Wenn man die Bibel als Referenzgröße für politische Legitimation nimmt, kann das nach hinten losgehen. Das mussten nicht nur die Könige des Mittelalters erfahren, die ihre Macht mit Gottesgnadentum begründeten – und dann vor 500 Jahren plötzlich von Bauern herausgefordert wurden, die fragten: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ Auch Donald Trump hatte im April 2026 bekanntlich viel Ärger mit einer KI-Grafik, auf der er sich als Wunderheiler im Jesus-Stil präsentierte. Das kam bei seinen christlichen Wählern nicht gut an.
Noch absurder als die Selbstinszenierung eines 79 Jahre alten Immobilienkapitalisten und Kriegsherrn als Jesus ist allerdings der Fehltritt, den sich Trumps Kriegsminister – ein besonders eifriger Religionsstreber – jetzt geleistet hat. Pete Hegseth wollte sich auf die Heilige Schrift berufen, als er über die Rettungsmission eines im Iran gestrandeten amerikanischen Kampfpiloten sprach – doch tatsächlich zitierte er Quentin Tarantino.
In einem Gebet, das Hegseth während eines Gottesdienstes im Pentagon vortrug, las er erfundene Bibelverse aus Tarantinos Film „Pulp Fiction“ von 1994. Es handelte sich um die abgeänderte Version von Hesekiel 25,17, die von der Figur Samuel L. Jacksons vorgetragen wird, kurz bevor sie einen Mann erschießt.
Hegseth sagte der Versammlung, dass das Gebet von der „Sandy-1“-Mission für Kampf- und Rettungseinsätze (CSAR) im Iran gesprochen worden sei: „Sie nennen es CSAR 25:17, was meiner Meinung nach auf Hesekiel 25,17 anspielen soll“, erklärte der Minister.
Hegseth forderte alle Anwesenden auf, gemeinsam mit ihm zu beten, und las dann Folgendes vor: „Der Weg des abgestürzten Piloten ist von allen Seiten bedrängt von den Ungerechtigkeiten der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet ist, wer im Namen von Kameradschaft und Pflicht die Verirrten durch das Tal der Dunkelheit führt, denn er ist wahrhaftig seines Bruders Hüter und der Finder der verlorenen Kinder. Und ich werde mit großer Vergeltung und zornigem Grimm über jene kommen, die versuchen, meinen Bruder gefangenzunehmen und zu zerstören, und ihr werdet wissen, dass mein Rufzeichen Sandy 1 ist, wenn ich meine Rache an euch vollstrecke. Amen.“
Was Hegseth vorlas, war aber eine Erfindung Quentin Tarantinos. Es ist nahezu wortwörtlich die englische Passage, die Jules Winnfield, der Auftragskiller in „Pulp Fiction“, spricht. Kurz vor dem Mord sagt er in der deutschen Synchronfassung des Films: „Also, da gibt’s eine Passage, die ich halb auswendig kann, die passt irgendwie zu diesem Anlass. Ich glaube, Hesekiel 25: ,Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der die Armen der Barmherzigkeit und des guten Willens, die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet, denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder.’ Und da steht weiter: ‚Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, damit sie erfahren, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!‘“
Hegseths Gebetsverwechslung wurde zuerst vom Blog für Religion und Politik „A Public Witness“ bemerkt. Dann stiegen die meisten amerikanischen Medien darauf ein – naturgemäß mit viel Häme. In Wirklichkeit lautet der entsprechende Bibelvers Hesekiel 25, 16/17 in der Luther-Übersetzung: „Siehe, ich will meine Hand ausstrecken gegen die Philister und will die Kreter ausrotten und will umbringen, die übrig geblieben sind am Ufer des Meeres, und will bittere Rache an ihnen üben und sie mit Grimm strafen, dass sie erfahren sollen, dass ich der Herr bin, wenn ich Vergeltung an ihnen übe.“
Der Vers hatte zur Zeit seiner Entstehung durchaus einen tagespolitischen Doppelsinn – Zuhörer des Propheten Hesekiel konnten „Philister“ und „Kreter“ durch „Babylonier“ ersetzen. Denn Hesekiel soll zur ersten Gruppe der 598 v. Chr. unter König Nebukadnezar II. nach Babylon verschleppten Israeliten gehört haben. Dort predigte er den ebenfalls verschleppten Israeliten und dort, im heutigen Iran, starb er auch und wurde begraben.
Für „Pulp Fiction“ hat Tarantino den erfundenen Vers in Wirklichkeit aus dem japanischen Martial-Arts-Film „Bodyguard Kiba“ von 1973 übernommen, einschließlich der fälschlichen Zuschreibung an Hesekiel. In dem japanischen Film wurde „Herrn“ durch „Chiba, der Bodyguard“ ersetzt.
Sein Fauxpas, den viele Zuhörer bemerkten und mit Lachen quittierten, hielt Hegseth aber nicht davon ab, schon am nächsten Morgen wieder die Bibel zu zitieren. Auf einer Pressekonferenz verglich er kritische Journalisten mit den Pharisäern, die als Widersacher Jesu dargestellt werden. Auf die Idee, dass sein demonstrativ vor sich hergetragenes Christentum – echt oder erfunden – im deutschen Sinne des Wortes „pharisäerhaft“ wirken könnte, kam er offenbar nicht.
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