Das sollte er nicht tun. Also aufs Eis steigen jetzt. Ist zwar kalt, aber die Eisfläche gibt komische Töne von sich, es will doch Frühling werden. Als wir uns trafen, war die winterliche Hauptstadt noch erstarrt vom wochenlangen Dauerfrost. Wäre auch ein ziemlich kurzer Lebensweg. Geboren im Berliner Urbankrankenhaus. Gestorben 23 Jahre später im Berliner Urbanhafen. Geschätzt 300 Meter von der Klinik weg. Dazwischen eine kuriose, schwindelerregende Schauspielkarriere.
Die Schwäne jedenfalls, die dahinten erfroren und verhungert in der Eisfläche steckten, waren schon wieder so beziehungsreich, dass man schreien möchte. Eren M. Güvercin, der in gefeierten und verrissenen Serien und Filmen Drogendealer (in „Euphorie“ auf RTL+) war und Wolfgang Amadeus Mozart (im ARD-Mehrteiler „Mozart/Mozart“), ein schwuler jüdischer Musiker im Berlin der 1930er-Jahre (in der Netflix-Doku „Eldorado“) und ein genialer heterosexueller deutsch-türkischer Bankster (in der ersten deutschen Serie von HBO), würde nämlich als Bayerns junger Märchenkönig und wagnerianischer Schwanenritter keine ganz schlechte Figur machen.
Aber so weit sind wir noch lange nicht. Güvercin lässt sich sowieso nicht dreinreden. Er geht aufs Eis. Die besorgte Vaterfrage, ob er nicht vielleicht außerdem noch zu dünn angezogen sei, beantwortet er mit: „Drei Schichten“.
Das beruhigt. Er ist gern hier, immer noch und immer wieder, obwohl er weitgehend aus dem Koffer lebt. Er kommt bei Freunden unter, die er hier noch hat. Rund um den Urbanhafen ist er zur Schule gegangen und zur Videothek, Filme ausleihen für die PlayStation. Tausende müssen das gewesen sein.
Jetzt sitzt er hier gern am Wasser bei den überlebenden Schwänen, wenn es warm ist und lernt Text, schaut Mails durch, schlendert herum (Joggen mag er nicht), schaut den Jungs beim Fußballspielen in den Käfigen zu, denkt, dass er doch mal wieder Sport machen müsste, Boxen zum Beispiel. Hört Musik. Könnte man Heimat nennen, das hier.
Er redet schnell. Offen und frei und ungeschützt. Eilig hat er es nicht. Viel ist vom Verschnaufen die Rede später. Vom Durchatmen. Vom Sichentziehen. Und vom Sichnichthetzenlassen. Ist alles schon wahnsinnig schnell gegangen und ganz anders, als er es sich mal gedacht hatte – sein Leben.
Eren M. Güvercin als Wolfgang Amadeus in „Mozart/Mozart“Eigentlich wollte Güvercin, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die ihre Familie mit Putz- und Haushaltsjobs durchbrachte, Maler werden. Er hat einen Hang zu eher brotlosen Berufen. Die Mutter hat nicht alles verstanden, was er da tat, aber alles mitgetragen, hat Leinwände gekauft und Farben und Kunststunden bezahlt. Ganz schlecht sei ihm geworden, sagt er, als er mal mitbekommen hat, wie teuer das war.
An der Schule mit Kunstschwerpunkt, auf die er dann ging, wurde aber eher nicht gemalt. Da ging es um Performances und Theater. Und ein Pilotprojekt für den Imagewechsel von Brennpunktschulen. Da gab es dann Projekte mit dem HAU, dem alternativen Theater Hebbel am Ufer. Dann spielte er am Deutschen Theater.
Vom Schauspielen sei er ein bisschen gekidnappt worden, sagt Güvercin. Am Anfang habe das schon was von erlaubtem Schuleschwänzen gehabt, sagt er. Aber dann hat er am Deutschen Theater die Hauptrolle in Nora Schlockers Inszenierung von Peter Høegs „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ gespielt. Führte Regie am HAU mit Schülerinnen und Schülern.
Türkenquotenhype kann er nicht leiden
Allmählich entwickelte er allerdings, sagt er, eine Abneigung gegen das Altwerden am Theater, gegen das Apolitische am DT, gegen das absehbare Eingeengtwerden. Da war er noch nicht mal im Führerscheinalter. Krasse Sachen habe er da gelernt, er möchte das gar nicht missen. Nur hat er auch da schon gespürt, was ihn bis heute gern verjagt: dass da so ein Türkenquotenhype am Werk war, den er nicht leiden kann. Fragen nach seiner Identität machen ihn müde. Obwohl sie sich natürlich kaum vermeiden lassen.
Dass er da ist, wo er ist, verdankt sich weniger seiner Queerness oder seines Deutsch-Türkentums. Es ist einfach etwas da, wenn er an ein Set kommt, etwas, das Projekte verändert. Aber wir sind abgeschweift.
Jedenfalls kam das Casting für die „Funk“-Serie „Druck“ gerade zur rechten Zeit. Wäre auch beinahe schiefgegangen, weil er die Einladung wochenlang ignoriert, für Spam gehalten hatte. Dann hat er halt was eingeschickt.
Zwei Tage später kam eine Antwort, zwei Wochen später war er Isi, non-binär, bisexuell. Eigentlich saß er von da an in einem Aufzug, der seitdem immer nur nach oben fuhr. Die Zeiten, als man ohne Abschluss bei einer der Schauspielkaderschmieden Ernst Busch in Berlin oder Falkenberg in München keinen Fuß in die Tür für Theater und Film bekam, sind – zum Glück für Eren M. Güvercin – vorbei.
Drei Schichten sind irgendwann dann doch nicht genug. Es weht ein bitterer Wind übers Eis. Weihnachtsbäume liegen im Wasser. Wir gehen an die Ecke zum „Milchmädchen“. Muffins gibt es und selbstgebackenen Kuchen zum Milchkaffee.
„Wenn ich nicht gesehen werden will“, sagt Eren M. Güvercin auf der herrlich ausgesessenen Bank, „werde ich nicht gesehen.“ Noch klappt das sogar. Reichen die Brille und die drei Schichten Klamotten.
Und dann hatte er das Geld. Nach „Druck“ war das. Im Sommer. Die Serie hatte er gedreht, da war er noch auf der Schule. Eigentlich. Und doch frei. Musste nicht mehr zwangsläufig die Schule beenden und irgendwas studieren (Philosophie wäre es gewesen oder Soziologie, irgendwas Brotloses halt). Hätte tun können, was er immer vorgehabt hatte. „Ein Atelier mieten, Bilder malen. Und chillen.“
Keine Zeit für Schauspielschule
Die Schule hat er dann abgebrochen. Er muss nachher noch einmal hin, sein Abschlusszeugnis holen, hat er irgendwo verloren. Für Schauspielschule war keine Zeit. Eine Hauptrolle nach der anderen wurde ihm angetragen. Er kam sich vor wie in einem Fleischwolf und hat erst mal viel abgesagt. „Da war ich schon ein bisschen Diva“, sagt er.
Weil ihm die Sachen nicht behagten. Weil die Figuren nicht passten. Weil er Kunst machen wollte. Relevantes. Politisches. Was sichtbar machen von Queerness, vom migrantischen Leben in Deutschland. Den „Tatort“ hat er abgelehnt. Dreimal vielleicht. Zu absehbar, die Geschichten. Kann man ja immer noch machen, wenn man im DT-Alter ist. Die Tischplatten in der Agentur, die er irgendwann hatte, müssen immer noch Bissspuren haben vom Frust über Erens Absagen.
Dass er aus einer extrem privilegierten Position spricht, ist ihm klar. Er kann es sich leisten, Drehbücher anzuschauen, mit den Kreativen zu reden und dann zu entscheiden. Im Moment wollen ihn alle.
Es war nicht einfach mit Fatih Akin
Gerade hat er mit Fatih Akin gearbeitet. „Geister“ heißt der Film. Kommt im Verlauf des Jahres in die Kinos. Güvercin ist da Faris, der in seinen Träumen Farasha begegnet, 20 Jahre alt, schön, aber leider schon gestorben. Eine übersinnliche Liebesgeschichte. War nicht einfach mit Fatih Akin, sagt Güvercin. Viel gelernt habe er. „Aber es war nicht einfach, für ihn, mich zu führen, für mich, mich führen zu lassen.“ Hat dann aber, wie es das doch meistens tut, gepasst.
Es hat, sagt er, immer was Erotisches, wenn das passiert, wenn es funkt zwischen Regie und ihm. Voraussetzung ist aber „eine Sprache, derselbe Geschmack mit dem Team“. Privilegierte Position halt.
Eren M. Güvercin in der HBO-Serie „Banksters“Eine gewissermaßen babylonische Identitätenverwirrung, die man in ihm und um ihn annehmen könnte – queer, türkisch, deutsch –, hat vielleicht manchem im Weg gestanden, will er aber nicht grundsätzlich annehmen als Grund, ihn nicht zu verpflichten. Da habe es schon Signale gegeben. Aber: „Es ist immer ein Kampf um Projekte“, sagt er.
Der ist für queermigrantische Deutsche leichter zu gewinnen als früher, könnte aber wieder komplizierter werden, wenn der Zeitgeist, was er augenscheinlich gerade tut, in die rechte Ecke bläst. Eren M. Güvercin bleibt ruhig. „Ich werde nicht nervös“, sagt er. Es geht am Ende, sagt er – schon sehr preußisch –, doch vor allem darum, zu überzeugen, zu beweisen, dass man genau der ist, der liefern kann, was gerade gebraucht wird.
Kann er gut. Hat inzwischen mehr Sicherheit, weil er all das im Rücken spürt, was er schon gemacht hat. Was für ihn gut ging, selbst wenn es – wie im Fall von „Mozart/Mozart“ – für den ganzen Rest des Teams nicht gut ging, wenn es Watschen in den Medien und den sozialen Netzwerken gab wie noch für kaum eine zumindest deutsche Serie.
Güvercin erdet sich damit, dass er sich der Schauspielerei und vor allem dem Drumherum gar nicht so sehr aussetzt. Sich das Business vom Leib hält. Die Berlinale hat er diesmal komplett geschlampt. Partygänger ist er eh nicht, sagt er. Ist er halt daheim am Urbanhafen geblieben. Die Tische in der Agentur hatten vermutlich am Ende ein paar Bissspuren mehr.
Malen tut er übrigens immer noch. Auf Leinwänden und in Rollentagebüchern. In die trägt er ein, was ihm zu einer Figur durch den Kopf gegangen ist. Schreibt, malt Bilder, macht Collagen, stellt Playlists zusammen. Songs zum Beispiel helfen enorm dabei, einen Singsang zu finden. Was die Wege aus der Welt und in die Welt der Geschichte, in eine Figur verkürzt vor jedem Drehtag, die Stimme vorbereitet auf die Tonlage des Films.
Im Moment hört er Swing, wenn er um den Urbanhafen schlendert. Sehr schön, sehr entspannend. Güvercin hat gerade nichts zu tun, keine Serie, keinen Film zu verkaufen. Kann er selbst sein, für sich. Chillen, lesen, malen. Da geht er jetzt hin in den Tag. Es könnte ja Frühling werden.
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