Alle Jahre wieder tritt auch die Gay-Community heraus. Nicht zum 1. Mai, sondern meist im Juli. Aber auch, wie die Arbeiter, um an ihre Rechte zu erinnern. Dann wälzt sich die Parade zum Christopher Street Day (CSD) durch die Straßen. Doch wie kam es dazu, dass sich ein solcher Demonstrationstag in der gesamten westlichen Welt etablieren konnte? Wo liegt die Christopher Street? Wofür steht sie? Das ist mit Sicherheit nicht jedem Schaulustigen bewusst.
Thomas Sparr schafft Abhilfe: Der ehemalige Geschäftsführer des Suhrkamp-Verlags, der sich als Lektor, aber auch als Autor von Büchern über Tel Aviv, Paul Celan oder Anne Frank einen exzellenten Ruf erworben hat, ist jetzt den Anfängen der homosexuellen Emanzipationsbewegung, in deren Tradition der CSD steht, nachgegangen. Dafür reiste er in bester Feldforschungsmanier mehrmals nach New York ebenda beginnt diese Emanzipationsgeschichte.
Die Christopher Street liegt im Greenwich Village von Manhattan. Aus einem ehemaligen Pferdestall hervorgegangen, steht mit der Hausnummer 53 hier die Stonewall Bar. Ihr zur Seite erinnert inzwischen ein Memorial an die „Stonewall Riots“, den Aufstand also, der dort in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 losging. Es war, wie wir nun erfahren, eine spontane Aktion, besser gesagt eine Geste der Empörung.
Die „dritte Bürgerrechtsbewegung“
Die Stammgäste dieses Lokals, überwiegend noch halbe Kinder, Stricher, Transvestiten, zumeist aus dem afro- oder lateinamerikanischen Prekariat, hatten die ewigen Razzien satt. An jenem Abend waren wieder Polizeibeamte gekommen. Schon ging es los mit „Hände hoch!“ und „Papiere her!“. Aber dieses Mal setzten sich die Gedemütigten zur Wehr. Aufgewühlt wohl auch vom Begräbnis Judy Garlands – der amerikanischen Schwulenikone unter den Sängerinnen jener Jahre – einen Tag zuvor schlugen sie zum ersten Mal zurück.
Oh Wunder, sie mobilisierten nicht nur ungeahnte Kräfte. Sie konnten auch Menschen aus der Umgebung anstacheln. So wurde es für die Polizei ziemlich brenzlig: 1000 Protestierende formierten sich. Die Situation eskalierte. Die Staatsmacht zog sich zurück. Das alles war eher Spuk als revolutionärer Akt. Aber er passte in die Zeit. Jedenfalls etablierte sich binnen kurzem der Begriff „Stonewall Riots“. Sie galten nun als „dritte Bürgerrechtsbewegung“ – und in einem Land, in dem Homosexuelle damals teils drakonische Strafen zu erwarten hatten (in Nevada, Colorado, Georgia lebenslängliche Gefängnishaft), war in der Christopher Street der Anstoß für eine Emanzipationsbewegung der Gleichgeschlechtlichen gegeben.
Thomas Sparr hat Protagonisten der Juninacht zu ihren Motiven befragt. Der Tenor lässt sich so zusammenfassen: Diese Menschen vom äußersten Rand der Gesellschaft hatten nichts zu verlieren. Daher wagten sie den Widerstand. Und nun kommt eine kühne These des Autors: Mit ihren „Stonewall Riots“ hätten diese „Misfits“ auch die deutsche Emanzipationsbewegung ausgelöst.
In der Tat: Eine gewisse Gleichzeitigkeit ist gegeben. Mit den „Septembergesetzen“ trat in der Bundesrepublik im Herbst 1969 eine Liberalisierung des Paragrafen 175 in Kraft, der bislang noch in der von den Nazis verschärften Fassung von 1935 gültig war. Daher hatte es in der Ära Adenauer mehr juristische Verfahren gegen schwule Männer gegeben (lesbische Frauen waren nie betroffen) als im „Dritten Reich“.
Die Christopher Street am 26. Juni 1977Aber diese Liberalisierung hatte einen langen Vorlauf. Man kann bei Benno Gammerl in seiner hervorragenden Studie „Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute“ von 2023 nachlesen, wie unermüdlich und über Jahrzehnte hinweg deutsche Wissenschaftler, Publizisten und Politiker sich für die Reform des Paragrafen 175 eingesetzt haben. Nicht zuletzt war es ein amerikanischer Professor, Robert Beachy, der in seinem aufsehenerregenden Buch „Das andere Berlin“ 2014 darauf hinwies, dass der Kampf für die Gleichstellung der Homosexuellen eine „deutsche Erfindung“ aus dem 19. Jahrhundert sei und damit weltweit wegweisend.
„Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen“
Naturgemäß (wir befinden uns in Deutschland) gab es hierzulande nie einen Aufstand. Die „verspätete Nation“ hat in juristischer Hinsicht auch erst spät ihre Homosexuellen so behandelt, wie sie es mit Recht erwarten konnten. Insofern ist Sparr zuzustimmen, wenn er schreibt, die Nazi-Zeit habe für Homosexuelle erst 1969 aufgehört. Doch die unglaubliche Erfolgsgeschichte homosexueller Sichtbarkeit in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert fällt im Buch unter den Tisch. Das ist die Krux bei einer Periodisierung der homosexuellen Emanzipation, die deren Anfangspunkt erst 1969 setzt.
Was den Autor des Buchs interessiert, sind die Impulse, die sich deutscherseits auf die „Stonewall Riots“ beziehen oder mit ihnen in Verbindung gebracht werden können. Das ist nicht viel, aber einiges gibt es. Ob das bereits für die aus der APO hervorgegangenen Initiativen der 1970er-Jahre zutrifft, die zu schwulen Verlagen, Buchläden, Theatergruppen führten, mag man allerdings bezweifeln; die USA standen in diesen Kreisen nicht eben hoch im Kurs. Wer hingegen immer wieder auf ihr Vorbild verwies, war der kürzlich verstorbene Aktivist und Filmemacher Rosa von Praunheim.
Zunächst durch den 1971 im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Da wurde nicht so sehr die heteronormative Mehrheitsgesellschaft angeklagt, sondern den Schwulen ordentlich eingeheizt. „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen“, lautete die Devise, will sagen: Zeigt euch endlich, nehmt eure Sache selbst in die Hand.
Ebenfalls wichtig: Praunheims Dokumentation „Armee der Liebenden. Aufstand der Perversen“. Die brachte 1979 ein Stück Amerika nach Deutschland. Hier wurde nicht nur gezeigt, wie kraftvoll die „Gay Rights“-Bewegung sich seit den „Stonewall Riots“ entwickelt hatte, sondern auch ein neues schwules Männerbild präsentiert, das sich von den Latzhosenträgern und „Bewegungsschwestern“ mit Wischmob-Frisur abhob, die die (kleine) Gemeinde politisierter Schwuler hierzulande dominiert hatte. Für die homosexuelle Selbstpräsentation begannen mit den Einflüssen aus Amerika tatsächlich die 1980er-Jahre. Um es auf Berlin zu beziehen: Jetzt löste „Tom’s Bar“ in der Motzstraße als place to be das gleichfalls in Schöneberg gelegene Café „Anderes Ufer“ in der Hauptstraße ab. Ein echter Fortschritt!
Praunheim war auch darin amerikanisch beeinflusst, dass er vehement fürs Outing stritt. Als 2001 der SPD-Kandidat für den Posten des Regierenden Bürgermeisters in Berlin, Klaus Wowereit, einem Outing durch die „Bild“-Zeitung zuvorkam, indem er die berühmt gewordenen Worte sprach: „Ich bin schwul. Und das ist auch gut so“, löste er tatsächlich eine Welle der Selbstoffenbarung, nicht nur von Politikern, aus. Hier haben wir vielleicht wahrlich ein (spätes) Echo der „Stonewall Riots“.
LGBT-Parade in New York City 1971Besonders interessant wird es, wenn Sparr sich literarischen Zeugnissen widmet, die als emanzipatorisch gelten können. In dieser Hinsicht ist der Hamburger Schriftsteller und Ethnologe Hubert Fichte (1935–1986) einschlägig. Nicht so sehr seiner bizarren „Geschichte der Empfindlichkeit“ wegen, die in ihrer Glorifizierung der „Dritten Welt“ spätmarxistischen Klischees huldigt, sondern wegen seiner avantgardistischen frühen Romane wie „Versuch über die Pubertät“ oder „Detlevs Imitationen ,Grünspan‘„. Fichte stand mit seinem Faible für Verbrecher und Underdogs klar in der Nachfolge französischer Bourgeoisiekritik eines Jean Genet. Und er plädierte für etwas, das er die „Verschwulung der Welt“ nannte. Nun ja.
Sprachlich eine Nummer kleiner, dafür sexuell zur Völlerei neigend war wiederum der eher konventionelle Erzähler Horst Bienek (1930–1990), mit seinen wunderbaren Schlesien-Romanen älteren Lesern vermutlich noch ein Begriff. 2025 wurden aus dem Nachlass seine Tagebücher publiziert. „Es gibt in der deutschsprachigen Literatur kein vergleichbares Werk“, findet Sparr. In der Tat: So wie Bienek sich mit Penissen, Poppers, Bruckner-Sinfonien und Wagner-Opern zudröhnte (alles am liebsten gleichzeitig), orgelt kein anderer deutscher Schriftsteller. Nach jedem Orgasmus das Finale aus „Tristan und Isolde“ – und zwar in voller Lautstärke! Bürgerliche Homos legten damals noch eher das gedämpft kammermusikalische „Siegfried-Idyll“ auf für die Zigarette danach. Doch ob dieses Tagebuch als „Roman einer ganzen Generation von schwulen Männern“ bezeichnet werden kann? Schön provozierend ist es natürlich schon.
Wie auch immer: Die homosexuelle Kulturgeschichtsschreibung steckt in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Insofern ist jeder Beitrag willkommen. Dieser ist besonders anregend, sogar streitbar, weil er bis in die jüngste Gegenwart reicht.
Thomas Sparr: „Come out! Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte“. C.H. Beck, 200 Seiten, 24 Euro.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.