Popstars denken jetzt in „Eras“, wussten Sie’s? Das sind sauber abgezirkelte Zeitabschnitte im jeweiligen Werk, die sich erheblich voneinander unterscheiden. Die Era überstrahlt dabei die künstlerische Identität, sie ist Story und Marketingtool zugleich. Die Meisterin der Era ist Taylor Swift, aber auch Charli XCX oder Beyoncé beherrschen das Spiel mit immer wieder neuen Handlungssträngen. Oft erinnert das an Netflix-Serien, die sich ja auch bei gleichbleibendem Personal um eine möglichst spannende, möglichst eigene Geschichte bemühen.

Ein Kapitel aus Holly Humberstones neuer Era war vor einigen Wochen in Berlin zu beobachten. An einem Dienstagmorgen gegen elf Uhr stand die Britin da vor der versammelten Belegschaft ihrer Plattenfirma in einem Berliner Neubau und spielte einige Songs aus ihrem neuen Album „Cruel World“. Das ist normalerweise eine recht undankbare Aufgabe. Zwar darf man davon ausgehen, dass sich Mitarbeiter eines Labels für Musik interessieren – aber vormittags? Nach einer Betriebsversammlung? Bei Tageslicht und in einem sterilen Neubau? Das Verblüffende: Es ging auf. Nur von einem Musiker begleitet, brachte sie die vielleicht hundert Anwesenden erst zum andächtigen Schweigen, dann mit ein paar Anekdoten zum Schmunzeln und schließlich zum frenetischen Applaudieren.

In den vergangenen zehn Jahren arbeitete die 1999 geborene Sängerin sich langsam und beharrlich in jene Sphären der Popmusikindustrie hoch, in denen man Eras hat. Sie veröffentlichte ein paar Singles, gewann 2022 den Brit Award als „Rising Star“, trat in den Shows von Jimmy Fallon und Jools Holland auf. 2023 erschien das Debütalbum „Paint My Bedroom Black“, dessen Titel den Kern traf: Humberstone berichtete in recht dramatischen, gleichzeitig aber intimen Songs von der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenalter.

Dabei stammt sie nicht etwa aus London. Sie wuchs als eines von fünf Kindern im ländlichen Lincolnshire auf, ihre Eltern arbeiten als Ärzte beim Gesundheitsdienst NHS. Wer sich in derlei Landstrichen für Livemusik interessiert, muss sie schon selbst machen. Als Teenagerin schrieb sie also ihre ersten Songs, 2017 wurde sie bei einem Talentwettbewerb der BBC entdeckt.

Man hört diesen langen Weg in ihrer Kunst, er manifestiert sich in einer angenehmen Bodenständigkeit. Bisweilen meint man ihn sogar zu sehen, etwa im Video zum Titelsong dieses Albums: Das ist inszeniert wie die Aufführung einer lokalen Theatergruppe, die unter einer empfindlichen Budgetbeschränkung zu leiden hat. Die Bäume des Bühnenbildes sind mit Alufolie eingeschlagen, die meisten Requisiten bestehen aus Pappe, bei Szenenwechseln muss Humberstone selbst die Kulissen verschieben. Was gespielt wird? Schwer zu sagen. Könnte Shakespeare sein, aber auch eine Adaption von „Wuthering Heights“, umweht Humberstones Schaffen doch seit jeher eine gewisse Brontë-Haftigkeit.

Spaß haben immer nur die anderen

Die ist auf diesem Album ein durchaus willkommener Seitenstrang. Denn wo bisher das Sentiment von Indie-Künstlern wie Phoebe Bridgers oder Damien Rice aus Humberstones Musik tropfte, scheint im Material der neuen Era das Stadion mitgedacht. Neue Songs wie das überlebensgroße „To Love Somebody“ oder „White Noise“ kommen mit großen Refrains und jenem identitätsstiftenden Schmelz daher, den man von Olivia Rodrigo kennt. An anderer Stelle führt ihr Talent für die kleine, fies angespitzte Textzeile direkt zu Taylor Swift, für beide spielte sie bereits im Vorprogramm.

Beschwingt wird es selten: Zwar verleiht dem Titelsong ein luftiger Groove eine tanzbare Textur. Aber schenkt man auch dem Text Aufmerksamkeit, wird deutlich: Es ist nicht Holly Humberstone, die hier Spaß hat, es sind die anderen. „Everybody’s getting close, taking off each other’s clothes, I wonder where you are tonight“, singt sie gedankenverloren.

Die Discokugel dreht sich bei Humberstone eben in erster Linie über den Abgründen. Ihre Songs mögen nicht mehr nach dem Jugendzimmer klingen, sondern nach einer Nacht auf der Piste. Aber, und das ist ein wichtiges Aber: Es ist deren Kleinstadtvariante, die einem hier in den Sinn kommt, und die fatalistische Stimmung, die im mäßigen, aber einzigen Club der Stadt ein, zwei Stunden vor Sperrstunde herrscht, wenn klar ist, dass das mit der großen Liebe an jenem Abend nichts mehr wird und die ohnehin nur betrunken erträgliche Alternative schon im Taxi nach Hause sitzt.

Gleichzeitig steckt in dieser Verzweiflung eine wichtige Erkenntnis: All die Pein ist nötig auf dem Weg zum Glück, denn nur, wer die Dunkelheit gesehen hat, wird das Licht wertschätzen können.

Das passt. Wenn Humberstone in „Die Happy“ schmachtet, wie schön es doch wäre, gemeinsam mit dem Liebsten bei einem tödlichen Autounfall „das Armaturenbrett zu küssen“. Das erinnert an die Großmelancholiker The Smiths und ihr „There Is A Light That Never Goes Out“. Mit dem feinen Unterschied, dass der Miserabilismus hier nicht von traurig dengelnden Indiegitarren, sondern von Chören und einem fast weihnachtlich anmutenden Keyboard flankiert wird. Denn auch nah am Abgrund darf es glänzen.

„Cruel World“ ist bei Universal Music erschienen.

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