Es gibt nicht viele Menschen, die dünne Zigaretten mit weißem Filter rauchen können, ohne gestelzt auszusehen. Die Künstlerin Jorinde Voigt ist so ein Mensch. Sie schafft es sogar, dabei einen Jumpsuit und hohe Reebok Classics zu tragen, was außer Jane Fonda kaum jemandem steht. Wir treffen uns in ihrem Atelier – das Wort „riesig“ wäre untertrieben – in Oberschöneweide im tiefsten Südosten Berlins, was böse Zungen „Oberschweineöde“ nennen.

Doch tatsächlich haben sich auf dem ehemaligen AEG-Fabrikgelände in den letzten Jahren eine Handvoll erfolgreicher Künstler angesiedelt, unter ihnen auch Alicja Kwade und Christian Jankowski, die viel Platz für ihre Produktionen brauchen, mit denen sie Berliner Kunstgeschichte geschrieben haben. Auch Jorinde Voigt füllt die alten Industriehallen direkt an der Spree problemlos. Dabei wird ihre Kunst ständig wieder abtransportiert, auf Biennalen, in Museen, in Opernhäuser und Großkanzleien. Als wollte sie dieser Geschäftigkeit etwas entgegenhalten, hat sie ihr Studio in einer Harmonie und Organik umbauen lassen, wie sie sonst vor allem in der Natur vorkommt: Holz und Lehmputz, Messingtüren und Zementboden verleihen den gefühlt unzähligen Räumen etwas Offenes und zugleich Warmes. Egal, wo man sich befindet, es fühlt sich gut an.

Wir treffen uns im Empfangsbereich, wo ihre Assistenten an langen schwarzen Tischen hinter Monitoren arbeiten. Der erste Raum – so hoch wie eine Kirche – ist mit einem luftigen Vorhang abgetrennt, auch er ist schwarz, ebenso wie die Acapulco-Chairs aus Gummibändern, die vor einem langen, weißen Marmorblock aufgereiht sind. Er dient als Ablagebereich, ein japanischer Holztisch als Arbeitsfläche, unweit davon sind Buntstifte sorgfältig auf einem Rollwagen sortiert, in allen Farben des Regenbogens. An den Wänden lehnen große Leinwände in Pink und Gelb, versehen mit geschwungenen Formen. Auf Tischen ist Pergamentpapier ausgebreitet, das Türkis einer Papierarbeit leuchtet darunter auf, versehen mit Blattgold, was unwillkürlich an Madonnendarstellungen denken lässt.

Sportlich: Jorinde Voigt

Im Umfeld der anthrazitfarbenen Wände und der meterhohen Fenster, was mit allem anderen in jeder Hinsicht frei und offen wirkt, leuchten die Farben von Voigts Arbeiten gleich doppelt hervor – und das ist erst der Anfang. Über Treppen und durch Türen begegnet man abgestuften Farbtönen, von Rosa, Lachsfarben und Lila zu Blaugrau, die einzelne Wände oder ganze Räume füllen. Man trifft auf Badewannen, farbig gekachelte Sitzecken mit tropischen Pflanzen, auf eine endlose schwarze Küchenzeile und ein Industrieregal, in dem handtellergroße, organisch geschwungene Formen liegen, die entfernt an Hans Arp erinnern. Sie könnten Türknaufvarianten sein oder Modelle für Skulpturen im öffentlichen Raum. Dann wieder stößt man auf silbrige Collagen auf sattgrünem Hintergrund und ebensolchen Holzrahmen, die eigentlich schon Vitrinen sind. Schließlich sind da die zarten Zeichnungen, denen man sich einfach nicht entziehen kann – es sind, so scheint es, Weiterentwicklungen der „Notationen“, mit denen Jorinde Voigt vor rund 15 Jahren bekannt wurde: visuelle Kompositionen voller Pfeile und Linien, die ihren Gedankengängen eine Form gaben.

Damals konnte sich noch keiner vorstellen, dass diese Künstlerin einmal so viel Platz brauchen und ihre Arbeit so farbenfroh und auch dreidimensional werden würde – so sehr, dass sie auf Architektur überspringt wie Kletterpflanzen auf Fassaden. Voigts filigrane Blätter von damals erinnern an wissenschaftliche Skizzen, philosophische Schemata oder schlichtweg an Musik und ganz entfernt auch an die obsessiven Schriftschwünge von Hanne Darboven. Es ist dieser romantische, sensible, aber auch intellektuell vielschichtige Touch, der in ihren neuen Arbeiten nachhallt. Zu behaupten, Voigts aus orangefarbenen und knallblauen Verläufen bestehenden Malereien strahlten wie Sonnenuntergänge und wolkenlose Himmel, ist mit heutigem Kunstvokabular zwar nicht ernsthaft möglich, ohne Klischees zu bedienen – und dennoch evozieren diese Bilder genau solche existenziell-verträumten Gedanken. Die Künstlerin selbst formuliert das allerdings sehr präzise.

„Ich wäre oft gern woanders“, sagt sie, als wir uns vor einem der riesigen Fenster niederlassen. Der Blick geht in den Garten, den die Künstlerin hier eigenhändig und offenbar mit viel Gespür und Wissen angelegt hat – sogar ein üppiger Feigenbaum windet sich die Außenwand empor, die Sonne wirft ihre Strahlen darauf, als wäre man in Italien. Ein Mitarbeiter bringt Espresso, und der Aschenbecher beginnt, sich auf eleganteste und beinahe geruchsfreie Weise zu füllen, was der Nonchalance der Künstlerin geschuldet sein muss. Warum, um alles in der Welt, sollte man sich hier wegwünschen wollen?

„Sobald ich etwas kann, wird mir langweilig. Ich funktioniere am besten in den Momenten des Ausprobierens. Meine ursprüngliche Frage ist: Was ist diese Welt eigentlich, und was sind wir darin? Sie ist nicht geklärt, und ich versuche, mich ihr immer wieder neu anzunähern.“ Diese Haltung ist eindeutig der Grund für Voigts Wandelbarkeit, für ihr Nichtbeharren auf einer Formel, mit der, einmal erfolgreich, viele Kollegen gern den Kunstmarkt bedienen. „Kunstmachen ist für mich ein Prozess, der sich im Rahmen einer philosophischen Skizzierung bewegt. Gedanken sind nicht zu trennen von der körperlichen Aktion und von den Bedingungen, unter denen beides entsteht. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, raumbezogen zu arbeiten.“

Jorinde Voigt, heute 49 Jahre alt, hat einige Semester Philosophie in ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main studiert, bevor sie nach Berlin an die Universität der Künste Berlin ging, in die Klasse von Katharina Sieverding. Dort wurde mit Film und Fotografie gearbeitet – was ungewöhnlich war für Voigt, die in einem Haus ohne Fernseher aufgewachsen ist. „Als Kind war ich andauernd draußen im Garten. Meine Mutter hat mir alles über Pflanzen beigebracht. Botanik war für mich viel natürlicher, als Filme zu schauen. Ich kannte keinen einzigen.“ Im Studium bei Sieverding sei es aber letztlich um das Untersuchen der Gegenwart gegangen, um das Nicht-Weggucken und das Was-passiert-gerade? Im Grunde also die beste und praktischste Fortsetzung ihres Pflanzen- und Philosophiestudiums.

„Das war wie Gehirntraining. Ich konnte mich in andere Denkmodelle hineinversetzen und sie durchspielen. Diese Versuche, die Vorstellung anderer nachzuvollziehen und dann rückwärts sich selbst zu überprüfen, sind für mich bis heute zentral. In meiner Arbeit bin ich immer sehr algorithmisch vorgegangen, habe alles in einzelne Parameter zerlegt und dafür Gesetze festgelegt, um zu prüfen, wie alles miteinander zusammenhängt, und um das dann durchzuspielen. Ich mache Kunst nur, um daraus einen Erkenntnisgewinn zu ziehen.“

So abstrakt es klingt: Voigts Arbeiten sind sehr sinnlich. Wer sich auf die organisch ineinander verwachsenen Skulpturen einlässt, auf die bunten Leinwände und flattrigen Schwünge auf Papier, der lässt sich von ihnen regelrecht einsaugen. Man ertappt sich dabei, den umgebenden Raum auf die sorgsam gesetzten Form- und Farbanordnungen hin zu erspüren, mit denen Abstraktion hier körperlich erfahrbar wird. „Kunst zu betrachten, heißt, in ein Möglichkeitsspektrum des Jetzt zu schauen“, sagt die Künstlerin, und inzwischen erkennt man darin eine voigtverkopfte Umschreibung für die Interaktion und Begegnung mit Kunst. Man merkt, die Künstlerin versteht ihre Arbeit im Grunde performativ, ja, sogar architektonisch, und angesichts dieses bewusst auf räumlichen Dialog angelegten Ateliers ist sie das tatsächlich auch.

Somit ist auch klar, wieso Jorinde Voigt Fernweh hat. Im weiteren Gesprächsverlauf geht es dann nämlich noch um Relativitätstheorie und Quantenphysik, und ohne sich anzumaßen, davon irgendetwas zu verstehen, könnte man erwägen, dass beide Themen vielleicht etwas gemeinsam haben, nämlich die Erkenntnis, dass Verwurzelung eigentlich unmöglich ist, genauso wie Raum und Zeit sich nicht so einfach festklopfen lassen. Und dass die kleinsten physikalischen Einheiten, aus denen alles besteht, also Quanten, immer auch gleichzeitig woanders und außerdem noch zwei Zustände gleichzeitig sind. Um es klassisch mit Heraklit zu sagen: Alles fließt. Alles ist ständig in Bewegung, Menschen genauso wie Musik, Wolken und Gefühle. Vielleicht auch deshalb sind Bäume und Blumen für Jorinde Voigt so interessant: Weil sie dieses Gedankenmodell mit ihrem stetigen Weiterwachsen spiegeln. Und zugleich widerlegen sie es: Was ist schließlich verwurzelter als ein Baum? Am Ende sind Ideen nur Ideen. Gedanken, die ihre Kreise wie Zigarettenrauch ziehen, bevor sie verschwinden – oder sich in Kunst verwandeln.

Zum Berlin Gallery Weekend (1. bis 3. Mai 2026) eröffnet die Galerie Judin ihre erste Einzelausstellung von Jorinde Voigt: „Non-Fiction“, bis 6. Juni, Mercator-Höfe, Berlin

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