In der französischen Verlagswelt herrscht helle Aufregung: 115 Schriftsteller haben aus Protest gegen die vermutete Einflussnahme des politisch rechts stehenden Geschäftsmannes Vincent Bolloré den kollektiven Abschied aus dem renommierten Grasset-Verlag angekündigt. „Wir wollen keine Geiseln in einem ideologischen Krieg sein, der den Autoritarismus in der Kultur und in den Medien verbreiten will“, heißt es in ihrem offenen Brief.

Zu den Unterzeichnern zählen bekannte Namen wie Virginie Despentes, Frédéric Beigbeder und Bernard-Henri Lévy. Hintergrund sind die Entlassung des bisherigen Verlagschefs Olivier Nora, hinter der die Autorinnen und Autoren den Einfluss Bollorés vermuten, und der Wechsel des französisch-algerischen Schriftstellers Boualem Sansal zu Grasset. Laut französischen Medien steht Noras Entlassung im Zusammenhang mit einer Meinungsverschiedenheit über das Veröffentlichungsdatum von Sansals nächstem Buch, das seine Inhaftierung in Algerien beschreibt.

Boualem Sansal hatte im März angekündigt, sich von seinem bisherigen Verlag Gallimard, der ihn während seiner Inhaftierung unterstützt und begleitet hatte, zu trennen, um sich Grasset anzuschließen. Im „Journal du Dimanche“ kündigte er zuletzt an, sein „Kriegsbuch“ sei „fertig“ und könne „morgen früh herauskommen“.

Französischen Berichten zufolge allerdings hielt Geschäftsführer Nora das Buch keineswegs für „fertig“, sondern für stark lektoratsbedürftig. Sansal hatte nach seiner Freilassung Ansichten geäußert, die ihm den Vorwurf einbrachten, „rechtsextrem“ zu sein – ein Vorwurf, dem sich auch Grasset-Besitzer Vincent Bolloré ausgesetzt sieht. Der Investor hatte die Hachette-Gruppe, zu der neben Grasset noch andere Verlage zählen, 2023 übernommen.

Olivier Nora hatte am 14. April 2026 seinen Rückzug von der Verlagsspitze angekündigt, ohne Gründe dafür zu nennen. Er soll durch Jean-Christophe Thiery ersetzt werden, der als Bolloré-Vertrauter gilt. Medienberichten zufolge erhofft sich Bolloré von den Sansal-Memoiren einen Absatz von drei bis vier Millionen Exemplaren.

Die Unterzeichner des offenen Briefes, die verschiedenen politischen Lagern zugehören, prangern einen „inakzeptablen Angriff auf die verlegerische Unabhängigkeit“ an. Nora habe 26 Jahre an der Spitze des Verlages gestanden und dabei die Meinungsvielfalt der Autorinnen und Autoren verteidigt. „Jetzt sagt Bolloré mal wieder: ‚Ich bin hier Chef und mache, was ich will‘, und damit missachtet er alle, die hier publizieren“, heißt es weiter. Die Autoren verpflichten sich in ihrem Schreiben, ihre Bücher künftig nicht mehr bei Grasset zu verlegen. Einige von ihnen erwägen überdies Schritte, um ihre Rechte an bereits verlegten Büchern wiederzuerlangen.

„Der Abgang von Olivier Nora war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagte die Autorin Colombe Schneck der Nachrichtenagentur AFP. „Wir können nicht zulassen, dass alle Verlage der Hachette-Gruppe zu rechtsradikalen Häusern werden“, fügte sie hinzu. Sie verwies auf die Sender iTélé und Europe1 sowie auf die Zeitung „Journal du Dimanche“, die sich seit der Übernahme durch Bolloré politisch Rechtsaußen verorten. Bolloré hat in den vergangenen Jahren auch den Aufstieg des Rechtspopulisten Jordan Bardella gefördert, des Chefs der Partei Rassemblement National (RN) und möglichen Präsidentschaftskandidaten. Die Hachette-Gruppe reagierte zunächst nicht auf den geschlossenen Rückzug der 115 Autorinnen und Autoren.

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