Sie wollten weiterleben, haben sie gesagt. Nicht so abgeräumt werden wie andere „Tatort“-Kommissarinnen und -Kommissare vor ihnen. Obwohl das natürlich auch malerisch aussehen kann, wie das Ende der Nina Rubin auf dem Tempelhofer Feld in Berlin bei Nacht. Erschossen zu werden auf den letzten Metern, statt die Rente in Anspruch zu nehmen, sei doch blöd, „zuviel Klischee“, sagt der Franz (Leitmayr) zum Ivo (Batic) präventiv schon im ersten Teil von „Unvergänglich“. So heißt ihr letzter und hundertster Fall, der jetzt als Doppelfolge über Ostern läuft.
Die beiden Kommissare passen deshalb sehr aufeinander auf. Sie frotzeln auch am Ende ihrer Bromance, die schon angefangen hat, bevor sie am 1. Januar 1991 mit einer Blondine am Steuer eines ziemlich dunkelgrauen Golf II auf das Münchner Polizeipräsidium gerast sind. Wieviel Klischee der Bayerische Rundfunk den wahrscheinlich zehn Millionen Menschen zumutet, die jetzt Abschied nehmen von einer Ära und zwei Legenden, wissen leider selbst wir nicht genau.
Der Bayerische Rundfunk hat die letzten Minuten von Leitmayr und Batic nicht mal den Journalisten zugemutet. Aus Gründen, weil die das ja spoilern könnten, was mit Sicherheit mindestens einer getan hätte. So, ohne Vorahnung, können wir weiter unser Lieblingsfinale träumen, in dem die beiden im roten Porsche vom Franz über die Maximilianstraße dem Sonnenuntergang eines möglichen Spin-offs entgegenfahren.
Ein wenig wissen wir aber doch: Ihr letzter Fall „Unvergänglich“ verhandelt vielleicht nicht unbedingt die glanzvollste aller hundert Mord-und-Totschlag-Geschichten von der Isar – aber er erfüllt seinen Zweck. Diese Tatort-Folge versorgt die Nostalgiker mit Stoff und ist eine Umarmung für die Franz-und-Ivo-Süchtigen, die nicht lassen können vom lässigen Umgang der Silberrücken mit ihrer Stadt und dem Verbrechen und der Wahrheit, die herauszufinden das ist, was sie antreibt. So jedenfalls sagt es Franz einmal in „Unvergänglich“. Deshalb ist die Geschichte an Ostern und in unmittelbarer Nähe zum „Was ist Wahrheit“ von Pontius Pilatus ganz gut aufgehoben. Aber das ist nur Nebensache.
Ein Hoch auf den Kalli
Der Anfang ist der Horror. Ein Mann mit einer Stirnlampe schleicht sich in eine magisch beleuchtete Wohnung. Eine Frau liegt dort auf einem Sofa. Der Mann macht Fotos. Die Frau verschwimmt, ihre Umrisse werden zu den Umrissen einer verbrannten Leiche, die in einem geradezu sakralen Teil des Maschinenraums unter München liegt.
Dieser wird nur alle fünf Jahre aufgeschlossen. Es war also ein Zufall, dass die Frau jetzt gefunden wurde. Wir sind unter dem St. Quirins-Platz, der direkt an der Polizeiinspektion Giesing liegt. Kalli, der langjährigste und gewitzteste aller Ivo-und-Franz-Assistenten, findet mithilfe von Künstlicher Intelligenz heraus, dass es sich beim Skelett um eine Slowenin handelt, deren Firma chemische Reinigungsflüssigkeit liefert, damit deutsche Autos gewaschen werden. Später stellt sich noch heraus, dass nicht nur Autos mit dem Zeug gewaschen werden. Die Frau schlief in München in Airbnbs, wie es sie zu Hunderten in den Metropolen gibt, und die Mietpreise in schwindelnde Höhen treiben.
Die junge Frau vom Sofa heißt Cara. Sie hat – sagen wir es vorsichtig – psychische Probleme und leidet unter einer erheblichen Captagon-Abhängigkeit. Mit ihrem Bruder haust sie in leerstehenden Airbnbs. Mike heißt ihr Bruder, der eigentlich keiner ist – sie sind nur beide in derselben Pflegefamilie aufgewachsen. Mike besorgt sich mit einem Trick einen Wohnungsschlüssel. Und dann wohnen sie da, bis ein richtiger Mieter kommt.
Mit dem roten Porsche Targa fuhren die Kommissare schon 1991. Wenn er denn mal fuhrFranz und Ivo jedenfalls stehen vor der Leiche im Untergrund und haben nur noch vier Tage, um den Fall zu lösen. Dann gehen sie in Rente. Vier Tage reichen, sagen sie. Die Wette gilt und die Münchner „Tatort“-Maschine läuft an. Ivo und Franz gehen los. Ivo humpelt ein wenig. Vielleicht braucht er bei der nächsten Verfolgungsjagd doch einen Schutzmann, der ihm über die Straße hilft, denkt man.
Der rote Porsche Targa SC, Baujahr 1978, den Franz 1991 in „Animals“ fuhr (wenn er mal fuhr), ist wieder da – und er fährt ähnlich schlecht wie 1991. Etliche alte Weggefährten sind auch dabei: Lisa Wagners eigentlich zum FBI abgewanderte Fallanalytikerin Christine Lerch zum Beispiel und noch ein ziemlich bester Assistent, den wir hier nicht spoilern wollen. Carlo Ljubek, der als Nikola Buvak mit Ferdinand Hofers Kalli Hammermann in Zukunft das Münchner „Tatort“-Kommissariat übernimmt, gibt ein Zehn-Sekunden-Gastspiel.
Der erste Teil von „Unvergänglich“ ist vom Genre her ein klassischer Sonntagabendkrimi. Der zweite Teil hingegen ist eine leicht angewitzte Hardboiled-Detektivgeschichte. Die beiden Rentner bekommen einen Anruf, während der eine am Unterboden des Porsche hängt und der andere am Klavier für eine Oma spielt, in einer kroatischen Küstenkneipe. Sie gehen sofort Kalli auf die Nerven, als wäre die Rente nichts. Denn ein gnadenloser Scharfschütze treibt sein Unwesen.
An dem Ende, bis zu dem wir sehen durften, knallt es dann ordentlich. Aber das ist eben noch nicht das Ende. Prophylaktisch wünschen wir Franz Leitmayr und Ivo Batic für ihren weiteren Lebensweg alles Gute.
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