„Könntest du mich nicht einfach so mögen, wie ich bin?“ Judy sagt es unter Tränen, während sie zu Scottie aufschaut. Doch dessen Blick ist ganz auf ihre Haare fixiert. Die will er ihr nämlich als Nächstes färben. Es ist die Tragik, nicht für das gesehen zu werden, was man ist, die Judy in Alfred Hitchcocks Verwechslung-Noir-Krimi „Vertigo“ von 1958 zur Sprache bringt. Doch es ist auch die Tragik, als Projektionsfläche für allerlei männliche Umgestaltungsfantasien herhalten zu müssen – ein Schicksal, das bis heute viele Frauen ereilt.

In diesen Tagen hat die Debatte darüber, wer wem genug ähnelt, bzw. welche Schauspieler welche Rollen spielen dürfen, eine neue Wendung genommen: Sollten Promis selbst entscheiden können, von wem sie in ihren Biopics gespielt werden? Die 93-jährige Kim Novak äußerte in einem „Times“-Interview ihren Unmut über das Casting der 28-jährigen Sydney Sweeney („The Housemaid“), die ihr jüngeres Ich im geplanten Film „Scandalous“ darstellen soll.

Das Biopic handelt von der damals aufgrund rassistischer Vorurteile tabuisierten Beziehung der „Vertigo“-Hauptdarstellerin zu dem Entertainer Sammy Davis Jr. Es sei „absolut falsch“, dass Sweeney sie spiele, erklärt Novak, da Sweeney „einfach immer sexy aussehe“.

Kim Novak

Nur: Kann eine Schauspielerin zu sexy für ihre Rolle sein? Ist etwa Sweeneys „i-Phone-Gesicht“ Schuld, also die für eine historische Rolle zu modernen Züge? Oder steckt hinter Novaks Ablehnung etwas anderes? Womöglich steht auch die Befürchtung im Raum, dass Sweeney nicht die Richtige ist, um einen Film über Rassismus zu promoten. Denn die Schauspielerin sorgte zuletzt mit einer Jeans-Werbung mit dem von vielen als rassistisch kritisierten Slogan „Sydney Sweeney has great jeans“ („jeans“ klingt wie „genes“, also „Gene“) für Aufregung.

Was auch immer Novaks konkrete Bedenken sein mögen, vielleicht liegt in der Tatsache Trost, dass auch sie nicht die erste Wahl für die Rolle der Madeleine war. Die ursprünglich dafür vorgesehene Vera Miles fiel wegen Schwangerschaft aus, was Hitchcock noch lange später beklagte. Die Kritiken fielen zunächst auch gemischt aus, Novaks Darbietung wurde als hölzern bemängelt. Doch inzwischen gilt der Psychothriller als Meisterwerk und einer der besten Filme aller Zeiten.

Eine weitere ironische Pointe besteht darin, dass „Vertigo“ sich an einem ganz ähnlichen Identitäts-Dilemma abarbeitet, wie es jetzt zur Diskussion steht. Denn in der Pygmalion-Variation geht es um die romantische Projektion eines Mannes, der sich eine Frau nach seinen eigenen Wunschvorstellungen erschafft, indem er sie nach dem Vorbild seiner verstorbenen Geliebten einkleidet. Später muss er erkennen, dass es sich bei der Frau tatsächlich um seine frühere Geliebte handelt, die gar nicht gestorben ist, sondern in einer gewieften Täuschungsaktion ihren Suizid nur inszenierte. Während die Lebende also mit der Toten identisch ist, ist sie trotzdem nie die gewesen, für die Scottie (James Stewart) sie hielt.

Indem nun ausgerechnet die „Vertigo“-Darstellerin, also die cineastische Projektionsfläche par excellence, über mangelnde Repräsentation klagt, macht sie sich paradoxerweise mit Scottie gemein, dem die Differenz zwischen seiner neuen und seiner verflossenen Freundin so sehr zu schaffen macht, dass er Madeleine ein zweites Mal verliert. Vielleicht sollte sich Novak ihren Film also noch einmal anschauen, bevor sie Sweeney für untauglich erklärt. Denn ebenso sehr wie „Vertigo“ ein Film über Liebe und Identität ist, ist er auch ein Film über die Schauspielerei.

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