Wer Christen nach dem Inhalt ihres Glaubens befragt, wird verschiedene Antworten erhalten. Dabei ist der harte Kern unzweideutig. Der Apostel Paulus hat ihn im Ersten Brief an die Thessalonicher, datiert auf 50/51, so formuliert: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“

Darin steht nicht weniger, als dass man Christ nur dann sein kann, wenn man an die Auferstehung glaubt. Leicht übersehen wird der Satz davor: „Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?“ Dem kann man entnehmen, dass Paulus mit seiner Lehre auf Widerstand stieß. Anders ausgedrückt: Die Geschichte der Auferstehung galt auch schon vor fast 2000 Jahren als Zumutung. Paulus verbindet diese Aussage im Übrigen mit einer weiteren, die womöglich entscheidend war: „Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.“

Dem Augenzeugen glauben?

Es ist also nicht die Auferstehung von Jesus allein, um die es Paulus geht, es ist die eigene Auferstehung, die von der Auferstehung Jesu garantiert wird. Verständlich, dass Paulus viel, wenn nicht alles darauf ankam, die Auferstehung Jesu so überzeugend wie möglich darzustellen. Tatsächlich bemüht er im gleichen Brief das stärkstmögliche Argument überhaupt: die Augenzeugenschaft. Dafür beruft er sich als ersten auf „Kephas“, griechisch für den „Fels“, hinter dem sich Petrus verbirgt, dann auf „die Zwölf“, weiter auf „mehr als fünfhundert Brüder zugleich“, von denen ausdrücklich die meisten noch lebten, zuletzt auf sich selbst, die „Missgeburt“. Am Rande sei notiert, dass sich drei Evangelisten, die wesentlich später über das Ereignis berichten (nur der frühe Markus geht überhaupt nicht auf die Auferstehung ein, die heutige Fassung gilt als späterer Nachtrag), ebenfalls auf Augenzeugen beziehen, jedoch ganz andere Personen nennen.

Sagen wir es so: Als Paulus das Christentum auf die Auferstehung gründete und die Evangelisten ihm darin folgten, gab es bereits ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, kaum abgemildert durch die Tatsache, dass Wunder dieser Art damals anders wahrgenommen wurden als heute. Bei den Juden existierte die Vorstellung von der Wiederkehr ihrer gestorbenen Propheten. In den vielen Mysterienkulten im hellenistischen Bereich sind Auferstehungen von den Toten an der Tagesordnung. All das scheint Paulus nicht beruhigt zu haben und auch die Evangelisten sahen das Problem, suchten es außer mit dem Bezug auf Augenzeugen dadurch zu mildern, dass sämtliche wunderbare Ereignisse im Alten Testament vorhergesagt seien. Nicht zuletzt erhebt schon Matthäus den Vorwurf des Betrugs, und zwar in Form des Diebstahls der Leiche, was er allerdings als Unterstellung der Juden brüsk zurückweist.

Paulus ist also ein erhebliches Risiko eingegangen, als er das Christentum auf die Lehre von der Auferstehung gründete. Und wirklich zur Ruhe kam es auch in den frühen Zeiten nicht. Unter den Kirchenvätern des 4. Jahrhunderts war es ein Theologe des griechischen Ostens, Gregor von Nyssa, der wohl nicht von ungefähr die Frage stellte: „Warum so spät?“ Und eine Antwort gab, die letztlich die Verunsicherung deutlich macht: Es musste erst alles Böse in der Welt aufgetaucht sein, ehe der Heilsbringer die „Rettung“ bringen konnte. Dafür mangelte es nicht nur jedes biblischen Zeugnisses, es widersprach auch der damaligen Lehre vom „Freikauf“ der Menschheit aus der Hand des Teufels, in die sie mit dem Sündenfall im Paradies geraten war – gerade bei diesem Freikauf wird der späte Zeitpunkt unbegreiflich. So unbegreiflich wie etwa die These des Anselm von Canterbury, die Zwischenzeit sei nötig gewesen, um die Zahl der gefallenen Engel durch die neuen Heiligen aufzufüllen.

Dem dürfte sich heute niemand mehr anschließen. Eher den Argumenten der Aufklärer, die ihre Bibelkritik allerdings eher auf die vielen Widersprüche in den Texten gründeten und daraus gelegentlich scharfe Folgerungen zogen. Thomas Hobbes etwa fügte seinem „Leviathan“ ein Großkapitel unter dem Titel „Das Reich der Finsternis“ an, womit er die Priesterherrschaft mit ihrem religiösen Aberglauben als eine Verschwörung von Betrügern anprangerte – gipfelnd in der These, Geister und Dämonen gebe es höchstens in Gestalt von Klerikern. Das hat dann Nachfolge in wütenden Attacken wie in Richard Dawkins Bestseller „Der Gotteswahn“ gefunden.

Und die heutige Theologie? 1941 hat der protestantische Hochschullehrer Rudolf Bultmann unter dem Begriff der „Entmythologisierung“ vorgeschlagen, die biblischen Berichte hinsichtlich des Wunderbaren oder Außernatürlichen auf das Konto der damaligen Weltanschauung zu setzen – und zu vergessen. Stattdessen sei die Bibel mit ihren Geschichten als bildlicher Bericht über das „eigentlich“ Gemeinte zu lesen: nämlich das Eingreifen Gottes mit einer Befreiung von den Sünden und Ankündigung eines ewigen Lebens. Bultmanns Kollegen haben energisch widersprochen. Denn letztlich bezichtigte Bultmann damit Paulus und die Evangelisten der Lüge. Sie alle haben gesagt, sie wollten keine Geschichten erzählen, sondern Geschichte. Das kann man aber nicht entmythologisieren. Das kann man nur leugnen, womit sich das Christentum als Kirche zu erledigen droht.

Wie prekär die Lage werden konnte, zeigt sich an einem Buch der zum Katholizismus konvertierten Theologieprofessorin Jutta Heinemann (verstorben 2021), die es mit der Entmythologisierung noch ernster meinte als ihr Mentor Bultmann. In ihrem Buch „Nein und Amen, Anleitung zum Glaubenszweifel“ spricht sie vom, „Weihnachtsmärchen des Lukas“ und stellt die Geschichte der Auferstehung im Kapitel „Erlösung durch Hinrichtung“, mit dem blutigen Opfertod Jesu weniger als Märchen denn als absurdes Theater dar. Nach 357 vernichtenden Seiten folgt allerdings noch ein irritierendes Nachwort von zwei Seiten. Darin liest man, dass der Glaube an Märchen und Wundergeschichten „zu nichts taugt“, sondern den Glauben „fortweht“. Jedoch: „Es bleibt der Glaube an Jesus selbst... Es ist Jesu Leben, das für uns entscheidend ist, seine Stimme, die zu uns spricht...“

Wolkige Einlassungen

Wer bei einem noch wesentlich berühmteren, ebenfalls bereits verstorbenen katholischen Theologen, nämlich Hans Küng, etwa in seinem Buch „Christsein“ nachschlägt, stößt bei der Betrachtung der biblischen Überlieferung auf die These: „Kein Mythos“. Ja, die historisch-kritische Methode der Aufklärer habe viel Unsicherheit zutage gefördert, aber dahinter gebe es den harten Kern dieses Lebens von Jesus. Es sei falsch gewesen, die Geschichten einfach in jeder Einzelheit für bare Münze zu nehmen, aber ebenso falsch, sie im Sinne von Bultmann nur als Hülle einer „Verkündigung“ des Eigentlichen zu lesen. Fazit: die „Jesusüberlieferung“ könne als „relativ zuverlässig“ bezeichnet werden. Beweise im Stil der Naturwissenschaft gebe es nicht, sie seien aber auch nicht nötig. Letztlich übernehme die „Kontinuität“ der Überlieferung die Beweislast des Glaubens. Zuletzt liest man: „Das Neue, Einzigartige an Jesus ist das Ganze in seiner Einheit, ist dieser Jesus selbst in seinem Werk.“

Von der Auferstehung, ohne die sich Paulus das Christentum nicht vorstellen konnte und die immer noch im offiziellen und in vielen Gottesdiensten gebeteten Glaubensbekenntnis eine zentrale Rolle spielt, ist in diesen wolkigen Einlassungen nicht die Rede. Man darf daher fragen: Was denn nun? Gehört der Osterglaube zum Christsein oder nicht? Vielleicht sollte man sich darüber klar werden, dass nicht die vielen Skandale allein die Kirchen bedrohen, sondern auch ein Zweifel, der so alt ist wie sie selbst.

Der Autor ist Germanistikprofessor a.D. an der Universität Köln und hat das Buch veröffentlicht: „Wenn der Glaube weg ist. Gespräch mit meinem Enkel“ (epubli).

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