Der Schauspieler hieß Michail Gelowani und übte den privilegiertesten und gefährlichsten Job aus, den ein Schauspieler in der Sowjetunion überhaupt ausüben konnte: Er stellte Stalin vor der Kamera dar, vom Diktator persönlich dafür ausgewählt, und damit war sein berufliches Schicksal besiegelt, denn wer eine gottgleiche Figur verkörperte, durfte auf der Leinwand nicht auch Normalsterbliche spielen. Anderthalb Jahrzehnte und 13 Filme lang gab Gelowani nichts anderes als – Stalin.

Dieses Los wird dem Briten Jude Law erspart bleiben, der jetzt mit „Der Magier im Kreml“ eine sicher bald wachsende Reihe von Putin-Darstellungen im Kino eröffnet (es gab schon eine Putin-Parodie in einem Horrorfilm). Man würde gern wissen, was Putin von Laws Darbietung hält. Gesehen haben könnte der filminteressierte Kreml-Herr den „Magier“ schon. Es gibt die Anekdote, wie der Regisseur Andrej Swjaginzew nach seinem Sieg in Venedig von Putin empfangen wurde – der den Siegerfilm „Die Rückkehr“ schon als Raubkopie in den Händen hielt.

Jude Laws Wladimir Putin steckt in einem unscheinbaren Anzug, sein Haar wird schütter, seine Augen blicken, als wollten sie einen umbringen, zuweilen erlaubt er sich ein dünnes Lächeln. Manchmal zucken seine Lippen angewidert, wenn er in seinem Gegenüber Schwäche vermutet. Besucher begrüßt er mit einem kurzen, formellen Händedruck und weist ihnen mit einer knappen Geste den Stuhl zu, den er für sie vorgesehen hat. Es ist eine radikale Darstellung von Macht. Wir sehen kein blutrünstiges Monster, sondern etwas Erschreckenderes: einen kühl berechnenden Tyrannen.

Es dauert allerdings fast eine Stunde, bevor Jude Law überhaupt auftaucht, denn der „Magier“ ist gar nicht er, sondern Paul Dano als Putins Ideengeber, Strippenzieher, graue Eminenz, auf Neudeutsch: „Spindoktor“. Im Film heißt er Wadim Baranow und ist dem Kreml-Chefideologen Wladislaw Surkow nachempfunden; fast alle Filmfiguren tragen ihre realen Klarnamen. Der „Magier“ beruht auf einem Roman des italienischen Politikberaters Giuliano da Empoli, selbst Spin-Doktor von Beruf.

Dieser Baranow ist ein Kind des postkommunistischen Russland, groß geworden in den 1990ern, der Dekade des Cowboy-Kapitalismus, als Boris Jelzin im Alkohol versumpfte und die Oligarchen ihr Vermögen rafften. Baranow feiert mit der Bohème die Nächte durch, versucht sich als Avantgarde-Theaterdirektor und übernimmt einen Reality-TV-Kanal, der dem Milliardär Boris Beresowski gehört. Beresowski hat politische Ambitionen und glaubt, den blassen Jelzin-Nachfolger manipulieren zu können. Er stellt ihm Baranow vor, der klüger ist als sein Chef und das Vertrauen Putins gewinnt, weil er die zwei Grundkonstanten der russischen Geschichte begriffen hat.

Putin (Jude Law) und Baranow (Paul Dano)

Die erste: Dein Status leitet sich nicht wie im Westen vom Besitz von Geld ab, sondern von deiner Nähe zur Macht. Die zweite: Russland ist kein „horizontales“ Land, wo alle auf der gleichen Ebene stehen, sondern ein „vertikales“, in dem ein starker Führer von oben durchregiert. Konsequenterweise wird Putin von allen „der Zar“ genannt.

Gebildet und intelligent, wie er ist, kommt dieser Baranow, wie ihn Dano spielt, als Mann ohne Eigenschaften daher. Nun ist das Chamäleonartige eine wichtige Eigenschaft von Spin-Doktoren, für eine Filmhauptfigur jedoch schädlich. Sie scheint keine Überzeugungen und keine Agenda zu haben, weder für sich selbst noch für ihr Land; manchmal verhindert sie schlimmere Exzesse ihres Meisters, doch generell ist ihr sein Wort Befehl. Danos Erzählung – alles wird aus seiner Perspektive geschildert – klingt monoton, emotionsarm, fast wie unter Hypnose. Baranow hätte ein moderner Rasputin für einen modernen Zaren werden können und hat doch bloß Rasputinchen-Format.

Regisseur Oliver Assayas („Irma Vep“, „Carlos – der Schakal“, „Personal Shopper“) dichtet Baranow eine unglaubwürdige und unnötige On-Off-Beziehung (mit Alicia Vikander als Luxuswesen) an und hüpft ansonsten zweieinhalb Stunden lang von einem Meilenstein des Putinismus zum anderen, als arbeite er eine Check-Liste ab: die Katastrophe des U-Boots „Kursk“, die Entmachtung der Oligarchen, die Tschetschenien-Kriege, die Besetzung der Krim, die Winterspiele in Sotschi, die Genese der russischen Trollfabriken. Deren Gründer, der Söldnerführer Jewgeni Prigoschin, erteilt Baranow eine Lektion in asymmetrischer Kriegsführung: Es sei gleichgültig, was die Trolle schrieben, sie seien vor allem dazu da, im Westen Verunsicherung zu säen. Diese Lektion hat Baranow bei unserem Dr. Mabuse gelernt.

„Der Magier im Kreml“ – komplett auf Englisch gedreht, was in der Originalfassung sehr irritiert, die Oligarchen haben einen Akzent wie die Geldjongleure aus dem Londoner Finanzdistrikt – gehört in die Tradition der vom westlichen Standpunkt aus erzählten Kalter-Krieg-Thriller. Die lebten davon, Grausiges aus dem Innern eines verschlossenen Reichs des Bösen zu erzählen. Die repressiven Mechanismen des neuen Russlands jedoch sind kein Rätsel mehr. Baranow hätte eine faszinierende Figur abgeben können, ein praktizierender Medientheoretiker wie Marshall McLuhan, ein Priester herzloser Machtausübung wie Trumps Lehrer Ray Cohn, ein Establishment-Zerstörer wie Steve Bannon. Stattdessen ist Wadim Baranow ein Gefäß, in dem profunde Leere herrscht.

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