Wir können nur ahnen, wie sich ein Student fühlen mag, der in Berkeley einige Zehntausend Dollar pro Semester hinblättert, um dann herauszufinden, dass sein Creative-Writing-Professor Robert Habeck heißt. Im Tandem mit seiner Frau Andrea Paluch unterrichtete der ehemalige Vizekanzler an der kalifornischen Eliteuni jetzt ein Seminar mit dem Titel „Writing Together – How We Did It“, also: „Gemeinsam schreiben – Wie wir das geschafft haben“.

Die Anspielung auf Nietzsche ist unüberhörbar. Der Philosoph unterteilte sein Buch „Ecce Homo“ in Kapitel wie „Warum ich so weise bin“, „Warum ich so klug bin“ oder „Warum ich so gute Bücher schreibe“. Selbstbeschreibungen, die auch einem Robert Habeck behagen mögen, obwohl dazugesagt werden muss, dass Nietzsche alsbald dem Wahnsinn verfiel. Böse Zungen behaupten, dass der damalige Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister das schon hinter sich habe, etwa bei der Einführung des Heizungsgesetzes oder bei dem sturen Festhalten an der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke.

Während Nietzsche nach Erscheinen seines letzten Buchs Paralyse, Demenz und Sprachverlust plagten, scheint es Habeck vergleichsweise gutzugehen. Ein mitreisender Hofberichterstatter der „Zeit“ beschreibt, wie der Gastprofessor in Brooks-Turnschuhen, Modell Adrenaline, braun gebrannt über den Campus spaziert, um sich an vegetarischen Quesadillas und alkoholfreiem Bier zu laben. Am Wochenende gehe es zum Wandern in die Berge rund um San Francisco oder an den Stinson Beach, wo man sich schön in jenem Gefühl verlieren kann, das Freud einst ozeanisch nannte – das Verschmelzen mit der Unendlichkeit. Ein Trost, gerade auch für Ex-Politiker, die nach neuen Wirkungskreisen fahnden: Das eigene Ich kann noch so aufgeblasen sein; die Unendlichkeit ist größer.

Ein paar Gemeinsamkeiten mit Nietzsche gibt es aber doch. Der umarmte vor seinem Zusammenbruch bekanntlich ein geschundenes Pferd. Habeck diskutiert in Berkeley immerhin über die Frage, wie viele Hühner man im Fall der Vogelgrippe keulen lassen sollte. Die Antwort bleibt die „Zeit“ leider schuldig. Mit „Die zweite Heimat der Störche“ (2004) haben Habeck und Paluch einen einschlägigen Roman vorgelegt. Darin geht es laut Verlagsmitteilung auch um eine Frage, die Habeck derzeit beschäftigen wird: „Woran kann man sich in der Gegenwart festhalten, wenn nicht an der eigenen Vergangenheit?“

Das klingt nach großer Literatur. Jedenfalls mehr als in Habecks/Paluchs „SommerGIG“ (2009). Dort tanzen junge Leute namens Tom und Penny, „die unnahbare Sängerin einer Schülerinnen-Rockband“, wie es im Klappentext heißt, im „glühend heißen“ Kopenhagen – wo Habeck inzwischen lebt und zum Klimawandel forscht. Schließlich entzweien sie sich, als ein syrischer Flüchtling um Hilfe fleht: „Zu unterschiedlich sind ihre Vorstellungen von Freiheit und Idealen.“ Ein Satz, den man am besten als Kurzfassung des Koalitionsvertrags der Ampel liest.

Ansonsten klingt es arg eng an ideologischen Leisten dahergeschustert. Spannender wäre es zu erfahren, ob es der Dichtkunst zuträglich ist, wenn man Koalitionsverträge redigiert, Pressemitteilungen erfindet und Kompromissformeln ersinnt. Vorsorgliche Dementis, poetische Unschärfe und Rückzüge aus dem, was man eben noch gesagt hat, scheinen lohnende literarische Fertigkeiten. Leider muss die „Zeit“ über die Details dessen, was im Raum 370 des Germanistischen Instituts vonstattengeht, Schweigen bewahren. Eine typische Wendung lautet: „Habeck antwortet deutlich. Und sagt später, er wolle damit nicht in der Zeitung stehen.“ Das ist nicht schön. Es könnte aber schlimmer kommen. Womöglich arbeitet er an einem neuen Roman.

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