Die Geschichte der Malerei, so könnte man behaupten, lebt von der Spaltung. Womöglich gab es schon in der Frühsteinzeit Künstler, denen die Zeichnungen von Lascaux zu steif waren, zu konventionell, zu akademisch; also zogen sie aus der gemeinsamen Unterkunft aus und gründeten in der Nachbarhöhle ihren eigenen Ausstellungsort. So ging es munter durch die Kunstgeschichte weiter: Die Maler der italienischen Renaissance spalteten sich von den Künstlern des Mittelalters ab, die Impressionisten sowie die Wiener Sezession von der akademischen Malerei, es war eine heftige Zellteilung nach der anderen.
1977 – in einem Jahr, in dem New York kurz vor dem Bankrott stand – gründete Marcia Tucker in New York dann das New Museum. Ursprünglich handelte es sich um eine Abteilung der New School, einer Universität, die von den Nazis verfolgten linken jüdischen Akademikern eine neue Heimat bot; und Marcia Tuckers Idee war nichts anderes als radikal. Sie wollte, dass ihr New Museum alle zehn Jahre seine alten Bestände entsorgt wie Gerümpel; sie wollte, dass vor allem neue Künstler ausgestellt werden, die noch keinen Namen haben. Das zweite Prinzip wurde voll und ganz verwirklicht, das erste nie; allerdings ist das New Museum bis heute eine Institution, die keine Kunst sammelt.
Lange wohnte das New Museum bei anderen zur Miete. Im Dezember 2007 erhielt es endlich sein eigenes Gebäude: ein sieben Stockwerke hohes Hochhaus an der Bowery Street, in einem ansonsten ziemlich öden Viertel im Süden von Manhattan. Das Gebäude – es wurde von der japanischen Architektenfirma SANAA errichtet – sieht aus wie Kisten, die unordentlich aufeinander getürmt wurden; es wurde sofort zu einem Wahrzeichen, das Magazin „Condé Nast Traveller“ ernannte es gar zu einem architektonischen Weltwunder.
Liebesbedürftiges Glashaus
Allerdings hatte dieses Weltwunder Tücken: Drinnen war es im Sommer stickig, für das geneigte Publikum gab es nur einen furchtbar trägen Lastenaufzug, sportlichere Naturen nahmen stattdessen viel zu schmale Treppen. 2024 machte das New Museum erstmal zu. Doch jetzt hat es wieder geöffnet: Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu haben dem New Museum einen Seitentrakt verpasst. Von außen gesehen, schmiegt dieser Trakt sich an das Kistengebäude wie ein extrem liebesbedürftiges Glashaus, dem vorn eine Fase ausgesägt wurde; dadurch ist vor dem Museum so etwas wie eine Miniaturpiazza entstanden. Drinnen fällt vor allem auf, dass jetzt zusätzlich zu den Aufzügen eine schön breite Treppe in Windungen nach oben führt. Ansonsten merkt man – rein gar nichts. Das neue Gebäude geht ohne Naht ins Alte über. Es gibt jetzt einfach mehr Platz und mehr Licht. Anders gesagt, der Neubau löst genau die Probleme, die er lösen sollte. Kann es ein höheres Lob geben?
Neue Aufstiegschancen: Das New Museum hat jetzt auch eine funktionale TreppeWas aber ist in diesem neuen New Museum zu sehen? Eine Ausstellung, die sich über drei Stockwerke erstreckt, von einem Rudel Kuratoren unter Führung des Italieners Massimiliano Gioni bestückt wurde und Werke von mehr als 150 Künstlern unter einem Dach vereint; ihr Name lautet „Neue Menschen“, Untertitel: „Erinnerungen an die Zukunft“. Wie es sich für das New Museum gehört, stehen hier Skulpturen, denen man ein großes Publikum wünscht, neben absolutem Schrott, und an den Wänden hängen farbenfrohe Scheußlichkeiten neben großer Kunst. Natürlich wird in den Legenden, die die Kunstwerke erklären oder wenigstens einordnen sollen, die hochgestochenste linksradikale Theorie zitiert, und es wird auf Größen wie Deleuze, Guattari, Lacan e tutti quanti verwiesen. (Wer, um des lieben Himmels willen, schreibt diese Texte, die laut nach Parodien schreien?) Beim Schlendern durch die Ausstellung wird augenfällig, dass es sich bei der zeitgenössischen Kunst um eine Unterabteilung der Filmindustrie zu handeln scheint, genauer: um eine Abteilung des Science-Fiction- sowie des Horror-Genres.
So stehen in einem Raum lauter Cyborgs, Roboter ungeheuer beisammen: der berühmte gläserne Mensch – eine Leihgabe des Hygienemuseums in Leipzig –, ferner eine triumphal joggende Roboterlady von Shikeho Kubota und ein blondes Mädchen von Andro Wekua, das mit schwarzen Drähten an den Strom angeschlossen wurde; eine Glasplatte unter dem Kinn hebt das Androidenmädchen vom Fußboden hoch, von Zeit zu Zeit zuckt es unangenehm mit dem Finger. Daneben spult ein menschgewordener Fernseher von Meriem Bennani unaufhörlich Zeichentrickfilme ab und biegt sich dabei vor Lachen; an der Seite lauert schwarz, glänzend und augenlos das bekannte Alienmonster von H. R. Giger. Über dem Eingang aber hängt rücklings ein monströs gutgelaunter roter Skelettjunge aus Plastik von der Decke, den sich Jordan Wolfson ausgedacht hat. Und irgendwie befinden wir uns – entgegen dem Anschein – wohl doch im Garten Eden. Denn über den Teppich bewegt sich tückisch eine mechanische Schlange von Pamela Rosenkranz.
Viel Verstörendes, viel Gewagtes
Auf das Eiland des Dr. Moreau, der (siehe den Roman von H. G. Wells) Tiere zu Menschen umoperierte, gelangen wir in einer Videoinstallation von Pierre Huyghe: Der Künstler hat einem dressierten Makaken eine japanische Mädchenmaske übergezogen und gefilmt, wie das Tier auf zwei Beinen durch eine von Gott und allen guten Geistern verlassene Küche tappt. Wir sehen das dunkle Fell, wir sehen das starre Mädchengesicht und sind ziemlich verwirrt. Ganz ins Reich des bösen Märchens geraten wir mit einer Installation von Cato Ouyang: Da kauert eine Gestalt mit rückwärtsgewandtem Tierschädel über einem Brunnen, und auf dem Brunnenrand liegt eine Mumienfrau, der die Eingeweide aus dem Bauch quellen, und die Tiergestalt sticht der Mumienfrau mit einem Messer ein Auge aus.
Das New Museum mit dem neuen Anbau (r.)Nicht einmal die Bilder an den Wänden bringen Erlösung von dem Albtraum: Auf dem Gemälde „Lieben“ von Miriam Cahn umarmt zwar eine schwarze Gestalt eine weiße Gestalt, aber beide grinsen dermaßen breit, dass es schon wieder unheimlich wird. Warum sehen die beiden Gestalten wie Gespenster aus? Wohnen wir hier einem Liebesakt oder einer Vergewaltigung bei?
Viel Verstörendes also, viel Gewagtes. Misslungen ist ausgerechnet jener Teil der Ausstellung, der sich dem Faschismus widmet: In der Mitte des Raumes hat ein Videokünstler, dessen Name uns leider entfallen ist, den berühmten „Hausengel“ des Max Ernst auf einen Propeller projiziert – in der Art jener Air Dance, die oft zu Werbezwecken am Straßenrand im Wind flattern. Bei Max Ernst wirkt der Hausengel bedrohlich; hier wirkt er wie ein Opfer, man möchte dem armen Flatterwesen, das den Lüften hilflos ausgeliefert ist, gern zu Hilfe eilen. Hinten steht eine der weniger gelungenen Installationen von John Heartfield und George Grosz („Der wildgewordene Spießer“), mit der die beiden sich keineswegs über den Faschismus, sondern über die Weimarer Republik lustig machten. Rechts an der Wand hängen schwarz-weiße Passfotos von Juden, die August Sander seinerzeit angefertigt hat, um ihnen zur Ausreise aus Nazideutschland zu verhelfen. Bitte, was soll das? Wer, der das hier gesehen hat, kapiert etwas über das Wesen rechter Diktaturen?
Im obersten Stockwerk der Ausstellung schimmert dann so etwas wie Hoffnung durch. Das Thema ist „Städte“, und so steht hier auch einer der utopischen Stadtentwürfe, die der liebenswerte Bodys Isek Kingelez angefertigt hat: ein menschenfreundlicher Traum aus buntem Plexiglas, Wohnanlagen und Hochhaustürmen, die niemand je bauen wird. Allerdings schwebt just in dem Moment, in dem wir dieses Utopia bestaunen, von oben ein Dingsbums heran, ein fliegender durchsichtiger Tintenfisch mit Blinklichtern und fünf zuckenden Tentakelarmen untenan, den sich die Koreanerin Anika Yi ausgedacht hat. Alienalarm! Allerdings kann es sein, dass wir hier wieder einmal etwas gründlich missverstanden haben, denn das Kunstwerk, das von zwei Museumswärterinnen handgesteuert und mit Helium betankt wird, heißt „In Love With The World“. Mit anderen Worten: Vielleicht sind die Aliens ganz lieb und tun nichts.
Zu guter Letzt muss gemeldet werden, dass Lisa Phillips, die Museumsdirektorin, sich in diesem Herbst pensionieren lassen wird. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wurde noch nicht bekannt gegeben. Klar ist aber dank dieser Ausstellung schon jetzt, dass das New Museum seinem Auftrag treu bleibt, Schutt und Schund und große, verstörende Kunst in einem Gebäude zu vereinen.
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