Unsere Gegenwart ist besessen von Biografien. Der Megatrend der Biopics im Kino zeugt ebenso davon wie der Boom von Prominenten-Autobiografien, der auf der Seite von Unternehmern, Popstars oder Politikern dem schier unaufhaltsamen Drang zur Verschriftlichung des eigenen Lebens entspricht. Auch von historischen Epochen wird neuerdings sehr erfolgreich anhand von Lebensgeschichten aus der Schlüssellochperspektive erzählt. 

Muriel Sparks Roman „Vorsätzlich Herumlungern“ nimmt sich die Mode der autobiografischen Selbstverewigung mit satirischer Energie zur Brust. „Loitering With Intent“ erschien im Original 1981, ein Jahr später bei Diogenes auf Deutsch, übersetzt von Hanna Neves. Ironischerweise ist vieles in diesem Buch, das 1949/50 in London spielt, selbst stark autobiografisch.

Die Hauptfigur ist Fleur Talbot, eine junge, ledige Frau, Anfang 30, die an ihrem ersten Roman schreibt und einen Brotjob als Sekretärin bei dem Adeligen Sir Quentin Oliver annimmt. Der hat eine Art Geheimbund gegründet, die „Autobiografische Gesellschaft“, der einige skurrile Exemplare der britischen Oberschicht angehören. Ziel ihrer Zusammenkünfte, denen Fleur beiwohnen muss, ist ein Archiv aus Lebenserinnerungen. Bald wird sie zur Ghostwriterin, die die todlangweiligen Erinnerungen an ein Leben im Kolonialdienst oder als Geistlicher mit erfundenen, kolportagehaften Anekdoten anreichert. „Überarbeitete“ Fassungen, die im Kreis der Hobbyautoren besser ankommen als die Originale. 

Kompliziert wird die Sache, als Fleurs eigenes Romanmanuskript in Sir Quentins Hände gerät und der sie verdächtigt, ihn selbst und die Gesellschaft darin zu porträtieren oder gar zu karikieren. Tatsächlich scheint die Handlung des Romans das Schicksal mancher Figuren vorwegzunehmen, vor allem aber entlarvt Fleur Sir Quentin als einen gefährlichen Manipulator, der per Lebensdeutungshoheit Macht über seine Mitmenschen gewinnen will. Ein Vexierspiel zwischen Fiktion und Realität, in dem unentscheidbar wird, wer welchem Skript folgt. „Das Leben schreibt die seltsamsten Romane“, so ein Wahlspruch von Sir Quentin.

Die Schottin Spark (1918–2006) war, spätestens seit „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ von 1961 (Maggie Smith erhielt für ihre Hauptrolle in der Verfilmung 1969 einen Oscar), eine der bekanntesten und beliebtesten Schriftstellerinnen Großbritanniens. Hierzulande ist Spark inzwischen etwas in Vergessenheit geraten. In ihrer Heimat wird sie gerade wiederentdeckt, auch durch die Edition ihrer Briefe und eine neue, brillante Biografie von Frances Wilson („Electric Spark“, Bloomsbury, 2025). In diesen Tagen erscheint eine weitere Biografie von James Bailey („Like a Cat Loves a Bird: The Nine Lives of Muriel Spark“ bei Spectre). Sehr gut möglich, dass dieser Autorin und ihrer ganz eigenwilligen Poetik weiblichen Erzählens demnächst auch im deutschsprachigen Raum eine Renaissance bevorsteht.

Frances Wilson deutet Sparks eigenes Schreiben auch als Versuch, ihre Lebensgeschichte zu mystifizieren und sich so biografischen Deutungen zu entziehen. „Vorsätzlich Herumlungern“, unter bestimmten Umständen ein Straftatbestand, wird im Roman zum Lebensideal: Mit voller Absicht ziellos sein – die Definition des Schriftstellertums.

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