Mit ihrer eleganten und feinen Erscheinung fällt es schwer, Gisela Capitain in die wilde Wirklichkeit Neapels einzuordnen. Doch ihre Begeisterung für die Stadt hat dazu geführt, dass das, was eigentlich nur ein temporärer Ort für ein paar Ausstellungen sein sollte, zu einer festen „Zweigstelle“ wurde. Mehr noch: Es ist der Ort, an dem sie den 40. Geburtstag ihrer 1986 in Köln gegründeten Galerie gefeiert hat – mit etwa 100 Künstlern und Kuratoren, die aus ganz Europa anreisten.

Es muss dieselbe Offenheit für das Unkonventionelle sein, die sie zur Freundin Martin Kippenbergers werden ließ – jenes Künstlers, dem die Jubiläumsausstellung gewidmet ist und dessen künstlerisches Erbe sie seit seinem Tod 1997 vertritt. „Kippenberger war für mich der Beginn meiner Beziehung zur zeitgenössischen Kunst“, erzählt Capitain beim Festessen in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert in Montecalvario. Geboren 1952 in Bayern, zog sie 1971 zum Studium nach Berlin, wurde Lehrerin. Dort habe sie ein „schärferes Bewusstsein für die Gesellschaft, für die Politik“ entwickelt, aber vor allem eine völlig andere, kreative Lebensweise kennengelernt.

1977, bei einer Modenschau, traf sie Kippenberger, der ihr Leben auf den Kopf stellte und ihre Perspektive grundlegend veränderte: „Er war ein Performer, Mitbegründer eines berühmten Punk-Klubs, ein Künstler zu 100 Prozent. Nach der Arbeit lebten wir das Berliner Nachtleben, den Existenzialismus in einer geteilten Stadt, auf der Suche nach etwas Wesentlichem.“ Mit einem Hauch von Selbstironie erinnert sich Capitain an Kippenbergers Sticker-Aktion „Dieser Mann sucht eine Frau“, für die er sie gebeten hatte, Aufkleber mit seinem Porträt und seiner Telefonnummer auf den Türen von Damentoiletten anzubringen – allerdings ohne Erfolg. Durch Kippenberger habe sie auch „sechs bis sieben“ weitere Künstler kennengelernt, mit denen sie später ihr Galerieprogramm begonnen hat. Um niemanden zu kränken, vermeidet Gisela Capitain es, ihre Namen zu nennen.

Ein kultureller Zusammenprall

Nach zwölf Jahren intensiven Lebens im Schatten der Mauer erfolgte 1983 der Umzug nach Köln, das damals gerade zum Mittelpunkt des deutschen Kunstbetriebs wurde. Im Rheinland ließ sie sich von der entspannteren Lebensart verführen – und ist bis heute geblieben (im Herbst wird das Jubiläum auch in Köln mit einer Gruppenausstellung der Galeriekünstler gefeiert). Zweieinhalb Jahre bei Max Hetzler hatten ihr gezeigt, wie man eine Galerie führt. 1986 eröffnete sie ihre eigene: „Ich war nur von Männern umgeben, aber ich bin trotzdem meinen Weg gegangen.“ Capitains Schwerpunkt lag zunächst auf Zeichnungen und Papierarbeiten. „Es war eine Art Verlag, der nicht in der traditionellen Weise funktionierte, sondern ein etwas offeneres System anbot.“

Prägender Faktor in den ersten Jahren ihrer Galerietätigkeit war der Kontakt mit Kollegen, der es ihr ermöglichte, ein Netzwerk aufzubauen und zu erweitern. „Köln wurde zu einem Zentrum der internationalen Kunstszene, und so begann ich, auch nach New York zu reisen, um Künstler zu treffen.“ Zu den Einflüssen dieser Zeit gehörten etwa Begegnungen mit Christopher Wool und der feministischen Künstlerin Zoe Leonard, die sie dazu bewogen, ein Gleichgewicht zwischen Künstlern und Künstlerinnen in der Galerie anzustreben.

Ein weiterer wichtiger Schritt führte sie nach Los Angeles. Gisela Capitain beschreibt diese Erfahrung als kulturellen Zusammenprall, begegnete ihm jedoch mit Offenheit. Sie beruft sich auf Francis Picabias Satz, unsere Köpfe seien rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln könnten. „Also haben mein Team und ich unsere Köpfe und Blicke in alle Richtungen gedreht, um das zu entdecken, was wir für neu und für wichtig in seiner Zeit hielten, und was sich in einer neuen Sprache ausgedrückt hat.“

So gibt es auch keine bestimmte Richtung im Programm der Galerie Capitain. „Ich habe mich immer für Künstler interessiert, die ein sehr komplexes, vielgestaltiges Werk schaffen, die auch eine Form dafür finden, um ihr Werk entsprechend zu einer Entfaltung zu bringen“, erklärt die Galeristin, „und die eben eine Intensität haben, wie ich sie bei Martin Kippenberger kennengelernt habe.“ Der im Alter von nur 44 Jahren verstorbene Künstler war der Lehrer, der Capitain und ihre Arbeit geprägt hat. Zu den wichtigen Positionen der frühen Jahre der Galerie zählen zudem Christopher Williams, Günther Förg, Charline von Heyl, Albert Oehlen und Franz West

Künstlerkarrieren sind Verpflichtungen

Die Geschichte ihrer Galerie verlief parallel zur tiefgreifenden Transformation der Kunstwelt. „Die 1980er-Jahre waren im Vergleich zu heute überschaubar.“ Nicht nur der Kunstmarkt habe sich seitdem globalisiert, man stehe inzwischen mit Künstlern aus aller Welt im Austausch. Capitain hat das globale Aufkommen von Biennalen und Großausstellungen miterlebt. Kunst sei heute überall zu sehen. Es gebe Kuratoren, die nichts anderes tun, als den Globus zu bereisen.

„Da ist eine gigantische Quantität an Angeboten, an Künstlerprojekten, an Konzepten, an was auch immer entstanden.“ Für eine Galeristin, sagt Capitain, sei diese Fülle kaum vollständig zu überblicken. „Ich habe den Künstlern gegenüber eine Verpflichtung.“ Umso wichtiger seien langfristige Beziehungen, die für beide Seiten nicht nur ökonomisch, sondern auch inhaltlich gewinnbringend sein müssten.

Diese Haltung führte Gisela Capitain im Jahr 2008 zurück nach Berlin. Gemeinsam mit Friedrich Petzel, der seine Galerie 1994 in New York gründete, eröffnete sie Capitain Petzel in einem verglasten Pavillon der DDR-Moderne, um ihren Künstlern die Möglichkeit zu geben, am Diskurs in der deutschen Hauptstadt teilzunehmen. Nach der Covid-Pandemie reifte die Entscheidung, weiterhin neue Konzepte zu entwickeln.

„Wir hatten in Rom mit dieser Pop-up-Idee begonnen und dort zwei Ausstellungen gemacht. Dann gab es diese Chance, sich hier in Neapel zu engagieren und zweimal im Jahr eine Ausstellung zu machen.“ Die sogenannte Zweigstelle Capitain soll auch die Künstler motivieren: „Neapel ist eine unglaubliche Stadt mit einer irrsinnigen Energie, mit einem Faszinosum für Künstler, die sie in dieser Einmaligkeit nur hier finden.“ Die Galerie befindet sich in einem neapolitanischen Palast aus dem 16. Jahrhundert, der Hilaire de Gas, dem Großvater von Edgar Degas, gehörte und in dem der französische Künstler auch zeitweilig lebte.

Mit Nulden zu den Sternen: Laternen-Installation von Martin Kippenberger im Palazzo DegasBlick in die Kippenberger-Schau „Per Pasta ad Astra“ in der Zweigstelle Capitain in Neapel

Die Schau von Martin Kippenberger trägt den ironischen Titel „Per Pasta ad Astra“ und umfasst Werke, die verschiedene Aspekte seines Schaffens abdecken und seine Verbindung zu Italien erzählen. „Zu Kippenberger gibt es ja immer gespaltene Haltungen: Entweder man befürwortet ihn intensiv, oder man lehnt das ab“, so Capitain.

Ihre Galerie sei seit knapp 30 Jahren damit beschäftigt, Kippenbergers Œuvre zu betreuen und zu präsentieren. Nachlassverwaltungen benötigen viel Zeit, vor allem wenn es sich um eine so diverse und quantitativ überwältigende Produktion handelt, wie aus Kippenbergers Schaffensphase. Für viele sei sein Werk schwierig einzuordnen. Anhänger einer strengen Sicht auf die Kunstgeschichte könne es noch immer irritieren. „Aber das“, findet Gisela Capitain, „kann man ja verändern.“

Martin Kippenberger. Per Pasta ad Astra“, bis 29. Mai, Galerie Gisela Capitain, Zweigstelle in Neapel

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