In der Theaterliteratur gilt Harpagon nicht gerade als Sympathieträger. Der Titelheld in Molières „Der Geizige“ fühlt sich von aller Welt ausgenutzt, betrogen und verfolgt. Sein riesiges Vermögen hält er versteckt, auch vor seinen Kindern, die er als Anlageobjekte auf dem Heiratsmarkt betrachtet. Außerdem will er sich die Geliebte seines Sohns selbst als Frau schnappen. Wie gesagt: Sympathisch ist das nicht. Außer er wird von Lars Eidinger gespielt. Der Schauspieler, gerade 50 Jahre alt geworden, gibt an der Berliner Schaubühne den Harpagon als deutsches Boomer-Klischee mit menschlicher Seite.

Das Leben fühlt sich farblos und leer an, singt Eidinger, als er die Bühne betritt. Fast 50 Jahre alt, ist für Harpagon unklar, was er noch zu erwarten oder zu hoffen hat. Die Frau tot, die Kinder fast aus dem Haus, und jetzt? An Geld fehlt es nicht, sondern an dem, was durch den Triebverzicht für Gelderwerb völlig verkümmert ist: die Vorstellung eines guten Lebens. Dieser Harpagon ist ein Reptil der Arbeitsgesellschaft, das in der sozialen Evolution durch dicke Haut und kräftige Beißreflexe überlebt hat. Und etwas an dieser Verpanzerung weckt unser Mitleid, auch wenn man ungern mit Krokodilen baden geht.

Und wie deutsch dieser Harpagon ist! Sein Vorname: Heiko. So steht das nicht bei Molière, doch Regisseur Thomas Ostermeier und seine Dramaturgin Maja Zade haben sich die Freiheit genommen, den Stoff für die Gegenwart zu optimieren. Die Sprache ist von barocken Manierismen befreit und dafür mit Zeitgeistigem garniert: safe, nice, ich schwöre. Vor allem aber zeigt Schaubühnen-Intendant Ostermeier, der erstmals nach elf Jahren und den großen Erfolgen „Hamlet“ und „Richard III.“ wieder mit Eidinger gearbeitet hat, „Der Geizige“ als Psychogramm deutscher Gesellschaftsgeschichte.

Deutschland, ein Autohaus

Als Bühnenbild hat Magda Willi ein Autohaus entworfen. Das trostlose Interieur in Schwarz-Rot-Gelb mit Wimpeln, Luftballonskulpturen und Alu-Stehtischen spiegelt die Rezessionsstimmung im taumelnden Autoland BRD wider. In der Thermoskanne ist kein Kaffee mehr, die Ware steht fabrikneu, aber unverkauft herum und Kunden scheinen sich schon länger nicht mehr hierher zu verirren. So sieht Krise aus, die Zeit nach dem Boom. Nach der Epoche der großen Exportüberschüsse, als die deutsche Autoindustrie den Weltmarkt beherrschte. Es knirscht gewaltig im Gefüge des deutschen Autohauses.

Boomer ohne Boom: Lars Eidinger bei der Arbeit

Harpagon hat noch vom Boom profitiert. Aus seiner Tasche zaubert er ein Bündel Geldscheine hervor, wie die sechs Milliarden Euro bei VW für die Boni der Manager. Und wie den Arbeitern trotzdem die Entlassung droht, so sitzt auch sein von Damir Avdić gespielter Sohn Cléante in der Schuldenfalle, um sich seine feschen Jogginganzüge und coole Sneaker leisten zu können. Und alles, was er vom Papa mit der ultradeutschen Bargeld- und Sparneurose bekommt, sind ein paar peinliche Boomer-Sprüche, aber kein Geld. Deutschland, einig Sparerland? Längst nicht mehr. Einige sparen, weil sie es haben, doch die meisten müssen es sich pumpen, weil sie nichts haben. Bittere Pointe: Das Geld, das sich Cléante zu Wucherzinsen leihen will, kommt sogar von seinem Vater.

„Warum müssen es Designerklamotten sein, wenn wir Firmenhemden haben!“, ruft Harpagon seinem Sohn entgegen. Eidinger ist die Verkörperung einer Lustfeindlichkeit, die sich seit dem Protestantismus im deutschen Kleinbürgertum eingenistet hat. Einer, der den Strohhalm aus der Capri-Sonne zieht, bevor er den Raum verlässt, damit niemand unbemerkt einen Schluck nimmt. Der nur um sich selbst kreist und immer wieder ins Ressentiment kippt. Der die TikTok-Kampagne des AfD-Politikers Maximilian Krah für „echte Männer“ zitiert: „Schau keine Pornos, dann klappt es mit der Freundin.“

So fies Eidinger als Harpagon auch sein mag, so viel Spaß macht es, ihm zuzuschauen. In seinem unförmigen, grauen Anzug mit Extrabauch, Glatzenkappe und Schnauzer (Kostüme: Vanessa Sampaio Borgmann) gibt er sowohl den tyrannischen Chef und Vater in Personalunion als auch den in seinen ungelenken Anpassungsversuchen an die neue Zeit Strampelnden, bei dem immer etwas von der Verzweiflung des ungelebten Lebens mitschwingt. Man sieht den berüchtigten alten, weißen Mann, aber nicht als einen, der die Welt erschaffen hat, sondern als einen, der von dieser Welt geschaffen wurde.

Bitte nicht so sympathisch!

In der ersten Hälfte des knapp zweistündigen Abends ist man durchaus beeindruckt, wie Ostermeier Geld und Liebe überblendet und den Konflikt zwischen den Generationen sowohl ökonomisch als auch libidinös anlegt. Und man darf sich über viele kleine Einfälle freuen, die dem Publikum ein boulevardeskes Vergnügen bereiten. In der zweiten Hälfte verliert der Abend jedoch seinen Fokus und bekommt die spannende Setzung – bis zum geisterhaften Finale, das stark vom Happy End der Vorlage abweicht – nicht auserzählt. Auch die hübschen Einfälle wirken mit der Dauer immer willkürlicher.

Man bekommt den Eindruck, dass sich der Abend ausschließlich für den Vater-Sohn-Konflikt interessiert. Im Planetensystem des Ensembles kreist der aufgedrehte Avdić noch am nächsten um das unbestrittene Zentrum Eidinger, während die Umlaufbahn von Elise (Magdalena Lermer) und Valère (Pablo Moreno) manchmal so weit entfernt scheint wie bei den sonstigen, kleineren Rollen – Cathlen Gawlich, Falk Rockstroh, Robert Beyer, Axel Wandtke –, allein Mano Thiravong als Französisch sprechende Marianne schafft es, das Aufmerksamkeitszentrum für einige Momente zu verschieben.

Am Ende ist das Lebensmodell von Harpagon ebenso ein Auslaufmodell wie das „Modell Deutschland“ in der Industrie. Was auf der Bühne als Komödie verhandelt wird, nimmt in Wirklichkeit immer tragischere Züge an. Das scheinen auch Ostermeier und Eidinger zuletzt nochmal betonen zu wollen: Zu sympathisch darf ihr Titelheld bei allen slapstickhaften Verwicklungen nicht rüberkommen. Trotzdem ist es ein großer Auftritt von Eidinger kurz vor seinem Abflug nach Hollywood für den neuen „Superman“-Film. Und man ahnt auch den großen Abend, der es mit mehr Stringenz hätte werden können.

„Der Geizige“ läuft an der Berliner Schaubühne.

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