Die Dependance der Berliner Galerie König in Mexiko-Stadt wurde zum Ziel antisemitischer Angriffe. Die Wände wurden mit Davidsternen und Hakenkreuzen beschmiert, der dort ausstellende Künstler Amir Fattal mehrfach beschimpft und beleidigt – weil er Israeli ist. „Zionisten“ sind unerwünscht, Iran und die Hamas werden gefeiert, erzählt der Maler – nicht nur in der mexikanischen Kunstszene.
WELT AM SONNTAG: Herr Fattal, Ihre Ausstellung in der Galerie von Johann König in der mexikanischen Hauptstadt musste nach dem Angriff schließen. Sie wurden persönlich bedroht, Ihr Instagram-Account von Hass geflutet. All das, nur weil Sie in Tel Aviv geboren wurden?
Amir Fattal: Ja, es begann ganz plötzlich. Jemand hatte meine Herkunft herausgefunden. Ich lebe seit 25 Jahren in Berlin und verbringe seit vier Jahren den Winter in Mexiko-Stadt. Auf meinem Instagram-Account mache ich keine politischen Statements, es geht ausschließlich um Kunst. Doch auf einmal bekam ich Hunderte Hassnachrichten und abwertende Kommentare über meine Malerei. Es wirkte sehr koordiniert und ich dachte erst, es wären Bots. Aber dann schaute ich auf die Profile: Viele von ihnen gehörten zu meiner eigenen Community, also der Kunstwelt und der queeren Szene.
Amir Fattal vor der Galerie König in Mexiko-StadtWAMS: Was passierte dann?
Fattal: Der erste Vorfall geschah, als ich eine öffentliche Führung durch meine Ausstellung gab. Plötzlich tauchten 15 maskierte Personen auf und beschimpften mich: Ich sei ein Babykiller und Mossadist, also das Übliche, was man gegen Israelis anführt. Wir riefen die Polizei, und sie eskortierte mich hinaus. So etwas war mir vorher nie passiert. Meine Freunde in Mexiko wissen, woher ich komme, aber ich habe sehr viele Follower in den sozialen Medien, denen es offenbar nicht klar war. Mein Name klingt ja allgemein nach Nahem Osten.
WAMS: Wie ging es weiter?
Fattal: Zwei Tage später wollte ich diesen Vorgang auf Instagram kommentieren, in dem Wissen, dass dies alles nur noch schlimmer machen würde. Aber die Menge an Hassnachrichten war schon so groß, dass ich sie ohnehin nicht mehr löschen konnte. Zudem waren nun auch die Mitarbeiter der Galerie bedroht, von Besuchern fotografiert und von anonymen Accounts gepostet. Die Ausstellung lief noch zwei Wochen lang – wir hatten alle Veranstaltungen abgesagt, bis auf eine. Dort tauchten erneut Maskierte auf. Sie beschmierten die Galeriefassade mit Ketchup und Hakenkreuzen, Davidsternen, „666“ und anderen diffamierenden Zeichen. Diesmal kam keine Polizei.
WAMS: Welches Ziel haben derlei antisemitische Aktionen?
Fattal: Ich habe mit der israelischen Botschaft gesprochen: Bei jeder kulturellen Veranstaltung wird versucht, leibhaftige Zionisten zu canceln. Es geht also um Zensur. Sie haben es geschafft: Die Galerie wurde aus Sicherheitsgründen geschlossen.
WAMS: Weiß man, welche Personen aus der Kunstszene und der Queer-Kultur dahinterstecken?
Fattal: Ich habe keine Kraft, das zu recherchieren, und habe es der jüdischen Community in Mexiko-Stadt überlassen, in der Hoffnung, dass sie etwas herausfindet. Aber das Ganze ist nicht so ungewöhnlich: Auch die israelische Botschaft wird immer wieder besprüht und mit Molotowcocktails beworfen. Folgen hat das keine. Die Polizei tut nichts gegen Hassverbrechen, solange keine Menschen körperlich zu Schaden kommen.
WAMS: In den sozialen Medien werden die Angriffe gefeiert. Man beschimpft Sie aufs Übelste, postet Schweine-Emojis, wünscht Ihnen sogar den Tod: „Wie viele deiner Vorfahren passen in einen Aschenbecher?“, liest man da. „Geh zurück nach Auschwitz, wenn du nach Mexiko kommst, stecken wir dich in einen deutschen Ofen“, „Fahr zur Hölle“, „Du verdienst es, genozidaler Zionist, verpiss dich“, „Zionismus = Nazismus“, „Deine Opferkarte ist 1945 verfallen“. Wie gehen Sie mit solchen Botschaften um?
Fattal: Ich bekomme gerade unglaublich viel Unterstützung und Zuneigung, hauptsächlich von der jüdischen Community. Von der Kunstszene kommt fast nichts, und wenn, dann nur in Form privater Nachrichten. Öffentlich will kaum jemand Empathie zeigen. Das überrascht mich nicht. In der Kunstszene ist Sympathie gegenüber Israelis und Juden weitgehend tabu, offenbar weil man sonst selbst zur Angriffsfläche wird.
Gemälde von Amir Fattal: Die Ausstellung musste aus Sicherheitsgründen geschlossen werdenWAMS: Einige Posts verlautbaren, Sie hätten die Angriffe „verdient“, da Sie sich nicht gegen die israelische Regierung positioniert haben: „Bist du gegen die zionistische Regierung? Sag es. Dann wirst du zum Helden.“
Fattal: In diesen Kreisen gilt: „Schweigen ist Komplizenschaft“. Bei dem ersten Übergriff wurde von mir ein Statement gegen Israel gefordert, was ich verweigerte. Damit sind die Angriffe auf mich in deren Augen berechtigt. Privat bin ich durchaus ein politischer Mensch, ich habe in Israel mehrmals gegen Netanjahu protestiert, was ich sogar in Storys gepostet habe. Aber ich will keine Statements auf meinem Account veröffentlichen und lasse mich schon gar nicht zu politischen Aussagen zwingen.
WAMS: Die Künstlerliste der Biennale von Venedig vermeidet die Nennung des Staates Israel hinter den Künstlernamen, es wurde erneut ein Boykott des israelischen Pavillons gefordert. Israelische Künstler werden schon lange kaum noch ausgestellt – es sei denn, sie verleugnen dezidiert ihre Herkunft. Verstecken sich hinter dem „Aktivismus“ und „Antizionismus“ der globalen Kunstwelt Anpassung und Antisemitismus?
Fattal: Das Spezifische an der Kunstszene in Mexiko ist, dass ihr Hass sich nicht nur gegen Israel richtet, sondern auch gegen Kapitalismus und Gentrifizierung. Es geht also auch gegen mich als Ausländer. Obwohl ich nicht weiß bin, werde ich als jemand gesehen, der aus einem westlichen Land kommt, was gegen ihre antiimperialistische Haltung spricht. Die maskierten Personen kamen nicht nur mit der palästinensischen Flagge, sondern auch mit der des islamisch-iranischen Regimes: Der Iran hasst den Westen und unterstützt Hamas und Hisbollah, was zu seiner Ideologie gehört.
WAMS: In weiten Teilen der Berliner Kulturszene sieht man eine ähnliche Haltung. Überdenken Sie jetzt Ihre beiden Wohnorte?
Fattal: Berlin ist mein Zuhause. Ich lebe seit 25 Jahren dort, habe an der Universität der Künste studiert und liebe die Stadt. Seit dem 7. Oktober habe ich sehr viel Unterstützung durch meine Freunde erfahren. Die Haltung in Deutschland gegenüber Künstlern empfinde ich als sehr positiv, verglichen etwa mit Spanien, Italien oder Irland. Im Dezember werde ich wieder nach Mexiko-Stadt zurückkehren: Für all den Hass habe ich hier ebenso viel Support bekommen. So hat mich eine Frau, die ich nicht kannte, am Tag nach dem zweiten Übergriff zu ihrem Schabbat-Essen eingeladen. Das hat mich tief bewegt – es gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein.
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