Drama, Baby! Bei „Germany’s Next Topmodel“ war auch 2026 gerade eben wieder das berüchtigte Umstyling angesagt. Da flogen die Haare, wurde gefärbt, getönt, gestuft, geschnippelt, gelockt und verlängert. Und am Ende geföhnt. Da gab es Gekreisch, Gestöhn und auch das eine oder andere heimliche Tränlein. Denn nichts verändert uns (abgesehen vielleicht von einem Ganzgesichts-Tattoo) so sehr wie ein neuer Haarschnitt.

Radikal kurz oder üppig, kahl oder Vokuhila, dreiwettertaftfixiert oder dauergewellt, das Haar ist dem Menschen seit Jahrtausenden Spielwiese und Abenteuerparcours, Freude und Herausforderung, Schatz und Verdruss. Manche haben nie genug, andere gar keines. Haar wird verkauft, verzogen, gepflegt und heruntergelassen, es ist schmiegsam oder splissig, hat die falsche Farbe oder Textur, zwischen Schuppen, Fett und Ausfall ist es anfällig. Es wird gerupft, gezupft, epiliert, weggelasert, in Form gebracht oder darf frei sprießen.

Haar stellt auch Künstler immer wieder vor ebensolche Abbildungsherausforderungen. Es ist viel, es ist schwierig zu malen, zu schnitzen, zu gießen oder steinzuschneiden. Und natürlich ist auch die Kunstgeschichte ein getreues Abbild jeweiliger Haarmoden, von Wertschätzung, gar Fetischisierung. „Haar Macht Lust“, auf diesen Bedeutungsdreiklang trimmt jetzt die gern zwischen populären und speziellen Themen switchende Münchner Kunsthalle ihre aktuelle Ausstellung über die Auseinandersetzung mit jenem nur schwer zu fassenden Ding aus Schuppenschicht (Cuticula), Rinde (Cortex) und Mark (Medulla), das sich zu Keratin und Haarwurzel fügt.

Blondhaarige haben auf dem Kopf ca. 150.000, Rothaarige nur 85.000 Haare, hinzu kommen die Millionen am mehr oder weniger sichtbaren Restkörper, die vor Sonnenbrand schützen und die Temperatur regulieren, die wir aber eben auch als schmückend und schmeichelnd oder verdrießlich empfinden. Wir fühlen uns wohl in unserer Haut und gut mit unserem Haar. Oder eben auch nicht. Langes Haar ist ein Schatz, macht aber auch viel Pflegearbeit, geschorenes Haar hat man wegen Lausbefall oder weil man mit dem Abrasieren bestraft werden sollte, gar keines wegen männlicher Hormone oder Stoffwechselstörungen.

Sandro Botticelli: Profilbildnis einer jungen Frau, 1475 – 1480

All das haben Künstler auch dokumentiert, kommentiert und gern optimiert. In München wird solches in mehreren Abteilungen vorgeführt, an Kunstwerken von der ägyptischen Steindoppelstatue der 19. Dynastie (1292–1186 v. Chr.) mit gedrehten Locken (meist als Perücken) bis hin zu den allerneusten Musikvideos sowie drei Friseurstühlen, wo man sich selbst mit virtueller Coiffeure fotografisch verewigen kann. Machen wir das Beste aus unserem Typ! Als ob es beim Haareschönhaben nur darum gegangen wäre.

Über 200 Exponate

Statuen, Porzellan, Bilder, Schnitzereien, Fotografien, Werbedrucke, Haarkunstwerke aus falschem oder echtem Material: Von high bis low, von Qualität bis Quantität ist hier alles möglich. Haar als Zugehörigkeitsmerkmal und als politische Botschaft, als ambivalentes Rassenlehrmittel wie Verfolgungsgrund. Haar, das als Reliquie religiös verehrt wird oder das man – unter den Achseln, in der Schamgegend, an den Beinen, auf weiblicher Oberlippe – unbedingt ungesehen machen möchte, aus Prüderie oder Mode. Kaiserin Sissis in mehrstündigen täglichen Sitzungen aufwändig zu domestizierender Signature Look oder der nun seit Jahren wieder neu sprießende Trend zum Männerbart, vom Pornoschnauzer bis zur prophetenhaften Vollbehaarung, alles wird hier gezeigt und diskutiert.

Die Dragqueen-Perücke und die glaubensbedingte Verkleidung, ja Vermummung: Keine Haarausrichtung ist den Kuratoren zu quer oder zu queer. In neun Räumen, wo es um Haar und Geschlecht und politische Verwicklung, Natur und Kultur, sozialen Status oder die Ökonomie des Haars geht, werden als Kronzeugen anonyme Antiken, Kitsch und Kokolores, Handwerkliches, aber eben auch Genieträchtiges von Gian Lorenzo Bernini und Luca Giordano, Schiaparelli und Louboutain, Marina Abramović, Max Klinger, Tizian, Herlinde Koelbl und David LaChapelle, WMF, Murillo, Mucha, Botticelli, RuPaul, Thorvaldsen und August Sander präsentiert.

Nico Koster: Hair Peace. Bed Peace., 1969

Haare waren ein Statement für Marie Antoinettes immer höher sich türmenden Pouf aus über Draht gestapelten Locken, Haarteilen, Vögeln und Schiffen wie auch für die schon vor der Zeit genderfluiden Hippies in Woodstock. Die Schwarzen glätteten, um dazuzugehören, die Weißen curlten, weil Afrolook hipp war. Diese haarigen Zustände sind nicht immer rational, aber faszinierend wie abwechslungsreich komisch oder grotesk zu beschreiben und abzuschreiten.

In der Bibel wird Samson mit seiner Haarpracht von Dalila auch seine Kraft genommen, der Glauben gibt sie ihm auch gekürzt wieder, ein spanisches Adelsporträt dokumentiert unbestechlich die Schwärze über einer Herzoginnen-Unterlippe. Rapunzel lässt ihr Haar herunter, Farrah Fawcett-Majors erfreut als Charlies Engel mit ihren Goldielocks. Haar wurde als „Hair“ ein Musical-Statement, grenzte „wilde Männer“ aus und schützte die büßende Magdalena vor lüsternen Blicken. Haar wird zum Vorhang, kann aber auch enthüllen, abgeschnitten macht es Soldaten gleich, zum bunten Irokesenkamm gegelt war es Symbol des Punks.

Über 200 Exponate zeigen: Haar ist immer relevant, keinem egal. Die Sirene verführt damit, die schlangenbestückte Medusa lässt jeden, der sie erblickt, versteinern. Oder man versucht, angesichts des Zustands der Welt, wenigstens ein verzweifelt befreiendes Lachen über einen orangenen Föntuff. Und wenn nichts mehr bleibt, dann wenigstens der Bart von Conchita Wurst.

Haar – Macht – Lust, Kunsthalle München, bis 4. Oktober; Katalog 40 Euro.

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