurer, selbst in Rom an der „Bibliotheca Hertziana“ fürs Max-Planck-Institut forschend, erzählt in angenehmer Plauderlaune, wie es 1803 zuerst den mittellosen Tiroler Maler Joseph Anton Koch ins preiswerte und dennoch halbwegs exotische Olevano verschlug. Koch wurde später zu einem der wenigen, die sich dem Gastland wirklich öffneten: Er heiratete eine Olevanerin. In seinem Kielwasser kamen mit den Jahren malende und zeichnende Italientouristen zu Dutzenden. Simples Schwarmverhalten beförderte die weit gefasste Landsmannschaft zwischen Baltikum und Niederrhein, Böhmen und Schwaben, Altona und Tirol dorthin, wo man für den heißen Sommer kühlenden Wind, preiswerte Wohnungen und Wein sowie Gesellschaft von anderen Exilanten fand.

Joseph Anton Koch: Landschaft bei Olevano, 1823/24

Der Nachteil dieser schönen und vor allem schön erzählten Historie liegt darin, dass sich unter den Sehnsüchtigen im Land der blühenden Zitronen so gut wie keine Genies befanden. Wer kennt heute noch Carl Philipp Fohr, Johann Christoph Erhard, Joseph Führich, Erwin Speckter, Ernst Fries, Johann Martin von Rohden oder Heinrich Reinhold? „Gebückt saß jeder vor seinem Malkasten“, beschrieben Zeitzeugen wie der virile Schwabe Wilhelm Waiblinger den handwerklichen Fleiß und den germanischen Ehrgeiz dieser jungen Künstler, nicht ohne Ironie. Und heute haben es selbst Experten nicht leicht, ihre kleinen Ölskizzen, ihre „heroischen Landschaften“, ihre etwas pedantischen Zeichnungen von Dorfschönen oder Kollegen auseinanderzuhalten.

Immerhin schaute der nicht hoch genug zu schätzende Carl Blechen kurz in Olevano vorbei. Der später als Märchenbuchillustrator berühmt gewordene Ludwig Richter platzierte seinen Rübezahl in der italienischen Ideallandschaft statt im Riesengebirge. Und auch einige Nazarener – Cornelius, Overbeck, Schnorr von Carolsfeld – empfingen manche Inspiration für ihre frömmelnden Bibelkitschbilder im Kirchenstaat. Olevano blieb stets Außenposten von Existenzen aus der römischen Altstadt zwischen Caffè Greco und Osteria di Tritone, wo sich diese frühen Aussteiger gerne betranken, in komischen Studentenröcken an Heimweh oder Kollegenneid krankten, bedeutsam an der Tabakspfeife sogen und bei den kultivierten Einheimischen Eindrücke von Verwahrlosung hinterließen. Diese Verwahrlosung erinnerte nicht zufällig an die innere und äußere Verlotterung der Toskanafraktion der 1968er.

Golo Maurer führt kenntnisreich vor, dass das aktuelle Caffè Greco zwar immer noch vom Ruhm jener Jahre zehrt, doch als reine Geldmaschine und Nepplokal keine Träne wegen der Schließung verdient. Überhaupt lebt dieses kluge und spitzweghaft biedermeierliche Buch von der Bescheidenheit angesichts des selbst gewählten großen Titels. „Deutsche Kunst“, so lernen wir, konnte eigentlich nur im italienischen Exil entstehen, weil in den Käffern des zersplitterten Vaterlands nur tiefe Provinz herrschte, die nicht an die Malerei in Frankreich, Großbritannien oder gar Italien heranreichte. Und statt Meisterwerken hinterließ die Olevano-Mode am ehesten Johann Wilhelm Schirmers Souvenir-Ölbilder, die man getrost als Vorläufer von Urlaubspostkarten einordnen kann.

Aus den zahlreichen Abbildungen dieser Art sticht sogleich eine Olevano-Studie des Franzosen Camille Corot hervor, der in einer anderen Liga malte. Und nicht zufällig schaffte es der ikonische deutsche Maler jener Epoche, Caspar David Friedrich, ebensowenig nach Italien wie der maßgebliche Dichter der Italiensehnsucht, Joseph von Eichendorff. Wahrhaft deutsche Kunst entsteht eben immer im Kopf.

Im Wissen um die Beschränkung vaterländischer Ästhetikschätze hat Maurer eine amüsante Kulturgeschichte der Italiensehnsucht nach Goethe geschrieben. Dieser Allergrößte lernte in Rom zwar die Freuden der körperlichen Liebe und der sinnlichen Antikenstudie kennen, doch war er mit etwas Glück auch hinterher noch gesund genug, um nach seiner Rückkehr voller Romnostalgie etliche Jahrzehnte im piefigen Weimar zu dichten und zu wirken. Maurer bricht hier, wenn auch keine Lanze, so doch einen Aquarellpinsel für die vielen Epigonen, die mit schwächerer Physis dem ungesunden Klima von Latium auf ihrer Kunstreise (oder bald danach) erlagen.

Nicht viele kehrten damals fit aus der Malarialuft heim. Man starb an Tuberkulose wie der von Maurer besonders geschätzte Weimaraner Franz Horny; man holte sich letale Syphilis, Scharlach oder ertrank an einem heißen Tag beim Bad im verdreckten Tiber. Dieser Blutzoll ist denn auch das eigentlich Romantische an einer Kunstrichtung, die zwar sehr deutsch sein wollte, deswegen aber auch allzeit sehr provinziell blieb. Golo Maurer beendet sein Sittenbild mit der Schilderung eigener Wanderungen über Stock und Stein rund um Olevano, wo es heute Apotheken, Bars und Lottoannahmestellen gibt und keine Abenteuer mehr. Viel wilde Romantik war für unseren Autor (außer einem blutigen Schienbein) im modernen Latium also nicht zu finden. Und ist es nicht ohnehin die deutscheste aller deutschen Künste, glücklich und stilvoll im italienischen Exil zu leben?

Golo Maurer: Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden. C.H. Beck, 382 Seiten, 29,90 Euro

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